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  <title>Literatur</title>
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  <item rdf:about="http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/ein-gemeinsames-wort-2013-fabian-oppolzers-romandebut-201ekein-boeses-kind201c">
    <title>Ein gemeinsames Wort – Fabian Oppolzers Romandebut „Kein böses Kind“</title>
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    <description>Es war ein Unfall, daran besteht kein Zweifel. Aber wenn ein Lehrer mit seinen Schülern auf Klassenfahrt geht, übernimmt er eben Verantwortung. Wie weit geht die? „Assmarragg“ hat Simon gemurmelt, bevor er starb, und das war sein gemeinsames Wort mit Lisa, das wäre für die beiden Schüler der Beginn ihrer Liebe gewesen. Fabian Oppolzer legt mit seinem Roman „Kein böses Kind“ eine beeindruckende Erkundung von Schuld und Mitschuld vor.</description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[<p>Literaturfreunde konnten Fabian Oppolzer bereits in der Reihe „Junge AutorInnen“ kennenlernen. Da präsentierte der in Vorarlberg aufgewachsene und jetzt in Wien lebende Autor erste Kostproben aus einem Romandebut, das vor allem mit seinen atmosphärisch dichten Bildern beeindruckt.</p>
<p><span>Nikolaus Nepomuk Nachtigall hat zwar einen Namen, der ihn für dumpfe Schülerscherze geradezu prädestiniert, aber die Scherze kommen nicht. Nachtigall ist beliebt und erlebt in der Klasse zum Beispiel eine lebhafte Diskussion über König Ödipus. „Jeder will eigene Entscheidungen treffen“, meint Simon. Und drum blendet sich Ödipus, auch wenn er sich ohne Wissen schuldig machte: „Als Ödipus erfährt, was er angerichtet hat, will er auch dafür geradestehen. Ob er nun etwas dafür kann oder nicht. Er zieht für sich und sein Leben die Konsequenzen.“</span></p>
<h3><span>Ein anderer Ödipus</span></h3>
<p><span><br />Simon ahnt nicht, dass er seinen Lehrer in genau diese Lage bringt. Zusammen mit Lukas und Samuel verunglückt er tödlich während einer Klassenfahrt nach Griechenland. Nachtigall kehrt grau, krank, zerstört zu seiner Familie zurück. Seine Frau Maria indes findet keinen Trost. Sie scheint genauso abgrundtief traurig. Den behinderten Buben Paul, den die beiden adoptiert haben, lehnt sie immer brachialer ab, gerät in den Sog von Erinnerungen an jugendliche Selbstmordversuche. Psychisch instabil sind auch die Schüler.</span></p>
<p>„Als ich ein Kind war“, erzählt Lisa, „spielte ich mit meinem kleinen Bruder ein Spiel. Wir zählten bis drei und sagten dann gleichzeitig ein erfundenes Wort. Mein Bruder war damals sieben oder acht und den ganzen Tag über im Krankenhaus. Er war davon überzeugt, geheilt zu werden, würden wir zufällig genau das gleiche Wort sagen.“ Das gemeinsame Wort finden die beiden Kinder nicht, und Lisas Bruder stirbt.</p>
<h3><span>Unerklärliche Taubheit</span></h3>
<p><span><br />Eine bedrückende Schuld zieht sich durchs Leben aller Protagonisten in diesem Buch, und eine fiebrige Suche nach dem gemeinsamen Wort, das es vielleicht doch gäbe. Doch die Suche bleibt verkapselt im getriebenen Ich. Wie Maden fressen sich Nachtigall und seine Frau, Samuel, Lisa und Simon durch ihre Tage. Erschrocken sehen sie auf die emotionale Taubheit des jeweils anderen. Nachtigall sieht auf einem Bauernhof fünf junge Kätzchen. Er greift nach einem, nimmt es auf den Arm, „spürt sein Herz in seiner Hand pochen“. Doch Sohn Paul hat nicht das geringste Interesse an diesem jungen Leben. „Paul will Sachen, die blinken, Hebel haben, Knöpfe zum Drücken.“</span></p>
<p><span>Einen wunderbar hellen Blick richtet Oppolzer auf die Schüler, die bedroht scheinen von dieser kaputten Erwachsenenwelt, der sie sich mehr oder weniger gezielt zu entziehen suchen. Samuel foltert seinen Lehrer mit beeindruckender Renitenz: „Ich darf Ihnen doch widersprechen“, fängt er an, „das ist mein Grundrecht.“ Simon lässt Nachtigall abblitzen, als der mit ihm eine rauchen will. Und Lisa, die gelegentlich bei Nachtigalls auf den Jungen aufpasst, wird von beiden gleichermaßen blind angesteuert und weist beide gleich kühl zurück. Kinder sind sie nicht mehr, auch keine bösen Jugendlichen. Auch Paul ist kein böses Kind. Und Nachtigall oder seine Frau Maria sind auch nicht bös. Nur ist nichts heil in dieser Familie, nichts unschuldig, nichts unbeschwert. Und Maria tut am Ende, was die Stimmen ihr flüstern.<br /> </span></p>
<p class="callout">Fabian Oppolzer, Kein böses Kind, Hardcover mit Schutzumschlag, 216 Seiten, 19,90 Euro, Luftschacht 2013, ISBN 978-3-902844</p>]]></content:encoded>
    <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>
    <dc:creator>Ingrid Bertel</dc:creator>
    <dc:rights></dc:rights>
    <dc:date>2013-05-15T05:00:00Z</dc:date>
    <dc:type>Kritik</dc:type>
  </item>


  <item rdf:about="http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/der-beichtvater-die-nonnen-und-201ehimmlischer201c-sex-eine-buchempfehlung-hubert-wolf-201edie-nonnen-von-sant2018-ambrogio201c">
    <title>Der Beichtvater, die Nonnen und „himmlischer“ Sex – Eine Buchempfehlung: Hubert Wolf, „Die Nonnen von Sant‘ Ambrogio“</title>
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    <description>Rom, im Juli 1859: Eine Nonne ruft um Hilfe, man will sie vergiften, doch sie kann fliehen. Es kommt zu einem Prozess, in dem die Inquisition Unglaubliches aufdeckt: Im Kloster Sant‘ Ambrogio werden seit Jahrzehnten Nonnen als Heilige verehrt. Visionen, Dämonenaustreibungen, Segnungen per Zungenkuss, lesbische Initiationsriten und Wunder sind an der Tagesordnung. Zweiflerinnen werden beseitigt. Und hinter den Nonnen steht ein Netzwerk von Jesuiten mit besten Kontakten zu Papst Pius IX (Pontifikat 1846 – 1878). </description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[<h3>Gott oder der Teufel</h3>
<p><span><br />Die Hauptangeklagte im Prozess ist die schöne, junge Novizenmeisterin Maria Luisa. Sie wird von Jesuiten und hochrangigen Kurienmitgliedern hofiert und gefördert, die eine extrem konservative  theologische und kirchenpolitische Richtung vertreten. Angezeigt wird der Skandal durch eine Adelige aus Sigmaringen in Württemberg: Katharina von Hohenzollern. Sie bringt den Fall vor das Inquisitionsgericht und spielt damit natürlich den Gegnern des jesuitischen Netzwerkes in die Hände.</span></p>
<p>Im Prozess gegen das Kloster sind Konflikte in zugespitzter Form erkennbar, die das gesamte 19. Jahrhundert prägten und bis heute nicht ausgestanden sind. Der Fall zeigt außerdem, wie Frauen in einer von Männern dominierten Kirche Macht ausüben und wohin im Extremfall blinder Gehorsam, eine übersteigerte Frömmigkeit und sexuelle Unaufgeklärtheit führen konnten. Das Buch <i>Die Nonnen von Sant‘ Ambrogio </i>hat kein Religionsverächter geschrieben, sondern ein angesehener Kirchenhistoriker: Hubert Wolf ist Theologe, geweihter Priester und  Professor an der Universität Münster. In den Vatikanischen Archiven hat er die Akten eines einzigartigen Skandals aufgespürt, der in diesem Buch erstmals publik gemacht wird.</p>
<h3><span>Das Charisma der Novizenmeisterin</span></h3>
