Joanna Newsom: Have One On Me
Und mit verblüffendem Erfolg, denn um die Marktgesetze der hitradio-tauglichen Popmusik hatte sich Newsom ohnehin nie wirklich geschert, ihre Stimme war gewöhnungsbedürftig, und die Harfe ist möglicherweise auch nicht von vornherein jedermanns absolutes Lieblingsinstrument. Wer sich aber erst einmal auf Joanna Newsom eingelassen hat, wird sich der ungeheuren Sogwirkung dieser (im wörtlichen Sinn) eigenartigen Mixtur aus intelligenten und vielschichtigen Texte und außergewöhnlich instrumentierten Klangwelten nicht entziehen können, wird es auch gar nicht wollen. Die 18 Songs des insgesamt 120 Minuten dauernden Gesamtkunstwerkes sind mit dem musikalischen Fineliner skizzierte Kleinode von großer Schönheit, wilder Verworrenheit und ausufernder Phantasie – und trotzdem im Hier und Jetzt verwurzelt. Auf einer Handvoll Stücke begleitet sich Newsom solo auf Harfe oder Klavier – durchwegs besonders intensive Momente –, aber auch die größeren, teilweise ziemlich extravagant instrumentierten Besetzungen begeistern durch große Geschmacksicherheit. Das Schönste an „Have One On Me“ ist aber, dass sich mit jedem Mal anhören neue sprachliche Raffinessen und zuvor noch nicht bewusst wahrgenommene, ausgeklügelte Klangbilder eröffnen. Ein Alltime-Klassiker!
(Drag City/Rough Trade)