<p><span><br />In der meisterhaft spannend geschriebenen Erzählung Hubert Wolfs  geht es nicht nur um Mord, sexuellen Missbrauch und angemaßte Heiligkeit vor den Toren des Vatikans, sondern auch um die Macht des Papstes. Das  Kloster Sant‘ Ambrogio befindet sich mitten in Rom, zwei Kilometer vom Vatikan entfernt. Als „Madre Vicaria“ des Klosters verfügt Maria Luisa über ein Charisma, dem alle verfallen: die Äbtissin, die Nonnen, die Priester und die beiden Kurienkardinäle Costantino Patrizi und Karl August von Reisach. Sie lässt sich als eine Heilige verehren, regiert das Kloster und erfindet Rituale der lesbischen Liebe. Schließlich zieht sie auch  ihren Beichtvater in ihren Bann und ins Bett. Sie versteht es, durch fingierte „Himmelsbriefe“ den Skandal in Taten der himmlischen Gnade zu verwandeln. Eine Reihe von Nonnen behauptete, Gott habe Maria Luisa mit zahlreichen weiteren himmlischen „Gaben“ ausgezeichnet. Dazu gehörten ihre mystischen Entrückungen in Himmel, Hölle und Fegefeuer. Durch ihre „Aktionen in der Hölle“ zog sich Maria Luisa jedoch den besonderen „Hass des Teufels“ zu. Dieser kam daher nicht selten nachts zu ihr, um mit ihr zu kämpfen. „Am Morgen danach zeigte sie sich im Gesicht und Mund übel zugerichtet. Das Skapulier</span><a href="#_ftn1">[1]</a><span> der Ordenstracht war in langen Fetzen zerrissen.“ Zufällig hatte sich in derselben Nacht auch ihr Beichtvater im Kloster aufgehalten.</span></p>
<h3><span>Der außerordentliche Segen</span></h3>
<p><span><br />Was den Beichtvater betraf, so stand, wie Maria Luisa später berichtete, der Empfang des </span><i>außerordentlichen Segens</i><span> im Vordergrund: „Einmal ließ ich mich während dieser Vertraulichkeiten sehr entflammt von der Liebe Gottes sehen. Pater Peters hielt mich umarmt; ich lag auf seiner Brust; plötzlich führte er seine Hand unter mein Skapulier und dann in den Schlitz des Habits, schob das Kruzifix zur Seite und fing an, mit seiner Hand auf meiner Brust an der Seite des Herzens zu reiben, und zwar eine sehr lange Zeit …. Inzwischen verdoppelte er seine Küsse, sein Streicheln, seine Ausdrücke… Aber dabei spielte ich fast immer vor, von Sinnen zu sein oder mit dem Herrn beziehungsweise mit der Madonna zu sprechen.“ Pater Peters, so die Nonne, habe sie mit großer „Brunst“ geküsst, umarmt und „mit großer Vehemenz“ seine Zunge in ihren Mund eingeführt. „Was mich betrifft“, berichtete sie, „tat ich so, als ob ich mir dieser Akte nicht bewusst wäre, damit er an meiner vorgegebenen Reinheit und Heiligkeit nicht zweifeln würde“.  Danach habe er mit großer Begeisterung erzählt, dass er in jener Nacht an ihr die Schönheit wie die der Madonna gesehen habe.</span></p>
<p>Peters wollte seine Ausrufe ausschließlich im Sinn religiöser Verzückung und nicht sexuell verstanden wissen. Vor dem Inquisitionsgericht erklärte er: „Die Tat stimmt. Ich habe aber niemals eine weder unreine noch zärtliche Zuneigung zu dieser Nonne gehabt. Ich sprach solche Ausdrücke fast immer mit kaltem Herzen und sogar bekümmert und gelangweilt aus, weil ich mich davon überzeugen wollte, ich müsse Ehrerbietung und auch väterliche Liebe dieser Seele gegenüber zeigen, die ich für heilig hielt; es war kein Ausbruch von Lust, sondern absolut vom Willen beherrscht.“  Auch andere Handlungen, die er mit Maria Luisa begangen habe, dürften keinesfalls als Zeichen seiner Lust interpretiert werden. Es stimme zwar, dass Maria Luisa ihren Finger mit dem Himmelsring zum Zweck der Verehrung in seinen Mund „eingeführt“ habe, er habe ihn aber niemals „gelutscht." Verehrend küssen war für ihn ein religiöser Akt, lutschen dagegen ein erotisch-lustvoller Vollzug. Für die Moraltheologie des 19. Jahrhunderts war der Zungenkuss „vom Ziel wie vom Tatbestand her“ eine eindeutige Todsünde. Er war sogar auch Ehepartnern verboten.</p>
<h3><span>Theologie als Mittel der Machtpolitik</span></h3>
<p><span><br />Der Jesuit Pater Peters entpuppt sich im Verlauf des Inquisitionsverfahrens als vatikanischer Spitzentheologe und enger Vertrauter und Ratgeber des Papstes, und zwar in zentralen theologischen und machtpolitischen Fragen. Vor allem in der Frage, wie man dem modernen Zeitgeist und den Forderungen nach Freiheit der Religionsausübung sowie der Freiheit der Wissenschaft und Demokratie  entgegentreten könne. Das Vertrauen des Papstes in Pater Peters, der eigentlich Joseph Kleutgen heißt und aus Deutschland stammt, ist so groß, dass er ihn einlädt, das Unfehlbarkeitsdogma maßgeblich mitzuformulieren. Im Buch „Die Nonnen von Sant‘ Ambrogio geht es also um mehr als um das Thema Sexualität. Kleutgen ist der Chefideologe der neuscholastischen Bewegung, welche im 19. Jahrhundert  auf die Zentralisierung der ganzen katholischen Kirche hinarbeitet und die  Unfehlbarkeit des Papstes in den Vordergrund stellt. Der Einfluss jener Theologen in Europa, die mit der Aufklärung sympathisieren, soll vollständig zurückgedrängt werden. Die gesamte katholische Theologie wird auf  ein in Rom zentralistisch gehandhabtes ordentliches Lehramt eingeschworen. Thomas von Aquin wird zur Leitfigur der Neoscholastik. Es ist dies jener Kirchenvater, der die Todesstrafe gefordert hatte für Menschen, die den christlichen Glauben verlassen. Also genau das, was man heute in einigen islamischen Ländern sehen kann: die Verfolgung der Konversion durch die Todesstrafe.</span></p>
<p>Das Buch <i>Die Nonnen von Sant‘ Ambrogio</i> lässt sich lesen als Einführung in den Streit der katholischen Kirche mit der modernen Welt und der Aufklärung. Hierbei ist die Aufklärung gemeint, die den Menschen ermutigte, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und sich so aus seiner selbstverschuldeten Abhängigkeit zu befreien.</p>
<p>Das Urteil des Kirchenhistorikers Hubert Wolf über Joseph Kleutgen lautet: „Der Jesuit wollte ein vorbildlicher Priester und besonders sittenstreng sein und war doch den Versuchungen des Weibes gleich mehrfach erlegen. […] Er wusste, dass Zungenküsse unmoralisch waren, und hatte seine Zunge gleich minutenlang im Munde der schönen jungen Nonne gelassen. Er war in den himmlischen Höhen theologischer Spekulation auf den Spuren des heiligen Thomas von Aquin zu Hause, aber den menschlich-allzumenschlichen Niederungen der praktischen Seelsorge in einem Nonnenkloster nicht gewachsen.“</p>
<h3><span>Der erfolglose Protest der Kirchenhistoriker</span></h3>
<p><span><br />Am 13. Juni 2000 schickten die katholischen Kirchenhistoriker des gesamten deutschen Sprachraums von Innsbruck aus ein Protestschreiben an den Vatikan. Sie brachten schwere Bedenken vor, nämlich gegen die geplante Seligsprechung des Papstes Pius IX. Sie wiesen mit Nachdruck auf die - aus ihrer Sicht - verhängnisvollen  „menschlichen und geistlichen Defizite“ dieses Papstes hin.   Er sei nicht in der Lage gewesen, die Ereignisse nach der  Revolution von 1848  nüchtern zu analysieren  und den  „liberalen Katholizismus" im Kirchenstaat vorurteilslos zu bewerten. In einer oft groben Schwarz-Weiß-Malerei habe er überall nur </span><i>Gott oder den Teufel</i><span> am Werke gesehen. Der „katholische Liberalismus"  sei keineswegs  eine bequeme Anpassung der Kirche an den Zeitgeist gewesen, sondern vielmehr der Versuch, „die Kirche glaubwürdig“ zu machen „in einer Welt, die um den Wert der </span><i>Freiheit </i><span>kreiste“. Der Protest verpuffte wirkungslos. Am 3. September 2000 wurde Pius IX  von Papst Johannes Paul II selig gesprochen .</span></p>
<h3>Auswirkungen der Politik des Papstes auf  Vorarlberg</h3>
<p><span><br />In den vom Katholizismus dominierten Ländern Europas wirkte sich die Wissenschafts- und Demokratiefeindlichkeit von Pius IX  negativ aus.</span><a href="#_ftn2">[2]</a><span> In Vorarlberg war dies besonders deutlich zu spüren. Die katholisch-konservative Partei, die ab 1870 die Macht im Landtag übernahm, wurde gegründet, um die Ideen der Aufklärung  von Vorarlberg fern zu halten. Wer die liberale oder sozialdemokratische Partei wählte, beging eine schwere Sünde und wurde von katholischen Priestern mit Höllenstrafen bedroht. Was die Konservativen wollten, lief im Grunde auf die Errichtung eines Kirchenstaates Vorarlberg hinaus. </span></p>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
<p><a href="#_ftnref1">[1]</a> <strong>Skapulier</strong> ist ein Überwurf über die Tunika einer Ordenstracht.</p>
<p><a href="#_ftnref2">[2]</a> Vgl.: Culture Wars. Secular-Catholic Conflict in Nineteenth-Centure Europe. Edited by Christopher Clark, Wolfram Kaiser. Cambridge University Press 2003</p>
<p> </p>
<p class="callout">Hubert Wolf, Die Nonnen von Sant’ Ambrogio. Eine wahre Geschichte, Gebunden, 544 Seiten, 24,95 Euro, C.H. Beck, München, 3. Auflage 2013, ISBN 978-3-406-64522-8</p>]]></content:encoded>
    <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>
    <dc:creator>Leo Haffner</dc:creator>
    <dc:rights></dc:rights>
    <dc:date>2013-05-07T05:00:00Z</dc:date>
    <dc:type>Kritik</dc:type>
  </item>


  <item rdf:about="http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/das-erste-201ehistorische-lexikon-des-fuerstentums-liechtenstein201c-2013-ein-epochales-werk-zum-schmoekern-und-lesen">
    <title>Das erste „Historische Lexikon des Fürstentums Liechtenstein“ – Ein epochales Werk zum Schmökern und Lesen</title>
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    <description>Was den Briten die „Encyclopædia Britannica“ und den Deutschen der „Brockhaus“, das ist den Liechtensteinern das „Historische Lexikon des Fürstentums Liechtenstein“. Im Februar dieses Jahres erschienen, ist das Mammutwerk in 2 Bänden nicht nur fast 6 Kilogramm schwer, es ist auch inhaltlich ein absolutes Schwergewicht. Rund 2600 Artikel, 510 Fotos und über 200 Tabellen, Grafiken, Stammtafeln und Karten geben der Geschichte Liechtensteins ein Gesicht. Selbstverständlich wird dabei auch die Region berücksichtigt. </description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[<p>Von A bis Z enthält dieses Lexikon alles, was man schon immer über Liechtenstein wissen wollte und weit mehr. Es ist ein Nachschlagewerk und ein Schmökerbuch, denn vieles, was es enthält, ist so bisher noch nirgends publiziert worden. Unter der Leitung der Redaktion von Arthur Brunhart, Landtagspräsident der letzten vier Jahre, haben zahlreiche Autoren, Berater, Institutionen, Illustratoren, Kartographen, Lektoren und Grafiker daran gearbeitet. Brunhart gilt auch als „Vater“ dieses Werks, immerhin hat er das Projekt vor 25 Jahren mit initiiert und bis zur Fertigstellung geleitet. Zunächst sollte es im Jahr 2006 fertig sein. So hieß es seitens der damaligen Regierungsrätin Andrea Willi: „Im Lichte der 200 Jahr-Feier der Souveränität Liechtensteins, die im Jahre 2006 begangen werden kann, stellt die Herausgabe des Nachschlagewerkes ein außergewöhnliches Geschenk an die Einwohnerinnen und Einwohner Liechtensteins dar."</p>
<h3>Kosten und Bücher</h3>
<p><b> </b></p>
<p>Aus dem Geschenk wurde nichts. Nicht nur weil die Arbeiten viel aufwändiger waren als gedacht, auch die Finanzen hatten nicht gereicht. Insgesamt verschlang das Werk zwei Kredite in Höhe von 4,7 Millionen Franken. Damit hat die Redaktion nicht nur das Lexikon geschaffen, sondern auch weitere Publikationen wie etwa die drei Bände „Bausteine zur Geschichte Liechtensteins“. Zudem wurden mehrere Seminare zur Geschichte Liechtensteins an den Universitäten Fribourg, Zürich, Salzburg und Innsbruck durchgeführt.</p>
<h3>Amüsantes und Wissenswertes</h3>
<p><b> </b></p>
<p>Die Millionen sind gut investiert. Das Lexikon ist mehr wert als diese Summe. Denn ob Themen aus der Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur, Kirche oder dem Staat ganz allgemein – es gibt nichts, was nicht aufgegriffen worden wäre. Darunter sind auch durchaus amüsante Beiträge. Wer weiß schon, was in Liechtenstein eine „Eiserne Kuh“ bedeutet oder was es mit dem Trattrecht auf sich hat? Und dass Liechtenstein und die Schweiz mit 5 Fähren verbunden waren, die erst 1867 durch hölzerne Brücken ersetzt wurden? Ein viel weiterer Blick zurück wird mit einer Grafik gewagt, die aufzeigt, wie das Rheintal vor etwa 17.000 Jahren ausgesehen hat – damals gab es noch den Rheintalsee, der gemeinsam mit dem Walensee vom Rheingletscher gespeist wurde. Der Seespiegel betrug 400 Meter ü.M.</p>
<h3>Österreich und die Bildung</h3>
<p><b> </b></p>
<p>Für Österreicher könnte auch die differenzierte Beschreibung der Beziehungen zwischen Liechtenstein, dem Staat Österreich und natürlich speziell dem Land Vorarlberg interessant sein. Dabei wird klar, dass vor allem Feldkirch mit dem 1649 gegründeten Jesuitengymnasium für Liechtenstein eine wichtige Bildungsstätte war. Viele Liechtensteiner Beamte, Lehrer, Ärzte und Geistliche stammen denn auch aus Vorarlberg. So heißt es im Historischen Lexikon des Fürstentum Liechtensteins: „Noch 1920-21 war der gebürtige Tiroler und ehemalige Feldkircher Bürgermeister Josef Peer Liechtensteiner Landesverweser.“ Viele Jahre davor wirkte schon der 1528 gestorbene Feldkircher Humanist, Stadtarzt und Apotheker Georg Iserin in Liechtenstein. Die Beziehungen im Gesundheitswesen dauern übrigens bis heute an, so gibt es zwischen dem Landeskrankenhaus und dem Fürstentum Liechtenstein seit 1987 eine vertragliche Bindung.</p>
<h3>Der Adel und die Reichen</h3>
<p><b> </b></p>
<p>In diesem Lexikon sind nicht nur historische Geschehnisse und Denkmäler beschrieben. Es ist insgesamt in 5 Artikelkategorien gegliedert: der geografische Raum, die Landesherrschaften, die Familien, Einzelpersonen und verschiedene Sachbereiche. Selbstverständlich kommt auch der Adel nicht zu kurz. So sind die Grafen von Werdenberg-Sargans zu Vaduz, die Freiherren von Brandis, die Grafen von Sulz, von Hohenems und die Fürsten von Liechtenstein mit ihren Familiengeschichten beschrieben. Eine sehr gut gestaltete Grafik zeigt beispielsweise die Gebiete der Grafen von Sulz, die sich vom Klettgau bis Blumenegg erstreckten. Es zeigt aber auch, wie schwierig das Verwalten dieses Landbesitzes gewesen sein musste, mit all den Eidgenossen und den Habsburgern dazwischen.</p>
<h3>Die Römer und ihre Funde</h3>
<p><b> </b></p>
<p>Wer aber kennt heute noch die Hunfridinger, die Udalrichinger oder die Burchardinger? Hingegen hinterließ der römische Legionär Cavidius Felix P. nicht nur seinen Namen in Liechtenstein. Cavidius’ Name ist auf einem der beiden römischen Helme eingepunzt, die in Schaan entdeckt wurden. Und von Balzers kennt man den ersten Bewohner, auch er war ein Römer. Von Silvinus wurde ein Teller mit dem graffito „Silvini“ (ich gehöre dem Silvinus) gefunden. Vermutlich hat Silvinus Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. dort gewohnt, entdeckt wurde das Stück aber erst 1995 bei einer Grabung.</p>
<h3>Waffen und Handel</h3>
<p><b> </b></p>
<p>Auch die jüngere Geschichte ist interessant. So wird der Erbauer der Villa Stein-Egerta beschrieben, in der heute die Erwachsenenbildung untergebracht ist. Der Waffenhändler Rudolf Ruscheweyh hat sich dieses Schaaner Domizil in den Jahren 1942/43 geschaffen. Die Waffen-Geschäfte mit dem NS-Regime verhalfen ihm zu großem Reichtum, zudem hatte er sich 1944 mit einem Liechtensteiner Diplomatenpass nach Liechtenstein abgesetzt. Natürlich waren davor auch seine Millionen ins Land gekommen. Nach dem Krieg stritt Ruscheweyh mit Emil Bührle und den Schweizer Behörden um die Restzahlung der Provisionen aus Waffengeschäften mit dem Dritten Reich.</p>
<h3>Waldhotel und Schwimmbad</h3>
<p><b> </b></p>
<p>Eine andere Villa wurde für Emanuel Epstein aus Prag in Vaduz gebaut; oder besser ein Hotel. Oberhalb des Vaduzer Villenviertels entstand 1931 das Waldhotel „Liechtensteiner Hof“ mit Schwimmbad und Casino. Zwei Jahre später wurde es an den Baumeister Ludwig Ospelt und den Schlossermeister Gustav Ospelt versteigert. Hotelumbauten und –erweiterungen ließen das Haus immer neu erstrahlen, bis es 1974 abgebrochen wurde – zum Leidwesen vieler Einheimischer, die den Biergarten des Waldhotels vor allem in der Sommerzeit sehr schätzten – auch das Schwimmbad konnte damals benutzt werden.</p>
<h3>Von A bis Z</h3>
<p><b> </b></p>
<p>Das Historische Lexikon beginnt mit Abegg und endet mit Zwing und Bann. Bernhard Abegg war 1692 Landschreiber und von 1695 bis 1697 Landvogt zu Vaduz. Er heiratete Maria Helene von Holzingen und ließ am 10. Dezember 1686 in Schaan eine Tochter auf den Namen Maria Anna taufen, wobei Graf Jakob Hannibal III von Hohenems Pate war. Ob das alles mit Zwing und Bann geschehen ist? Diese Paarformel war im späten Mittelalter gang und gäbe. Sie bezeichnet das Recht eines Grundherrn, Gebote und Verbote zu erlassen. Dies betraf die Nutzung von Flur und Weide, Wald und Mühlen.</p>
<p>Das Historische Lexikon des Fürstentums Liechenstein muss in jedem Liechtensteiner Haushalt stehen. Es ist ein Schatz, der historisches und aktuelles Wissen bündelt, in dem man gerne blättert, weil es anschaulich und abwechslungsreich gestaltet ist. Fragt sich nur, wann der dritte Band erscheinen wird. Das Tempo der Veränderung ist groß, auch in Liechtenstein.</p>
<p class="callout">Redaktion Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein, Projektleiter Arthur Brunhart (Hg.), Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein, 1142 S., 510 Abb., 2 Bände, CHF 198/EUR 165, ISBN 978-3-0340-1116-7, Chronos Verlag, 2013</p>]]></content:encoded>
    <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>
    <dc:creator>Anita Grüneis</dc:creator>
    <dc:rights></dc:rights>
    <dc:date>2013-04-10T05:00:00Z</dc:date>
    <dc:type>Kritik</dc:type>
  </item>


  <item rdf:about="http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/you2019ll-never-walk-alone-2013-peter-langebners-gedichtband-201eprotokoll-eines-fusses201c">
    <title>You’ll Never Walk Alone – Peter Langebners Gedichtband „Protokoll eines Fußes“</title>
    <link>http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/you2019ll-never-walk-alone-2013-peter-langebners-gedichtband-201eprotokoll-eines-fusses201c</link>
    <description>Seit er mit 17 die Fußballschuhe an den Nagel hängte und das semiprofessionelle Spielen aufgab, hatte er genug Zeit, sich der Essenz des Fußballs zu widmen. Die liegt für den Schauspieler, Regisseur und Therapeuten Peter Langebner im Gedicht, das belegt jetzt der Band „Protokoll eines Fußes“.</description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[<p>Der Ball ist der springende Punkt, betont Peter Langebner. Dass ein Fußballer mit ruhendem Ball verzaubert, das bleibt wohl für immer eine Spezialität von Doktor Sócrates, der Elfmeter bekanntlich ohne einen einzigen Schritt Anlauf verwandelte. Ansonsten bleibt die Begeisterung für ruhende Bälle wohl Sportreportern vorbehalten. Peter Langebner aber schreibt aus der Perspektive des Spielers. Und für den ist der Ball ein „durch und durch springender Punkt“, Fußball eine Einstellung zum Leben und das Tor der „Eingang zu einer vernetzten Welt“. Von der Tribüne hallt es pathetisch „You’ll never walk alone“, auf dem Platz bleiben die Spieler pragmatisch und setzen das Gelernte um.</p>
<p> </p>
<p>Der Kopf</p>
<p>fällt</p>
<p>vom Hals</p>
<p>schon wieder</p>
<p>schon mehrmals</p>
<p>öfters</p>
<p>immer wieder</p>
<p>wie eingeübt</p>
<p><span><br />Als er noch in Hütteldorf trainierte, den vier Jahre älteren Toni Polster, vor allem aber den ungebärdigen Georgie Best bewunderte, da habe er gelernt mit Siegen umzugehen, Niederlagen wegzustecken, Mitspieler zu beobachten und auf sie zu reagieren, eine Taktik zu entwickeln, meint Peter Langebner. Ein guter Spieler müsse die Mitspieler eben bündig charakterisieren können. Vielleicht so wie Georgie Best, der über David Beckham trocken meint: „Er hat keinen linken Fuß, kann nicht köpfen und erzielt keine Tore. Abgesehen davon ist er ok.“ Becks hatte allerdings eine Art, bei Eckbällen den Arm so zurückzureißen, dass man sich fragte, ob dieser Mann die Gesetze der Physik für sich neu geschrieben habe.</span></p>
<h3><span>Appetitliche Teams</span></h3>
<p><span><br />Damit jetzt kein falscher Eindruck entsteht: Es geht Peter Langebner nicht um das Portrait spezieller Spieler-Persönlichkeiten. „Soll ich sagen: Maradona war besser als Messi?“, fragt er achselzuckend, „jede Generation hat ihre Ideale.“ Und so sieht seine italienische Mannschaftsaufstellung des Jahrhunderts bei ihm vor allem appetitlich aus:</span></p>
<p><span>Omertà</span></p>
<p><span>Rosso<br /></span><span>Coniglio<br /></span><span>Cinghiale<br /></span><span>Asino</span></p>
<p><span>Olivo<br /></span><span>Prosciutto<br /></span><span>Pomodori<br /></span><span>Pesto</span></p>
<p><span>Presto<br /></span><span>Subito</span></p>
<p><span>Alenatore (Trainer): Mani Pulite<br /><br /> </span></p>
<h3><span>Doppelbödigkeiten</span></h3>
<p><span><br /></span></p>
<p><span>Ein anständiger Mensch setze sich mit gewaschenen Händen (mani pulite) zum Essen, meint Langebner. Er spiele mit seiner Mannschaft nicht auf betrügerische Wetten oder die italienischen Korruptions-Untersuchungsausschüsse an, und wenn er den Tormann „omertà“ nenne, dann meine er die Wortkargheit von Tormännern im Allgemeinen und keine Verstrickungen in Mafia-Geschäfte. So meint denn sein „lesender Tormann“ über sich selbst auch nur</span></p>
<p><span>Ich<br /></span><span>armer<br /></span><span>Tor</span></p>
<p><span>„Protokoll eines Fußes“ ist geprägt von vielen Reiseerlebnissen, vor allem in Afrika. Dort tragen die Menschen jene Fanleibchen, die nach einer EM in den Caritas-Säcken landen, und da kann es schon passieren, dass eine nigerianische Marktfrau Jürgen Klinsmann am Buckel hat. Langebner beschäftigt sich mit den Legionären, die nach Europa verkauft werden und von denen die meisten auf der Strecke bleiben.</span></p>
<p> </p>
<p>so</p>
<p>viele Füße</p>
<p>sagen nichts</p>
<p>sprachlos</p>
<p>heimatlos</p>
<p>mit</p>
<p>beiden Beinen</p>
<p>auf</p>
<p>dem Boden</p>
<h3><span><br />Menotti und der „linke Fußball“</span></h3>
<h3><span><br /></span></h3>
<p><span> </span><span>Dass das Betonoval vom Spielort zum Schlachthof wird, das haben wir immer wieder schaudernd vernommen. In Chile war das so, in Ruanda und so weiter. Jetzt erwähnt Peter Langebner doch einen Fußballer, den er über alle hinaushebt: César Luis Menotti. 1978, als Menottis Elf die WM in Argentinien gewann, da verweigerte El Fláco (der Dürre) dem Präsidenten der Militärdiktatur, Jorge Rafael Videla, demonstrativ den Handschlag. Seine Fans hatte er schon lange zuvor von seiner Philosophie des „linken Fußballs“ überzeugt: „Beim Fußball der Linken spielen wir nicht einzig und allein um zu gewinnen, sondern um besser zu werden, um Freude zu empfinden, um ein Fest zu erleben, um als Menschen zu wachsen.“<br /> </span></p>
<h3><span>Zigoti<br /></span><span>Distrikt Kampala (Uganda)</span></h3>
<p><span><br />Blattgrün<br /></span><span>Eigelb<br /></span><span>Sandgelb</span></p>
<p><span>kommt<br /></span><span>blau dazu</span></p>
<p><span>von links rot</span></p>
<p><span>nackter Oberkörper<br /></span><span>zwischen Eukalyptusästen</span></p>
<p><span>kommt Jimi Hendrix<br /></span><span>Leibchenmitte<br /></span><span>Keuchen</span></p>
<p> </p>
<h3>Marriedviolett Smaragdgrün Steppenbraun Cleanweiß</h3>
<p> </p>
<p>Colours in the sky<br /><span>könnte das Spiel heißen</span></p>
<p><span>ein bunter Tanz<br /></span><span>der<br /></span><span>Leibchen</span></p>
<p> </p>
<p>Fußball kann ein so schönes Versprechen sein. Manchmal wird es für ein paar Minuten eingelöst. Dann singen die Fans „no more years of hurt, no more need for dreaming“. Und wissen, dass das Träumen weitergeht. Aber wie die Träume zustande kommen, was es braucht, um ihre Farben leuchtend zu halten, davon erzählt Peter Langebner in „Protokoll eines Fußes“.</p>
<p> </p>
<p class="callout"><b>„Protokoll eines Fußes“ von Peter Langebne</b>r<br /><span>Vorpräsentation des Buches<br /><br /></span><span>Peter Langebner (Text, Movie)<br /></span><span>Markus Kreil (Bass)<br /></span><span>Do, 4.4. und Mi, 8.5., jeweils 20 Uhr<br /></span><span><br />Literatur.Salon Dornbirn, Wallenmahd 23, C1, 2. OG<br /></span><span>Unart Produktion Verlag<br /></span><span>Platzreservierung erforderlich: office@unartproduktion.at <br />oder Tel. 05572 23019</span></p>]]></content:encoded>
    <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>
    <dc:creator>Ingrid Bertel</dc:creator>
    <dc:rights></dc:rights>
    <dc:date>2013-03-27T06:00:00Z</dc:date>
    <dc:type>Kritik</dc:type>
  </item>


  <item rdf:about="http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/ohne-vergehen-kein-veraendern-2013-von-der-feldkircher-autorin-erika-kronabitter-ist-ein-neuer-lyrikband-erschienen">
    <title>Ohne Vergehen kein Verändern – Von der Feldkircher Autorin Erika Kronabitter ist ein neuer Lyrikband erschienen</title>
    <link>http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/ohne-vergehen-kein-veraendern-2013-von-der-feldkircher-autorin-erika-kronabitter-ist-ein-neuer-lyrikband-erschienen</link>
    <description>Von der in Feldkirch lebenden und arbeitenden Autorin mit steirischen Wurzeln, Erika Kronabitter, erscheint seit Jahren Buch um Buch, Text um Text. Die 1959 in Hartberg Geborene ist eine Vielschreiberin. Wobei man sich fragt, woher sie denn überhaupt die Zeit dazu hernimmt, geht sie doch unzähligen Jobs und Verpflichtungen nach. Beispielsweise sitzt sie in den Vorstandsetagen des Theaters am Saumarkt oder von Literatur Vorarlberg, organisiert den Feldkircher Lyrikpreis, engagiert sich für Frauenliteratur, und so zum Drüberstreuen betätigt sie sich auch noch in Sachen bildender Kunst.</description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[<h3>Decodierung der Dekaden</h3>
<p><br />Nach den linear angelegten Romanen „Mona Liza“ und „Viktor“, den ersten beiden Teilen einer Trilogie, und dem Kinderbuch „Sarah und die Wolke“ ist nun wieder ein Lyrikband angesagt. Das gerade in der umtriebigen „Edition Art Science“ erschienene und 152 starke Softcover-Buch trägt den Titel „Decodierung der Dekaden“. In der Literaturwissenschaft versteht man unter einer Dekade eine Einheit von 10 Gedichten oder Büchern. Kronabitter hat in ihrer neuen Publikation fünf solcher Gedicht-Dekaden aneinandergereiht. Die einzelnen Kapitel heißen „zoomen : zähmen“, „suchen : ersetzen“, „anordnungen : kausalitäten“, „möglichkeit : felder“ und „vom vergehen der zeit“. Die 50 Gedichte des Buches, die stilistisch zwischen den Polen Kürzest-Prosa und experimenteller Lyrik pendeln, handeln von den verschiedenen uns prägenden Rhythmen, der Auf- und Abbewegung des Lebens, von Wellen, Strudeln und Spiegelungen unseres Daseins, aber auch von den Möglichkeiten einer Selbst-Veränderung.</p>
<h3><strong>Die Zeit schert sich um nichts</strong></h3>
<p><br />Kronabitter setzt sich anhand dieser „Decodierungen“ mit dem beinharten Verrinnen der Zeit auseinander. Nicht ohne zu postulieren, dass dieses Vergehen eben die Basis aller Entwicklung darstellt. Sobald eine Handlung gesetzt ist, ist sie bereits Vergangenheit und bedingt neues Handeln. Nur indem alles vergeht, geht alles weiter. Ein Schlüsselgedicht der Autorin dazu findet sich in der letzten Dekade und trägt den Titel „alles ist nichts“. Ein Ausschnitt davon:</p>
<p> </p>
<p align="center">alles ist nichts ohne vergehen</p>
<p align="center">rot bleibt rot</p>
<p align="center">grün ist grün</p>
<p align="center">deine hand am aug bleibt hand am aug</p>
<p align="center">lippe geöffnet geschlossen</p>
<p align="center">bleibt lippe geöffnet bleibt lippe geöffnet</p>
<p align="center">bleibt lippe geschlossen bleibt lippe geschlossen</p>
<p align="center">ist kein ändern. ist kein verändern.</p>
<p align="center">ohne vergehen kein ändern</p>
<p align="center"> </p>
<p>Mitunter hält die Autorin einfach Beobachtungen fest und abstrahiert diese zu minimalen Texten. Vielfach erinnern die Gedichte an Gedanken oder Bruchteile von Gedanken, die im Zeitpunkt ihres Entstehens unmittelbar aufs Blatt fixiert wurden. Ein weiteres Beispiel:</p>
<p align="center"><br />vom tisch zum fenster zur tür</p>
<p align="center">hinunter ins tal</p>
<p align="center">vom tisch zum fenster</p>
<p align="center">und bis zu den bergen</p>
<p align="center">vom tisch zum fenster</p>
<p align="center">und wieder zum tisch</p>
<p align="center">und irgendwann vom brett</p>
<p align="center">zum tisch zum fenster</p>
<p align="center">ein bisschen berg und</p>
<p align="center">fenster zum tisch</p>
<p> </p>
<p>Mit den Texten der beiden letzten Dekaden nimmt Kronabitter auch direkten Bezug zu den Werken des liechtensteinischen Künstlers Arno Oehri. Seine Bilder zum Thema „Das Vergehen der Zeit. Möglichkeitsfelder“ hätten in ihr so etwas wie einen „Urknall“ ausgelöst und einen unermesslichen Inspirationsfluss ausgelöst, sagt die Autorin. Auch die von Kronabitter selbst ausgeführten Illustrationen, die zu den einzelnen Kapiteln überleiten, sind von Oehri angeregt. Die filigranen Zeichnungen erinnern an kommunikative Vernetzungen, an neurologische Kerne, von denen verschiedene Synapsen wegführen und Anschluss an die Außenwelt suchen.</p>
<p> </p>
<p class="callout">Erika Kronabitter: Decodierung der Dekade. Edition Art Science, 2013, Soft-Cover, 152 Seiten. Preis: 11,- Euro, ISBN 978-3-902864-13-0</p>]]></content:encoded>
    <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>
    <dc:creator>Karlheinz Pichler</dc:creator>
    <dc:rights></dc:rights>
    <dc:date>2013-03-20T06:00:00Z</dc:date>
    <dc:type>Kritik</dc:type>
  </item>


  <item rdf:about="http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/das-politische-im-privaten-aufspueren-2013-nadine-kegeles-debut-201eannalieder201c">
    <title>Das Politische im Privaten aufspüren – Nadine Kegeles Debut „Annalieder“</title>
    <link>http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/das-politische-im-privaten-aufspueren-2013-nadine-kegeles-debut-201eannalieder201c</link>
    <description>Sie stammt aus Bludenz, ist vor fünfzehn Jahren – wie sie schreibt –  nach Wien geflüchtet und zurzeit gerade dabei, ihre Diplomarbeit zur Positionierung des „Weiblichen“ im Neoliberalismus anhand Marlene Streeruwitz´ Roman „Kreuzungen“ zu beenden. Als Autorin war Nadine Kegele bislang lediglich Insidern ein Begriff; Veröffentlichungen ihrer Texte gab es in diversen Literaturzeitschriften und Anthologien. Das sollte sich nun aber ändern! Unter dem Titel „Annalieder“ ist jetzt im Wiener Czernin Verlag ihr erstes Buch, ein Band mit zwölf Erzählungen, erschienen. </description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[<h3 class="Text">Doppelter Boden</h3>
<p class="Text"><br />Einen doppelten Boden haben sie alle, die Kurzgeschichten von Nadine Kegele, auch wenn sie meist ganz harmlos anheben. <i>„Plastiktüten waren knitterfrei oder alt, manchmal prall gefüllt.“</i> Der Schein trügt. Was leichtfüßig daherkommt, ist akribisch komponiert und lässt sich nicht sogleich dechiffrieren.</p>
<p class="Text">Da taucht etwa in der Erzählung „Hinter Papa“ ein Konrad auf. Doch wer bitte ist Konrad? Ein Mann? Ein Kind? Erst einige Absätze weiter wird klar, dass es sich um ein Tier handelt, doch um was für ein Tier? Der ersten Beschreibung nach um eine Katze. Nein, es ist ein Hund oder besser gesagt es war ein Hund, denn er ist gestorben.</p>
<p class="Text">Nadine Kegele gibt ihre Erzählungen erst nach und nach frei. Es scheint ihr diebischen Spaß zu machen, Verwirrung zu stiften und falsche Fährten zu legen. So einfach will sie es schließlich ihren Lesern nicht machen! Und siehe da: Plötzlich entpuppt sich ein vordergründig schlichter Text als existenzielle Kurzerzählung über so große Themen wie Betrug, Scham und Schuld. <i>„Wenn sie sie ansah, musste sie daran denken, dass sie es ihr sagen würde, wenn sie aufwachte, und dass sie nicht wusste, wie das zu sagen war.“</i></p>
<p class="Text">Erraten, eine Dreiecksgeschichte also! Doch nicht den Männern gilt Nadine Kegeles literarisches Interesse. Alle Geschichten sind jeweils aus der Perspektive einer weiblichen Figur erzählt. Jede der zwölf Erzählungen ist eine Art Moritat: ein Gesang auf eine Heldin, die stets jung, kinderlos und entweder bereits oder bald alleinstehend ist. <i>„Was sie hat, ist eine Garconnière, klein und überteuert, einen Blick auf die barock geschnittene Allee des Städtischen Parks und die Aussicht darauf, dass er sich doch noch für sie entscheiden wird.“ </i></p>
<p class="Text">In dieser Erzählung mit dem Titel „Nie einen Rosengarten“ ist Nadine Kegeles „Heldin“ arbeitslos, einsam, arm, ungebildet und depressiv. Mit dem geliebten Erbstück, einem Kontrabass auf dem Rücken, geht sie in ihrem von Motten zerfressenen Wintermantel spazieren. Im Rosengarten erinnert sie sich daran, wie ER SIE de facto abserviert hat.</p>
<p class="Text">Tragische Geschichten wie diese: Nadine Kegele würzt sie gerne mit Sarkasmus. <i>„Das scharfe heiße Wasser rinnt ihren Gaumen hinab und wärmt sie von innen, was praktisch ist, weil von außen wird sie von gar nichts gewärmt, da die Heizung Geld kostet, das sie nicht hat.“</i></p>
<h3 class="Text">Sympathie für weibliche Randfiguren</h3>
<p><br />Dass Nadine Kegele, die im zweiten Bildungsweg Germanistik, Theaterwissenschaften und Gender Studies studiert und sich ihr Studium unter anderem als Sekretärin finanziert hat, eine Sympathie für weibliche Randfiguren empfindet, ist klar erkennbar. Diese Frauen haben es nicht leicht im Leben, ihnen wurde nichts geschenkt, doch Nadine Kegele schenkt ihnen eine Chance.<i> „Sie hatte eine Frau aufs Papier gemalt, die sich das nicht hätte sagen lassen, die stattdessen gesagt hatte, dass alles möglich sei, wenn das Frausein in hundert Jahren aufgehört habe, eine beschützte Tätigkeit zu sein. Die hundert Jahre waren jetzt.“</i></p>
<p class="Text">Nadine Kegele erzählt Lebensgeschichten, die eigentlich zum Heulen sind, erfrischend frech, erfrischend lakonisch, erfrischend anders. Sprachliche Aussparungen und Einschübe erzeugen den Eindruck, dass hier eine Autorin genau so schreibt wie sie auch denkt: Schnell, scharf, unkonventionell und manchmal auch wunderbar poetisch! <i>„Sie bestellte Milchkaffee, weil das schöner klang, doch die Verkäuferin mit dem Malerhütchen auf dem Kopf hatte bloß Caffé Latte, also bestellte sie Caffé Latte, das Hütchen war mit Haarklammern befestigt, wie eine Kippa, dachte sie.“ </i></p>
<p class="Text">Ein bemerkenswertes Debüt!</p>
<p class="Text"> </p>
<p class="callout">Nadine Kegele, Annalieder, 120 Seiten, Euro 17,90, ISBN 978-3-7076-0446-7, Czernin Verlag, Wien 2013</p>]]></content:encoded>
    <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>
    <dc:creator>Annette Raschner</dc:creator>
    <dc:rights></dc:rights>
    <dc:date>2013-03-13T06:00:00Z</dc:date>
    <dc:type>Kritik</dc:type>
  </item>


  <item rdf:about="http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/das-traurige-maedchen-und-seine-freunde-2013-bastian-kressers-romandebut-201eohnedich201c">
    <title>Das traurige Mädchen und seine Freunde – Bastian Kressers Romandebut „Ohnedich“</title>
    <link>http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/das-traurige-maedchen-und-seine-freunde-2013-bastian-kressers-romandebut-201eohnedich201c</link>
    <description>Was ist Freundschaft? Wo beginnt Liebe? Und wie viel am eigenen Ich verdankt sich der Begegnung mit geliebten Menschen? Bastian Kresser erzählt von einer Jugend am Alten Rhein, von der beschwörenden Kraft des Erzählens und von der Traurigkeit, die ein Mädchen erdrückt. „Ohnedich“ ist ein beeindruckendes Romandebut.</description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[<p>Am Anfang sind sie Schüler, dann junge Erwachsene. Manchmal sind sie verliebt, aber immer sind sie Freunde – zwei Burschen und ein Mädchen. Das Mädchen ist von Anfang an Schriftstellerin. Einer der Burschen möchte auch erzählen. Aber wie geht das? „Du musst nur die Augen schließen und warten, bis die Personen vor dir Gestalt annehmen“, sagst du. „Dann musst du ihnen erlauben, sich miteinander zu unterhalten. Und du musst genau zuhören und alles aufschreiben, was sie sagen. Auch wenn du es manchmal nicht verstehst und dir ihr Verhalten unlogisch erscheint.“ Ist das die Stimme von Michael Köhlmeier? So schreibe er, hat Köhlmeier oft gesagt. Möglicherweise hat er Bastian Kresser diesen Rat gegeben, die beiden haben wiederholt zusammen an Übersetzungen gearbeitet. Vielleicht braucht Bastian Kresser aber auch gar keinen Rat. Er hat nämlich seinen ganz eigenen Erzählton, und der ist berückend.</p>
<h3><span>„The bridge is love“</span></h3>
<p><span> </span><span>Kresser ist Anglist und hat sich intensiv mit Thornton Wilder beschäftigt. Ein Gedanke Wilders zieht sich als Spur der Empfindungen durch den Roman. Kresser zitiert ihn. Er stammt aus „Die Brücke von San Luis Rey“: „Even memory is not necessary for love. There is a land of the living and a land of the dead and the bridge is love, the only survival, the only meaning.“</span></p>
<p>Der Ich-Erzähler steht auf dieser Brücke und sucht nach einer Möglichkeit weiterzuleben. Er beschwört den Zauber der Freundschaft zu diesem Mädchen und zu Klaus in zahllosen Erzählsplittern. Sie spielen im Zimmer des Mädchens, am Alten Rhein, erkunden das Reich der Kindheit. Schon beinahe erwachsen, setzen sich die Freunde nochmals der Mutprobe aus, einen Regenwurm zu essen. „Viel Erde, ein wenig bitter und eine Prise Demütigung“, bedeutet das. „Vielleicht ein Hauch von Stolz.“ In den Spaziergängen, bei einem Picknick am Bodensee, einer Wanderung auf die Zimba, während eines sonnigen Nachmittags in Lech oder in einer Wiener Wohnung bei Kaffee, Tee, Süßigkeiten, guten Gesprächen und viel Marihuana bauen die drei sich ihre Welt. Aber es ist immer eine Welt, die erst in den Geschichten des Mädchens Wirklichkeit wird.</p>
<h3><span>Träume im Kopf</span></h3>
<p><span>Was heißt Wirklichkeit? Das Mädchen ist eine Lügnerin, behaupten die Mitschüler. Aber das Wort Lüge lassen die Freunde nicht zu, betonen, es handle sich um Unwahrheiten. „Du hast mir gezeigt, wie es ist, Träume im Kopf zu haben,“ versichert der Erzähler. „Das war der Grund, wieso du so oft die Unwahrheit gesagt hast. Bei dir hieß es Unwahrheit, bei jedem anderen würde ich es Lüge nennen. Du wolltest und konntest die Welt nicht so akzeptieren, wie sie war.“ Mit ihren Träumen, den Unwahrheiten, den Geschichten kann sie sich erzählend der Wirklichkeit versichern. „Ich bin der Meinung, dass eine Geschichte oft besser wirkt, wenn sie in der Ich-Form erzählt wird“, meint sie einmal.</span></p>
<h3><span>Rotkäppchen und das tapfere Schneiderlein</span></h3>
<p><span> </span><span>Klaus steht in diesem Freundes-Trio ein ganz klein wenig außerhalb. Mit Klaus hat das Mädchen kurzfristig eine Liebesbeziehung. Aber Klaus wird von ihr niemals „Bruder“ genannt. „Ich denke schon, dass ich dich lieben hätte können“, sagt sie einmal zu ihrem „Bruder“. „Aber die Art, wie ich dich jetzt liebe, ist noch viel mehr wert.“ Sie sind ein Paar wie Rotkäppchen und das tapfere Schneiderlein. Eigentlich gehören sie nicht zusammen, aber sie kommen beide aus dem Märchenland, und alles, was der Ich-Erzähler in seiner Erinnerung, in seinen Empfindungen sucht, ist an dieses zaubrische Du gerichtet.</span></p>
<h3><span>Der Tag des großen Erdbebens</span></h3>
<p><span> </span><span>„Wenn wir drei zusammen waren, war es, als wäre eine Glaskuppel über uns, die uns vor allem beschützt.“ Die Realität allerdings zertrümmert die Glaskuppel „mit großen Steinen“. In beinahe jeder dieser Erzählungen ist vom „Tag des großen Erdbebens“ die Rede. Unvermittelt taucht das bedrohliche Szenario noch in den stillsten, glücklichsten Momenten auf. Dann sehen wir Leser vor unseren Augen wieder die Wilder’sche Brücke, das Beschwören dessen, was in dieser Freundschaft entstand. „Das mit uns, das war für mich und für dich und auch für sie das Bedeutsamste“, sagt Klaus. „Sieh uns an. Schau, was aus uns geworden ist. Wer wir heute sind. Das ist allein ihr Verdienst.“</span></p>
<p>Einmal gehen sie zu dritt in den Mediamarkt, um eine Kamera zu kaufen. Testhalber macht Klaus ein Foto und erschrickt: „Als ob ich ein Bild ihrer Seele gemacht hätte“, sagt er. „Auf dem Display erkannten Klaus und ich eine Traurigkeit, die wir, wenn wir dich beobachteten, nicht sehen konnten.“ Das sind die Vorboten des Erdbebens. Denn die Traurigkeit lässt sich nicht weglügen, nicht wegträumen und nicht wegerzählen. Das Mädchen bekommt Antidepressiva, setzt sie eigenmächtig ab. Zwei Selbstmordversuche folgen. „Ich erkannte nicht, was dich so bedrückte. Erkenne es heute noch nicht. Du hast es selbst nie in Worte fassen können.“</p>
<h3><span>Der geflügelte Denker</span></h3>
<p><span> </span><span>„Ohnedich“ ist kein Roman über eine Depression. Bastian Kresser ist ein Erzähler, kein Erklärer. „Ohnedich“ handelt vom Versuch zweier Freunde, ihre Freundin vor der großen Traurigkeit zu beschützen. Das gegenseitige Vertrauen ist so groß, dass das Mädchen jene Sätze ausgräbt, die seine Angst wohl am klarsten beschreiben, Sätze aus Franz Kafkas Tagebüchern: „Meine Zweifel stehen um jedes Wort im Kreis herum, ich sehe sie früher als das Wort, aber was denn? Ich sehe das Wort überhaupt nicht, das erfinde ich.“ Die Fähigkeit zu erzählen erlischt, die junge Frau fällt ins Bodenlose. Das ist für ihre Freunde der Tag des großen Erdbebens. Waren sie zu wenig aufmerksam, nicht genug für sie da? Im Rückblick hören sie die Freundin noch einmal sprechen: „Diese Traurigkeit schlummerte schon seit langer Zeit in mir, vielleicht sogar schon immer, und sie wartete nur darauf herauszukommen, mich zu überfallen. Das war alles nur eine Frage der Zeit.“ Vielleicht, so der Ich-Erzähler, waren sie einander auch viel zu nahe, um zu erkennen. Vielleicht konnte auch die Freundin diese Last nicht tragen: „Ohne dich habe ich manchmal das Gefühl, nicht zu wissen, wer ich selbst bin. Das hatte ich nie, als du noch da warst.“</span></p>
<p>Der Tag des „großen Erdbebens“ ist strahlend schön und entspannt. Klaus spielt Klavier, sein Freund zeichnet eine an Rodin erinnernde Denkerfigur. „Ich stellte mich erneut vor die Staffelei und fügte dem Denker ein Paar große Flügel hinzu. Dann sah ich dich an. Du hast gelächelt und leicht genickt.“</p>
<p><i> </i></p>
<p class="callout"><span>Bastian Kresser, Ohnedich, Reihe Zeitgenossen, gebunden mit Schutzumschlag, 264 Seiten, Limbus Verlag, Innsbruck 2013, 19,80 Euro, ISBN 978-3-902534-76-7</span></p>]]></content:encoded>
    <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>
    <dc:creator>Ingrid Bertel</dc:creator>
    <dc:rights></dc:rights>
    <dc:date>2013-03-06T06:00:00Z</dc:date>
    <dc:type>Kritik</dc:type>
  </item>


  <item rdf:about="http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/eine-art-eigentlichkeit-2013-bernd-schuchter-praesentiert-sein-roman-debuet-201elink-und-lerke201c">
    <title>Eine Art Eigentlichkeit – Bernd Schuchter präsentiert sein Roman-Debüt „Link und Lerke“ </title>
    <link>http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/eine-art-eigentlichkeit-2013-bernd-schuchter-praesentiert-sein-roman-debuet-201elink-und-lerke201c</link>
    <description>Mit dem Roman „Link und Lerke“ präsentiert der Verleger Bernd Schuchter einen eigenen Roman – ein Unterfangen auf dünnem Eis. Denn ein Verleger, der selbst Romane schreibt, setzt sich der Frage aus, ob er dem Vergleich mit „seinen“ AutorInnen standhält. Maßt er sich ein Urteil an, dem er selbst nicht genügt? Benützt er den Verlag als Plattform für sich? Letzteres ist bei Bernd Schuchter auszuschließen. Der Innsbrucker Verleger veröffentlicht sein Debüt „Link und Lerke“ in der Edition Laurin; in seinem Limbus Verlag haben etwa Gabriele Bösch und Hans Platzgumer ihre Heimat.</description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[<h3>Bernhard-Ebene</h3>
<p><span>Ariel Link ist Antiquitätenhändler in Zürich. Nach Hohenems reist er, um die Hinterlassenschaft seines Vaters aufzulösen, aber schon die Anreise aus Diepoldsau wird zum literarischen Spiel: „‚Ich fahre quasi in die Gegenrichtung, um mit Bernhard zu sprechen’, sagte Link halblaut und lachte in sich hinein.“ Und wenig später: „‚Wie sagt der Protagonist in ‚Über allen Gipfeln ist Ruh‘, wenn er über sich in Zitaten aus seinen eigenen Büchern spricht, also in die Gegenrichtung, sagt in Holzfällen der Erzähler, sagt Reger, sagt Bernhard, sagt und sagt’, outrierte Link zu sich selbst und leuchtete innerlich ein wenig vor diebischer Freude, den unzähligen Schichten der Bernhard’schen Figuren noch eine weitere, eine Bernhard-Ebene hinzugefügt zu haben.“</span></p>
<h3><span>Zartgefühl und Ratlosigkeit</span></h3>
<p><span>Wartet auf uns LeserInnen also eine Bernhard’sche Gestalt? Mitnichten. Link scheint eher ein Faible für Geschichtseinträge zu haben. Er memoriert die Jugenderinnerungen seines Vaters an das Elkanhaus, an die Biografien von Sophie Steingraber oder die Landauer-Wirtinnen. Irritiert liest man diese Erinnerungen als distanziert lexikalische Einträge. Schuchter schreibt auf zwei Ebenen – einer gleichsam wissenschaftlichen, die unzählige biographische Skizzen von Opfern und Tätern des Nationalsozialismus in Hohenems enthält und einer Romanhandlung, die dieses Leben aus zeitlicher Distanz reflektiert. Es zeugt von Zartgefühl, reale Menschen nicht in eine Romanhandlung einzubauen; es zeugt aber auch von Ratlosigkeit gegenüber dem literarischen Verfahren der Fiktion. „‚Eine sterbende Stadt’, dachte er, ‚nein, bereits gestorben.’“</span></p>
<p>In einer testamentarischen Angelegenheit wird Ariel Link von der Hohenemserin Lerke Lang konsultiert. Ein Schreibtisch, so steht es im Testament ihrer Mutter, solle von Link untersucht werden. Lerke Lang ist eine gebürtige Frau Wolfgang. Die historisch Gebildeten sind angesichts all der jüdischen Biografien längst auf der richtigen Fährte: Der Nazi-Bürgermeister von Hohenems hieß Josef Wolfgang. Ariel Link ahnt trotz seiner Belesenheit und der vielen Erinnerungen seines Vaters seltsamerweise nichts. Er erkundigt sich bei einer Buchhändlerin, ob im Jüdischen Viertel noch Juden leben. „Nein“, meint diese. ‚„Außer vielleicht der Lionsky, der Leiter des Museums. Der ist vielleicht Jude. Klingt zumindest so, finde ich, finden Sie nicht?“’ Es mutet seltsam an in dieser faktensatten Geschichte, wenn ausgerechnet Hanno Loewy einen Roman-Namen bekommt.</p>
<h3><span>Wie arbeitet die Erinnerung?</span></h3>
<p><span>Link untersucht pflichtgemäß den ominösen Schreibtisch und findet ein Bündel Briefe. Das ändert alles in eine etwas groschenhafte Richtung – denn Link hat sich prompt in Lerke verliebt. Dabei geht es Schuchter eigentlich um eine interessante Frage: Wie arbeitet die Erinnerung? Haben Interesse und Anziehung zwischen Menschen mit diesem verborgenen Strom zu tun? Aber Schuchter setzt nicht seine beiden Protagonisten dieser Frage aus, sondern delegiert sie an Stendhal und an W. G. Sebald, der über Stendhal schreibt. Sein Ariel Link zitiert behende literarische Vorbilder, selbst bleibt er ein Schatten.</span></p>
<h3><span>Linkisch</span></h3>
<p><span>Immer wieder taucht in Schuchters Romanfragmenten die Gestalt des Polizeihauptmanns Paul Grüninger auf. Anders als bei Hans Elkan, Sophie Steingraber oder Jeanette Landauer imaginiert Schuchter hier private Szenen; Grüninger raucht zu Hause eine Zigarette, begegnet Flüchtlingen, äußert sich zu politischen Entscheidungen – und empfängt ein Geschenk, „händisch gezeichnete Notenlinien, ein krakeliger Notenschlüssel und viele schwarze Punkte“. Es ist jener „Paul-Grüninger-Marsch“, der im Mai vergangenen Jahres anlässlich der Einweihung der Paul-Grüninger-Brücke zwischen Hohenems und Diepoldsau erstmals erklang. Warum macht Schuchter daraus eine fiktive Szene, wo er doch sonst so skrupulös bei den historischen Fakten bleibt?</span></p>
<p>Gewiss, Grüninger ist als dramatischer Stoff „entdeckt“ worden. Sein Leben wird gerade als Biopic verfilmt, in der St. Galler Lokremise wird das szenische Dokument „Paul Grüninger – Ein Grenzgänger“ gespielt – Jahrzehnte nachdem Grüningers Tochter Ruth Roduner-Grüninger sich gemeinsam mit dem Historiker und Journalisten Stefan Keller erfolgreich um eine Rehabilitierung des unehrenhaft entlassenen Polizeihauptmanns bemüht hatten. Aber Grüninger als Randfigur in einem Roman? Und warum erfahren wir LeserInnen eines nicht: Ahnt Link etwas von dem, was seinen Autor beschäftigt?</p>
<h3><span>„Wie Weihwasser“</span></h3>
<p><span>Link besucht das Jüdische Museum in Hohenems. Es ist ein geradezu peinlich religiöses Erweckungserlebnis: „Wie in Watte ging er durch die Ausstellung des Museums und nahm die Biografien und Daten wie Weihwasser in sich auf. Es war, als fließe alles durch ihn hindurch. Link war – er konnte es später nicht anders beschreiben – irgendwie ganz bei sich.“ Er verspürt eine Art Sinn, der seinem Tun ein Ziel geben könnte und nennt das „eine Art Eigentlichkeit“. Das Ergebnis ist intellektuell gesehen nicht eben berauschend: „Er dachte daran, die ehemaligen Wohnräume der jüdischen Einwohner von Hohenems zu rekonstruieren, über ihre Möbel wollte er die Erinnerung an ihre ehemaligen Bewohner wieder lebendig machen.“</span></p>
<h3><span>Hanno Loewy und Herr Lionsky</span></h3>
<p><span>Das widerspricht nun zutiefst dem Geist, der dieses Haus seit seiner Gründung geprägt hat. Ein Disneyland der Erinnerung? Niemals haben die Leiter des Jüdischen Museums so etwas angestrebt, ganz im Gegenteil. Und was Hanno Loewy von Schuchters Herrn Lionsky himmelweit unterscheidet, ist die Art, Menschen zu begegnen. Hanno Loewy sieht – und zwar aus vielen guten Gründen – das ehemals jüdische Zentrum von Hohenems als Brennspiegel für Migration und Diaspora. Ein ziemlich besserer Gedanke als die kleine Inzestliebe Schuchters. </span></p>
<p class="callout"><span>Bernd Schuchter, Link und Lerke. Hardcover mit Schutzumschlag, 160 Seiten. Edition Laurin, Innsbruck 2013. 17,90 Euro, ISBN 978-3-902866-07-3</span></p>]]></content:encoded>
    <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>
    <dc:creator>Ingrid Bertel</dc:creator>
    <dc:rights></dc:rights>
    <dc:date>2013-02-28T06:00:00Z</dc:date>
    <dc:type>Kritik</dc:type>
  </item>


  <item rdf:about="http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/auf-der-strasse-bin-ich-koenigin-2013-roland-woelfles-notizen-aus-der-stationaeren-suchttherapie">
    <title>Auf der Straße bin ich Königin – Roland Wölfles Notizen aus der stationären Suchttherapie</title>
    <link>http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/auf-der-strasse-bin-ich-koenigin-2013-roland-woelfles-notizen-aus-der-stationaeren-suchttherapie</link>
    <description>Roland Wölfle, Psychiater und medizinischer Psychotherapeut, leitet seit 2002 im Krankenhaus Maria Ebene die Therapiestation „Lukasfeld“, in der jugendliche Drogenabhängige stationär behandelt werden. Wölfle hat seine Arbeit und die Teams im Lukasfeld mit Notizen begleitet. Wie ein Chronist dokumentiert er tagebuchartig Szenen, sammelt Sätze und Gespräche, versammelt sie kaleidoskopisch zu einem Almanach. Er schafft Bilder für eine Galerie. Eine, die wir wirklich brauchen. </description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[<p>Diese Innenwelt bindet der Autor an eine humanistisch orientierte Psychoanalyse in der Tradition von Sigmund Freud, Alfred Adler und Melanie Klein. Er bringt deren Fundamentum in die Sprache, verlängert und erweitert das aufgeklärte und aufklärende Menschenbild und reflektiert dabei selbstkritisch das eigene Tun. Der Blick geht vom Innen ins Außen und generiert eine beeindruckende, kritische Fülle an Fragen an diese Außenwelt, die unmittelbare und erfahrbare gesellschaftspolitische Gegenwart.</p>
<p><span>Das Buch ist eine lose Sammlung von Texten und gibt einen Einblick in den Alltag der Drogenstation, die über 16 Behandlungsplätze für junge Drogenabhängige verfügt. Das Spektrum der Abhängigkeiten ist breit, es reicht vom Missbrauch unterschiedlichster Drogen, Medikamente und Alkohol, bis hin zu Essstörungen, Spiel- oder Kaufsucht. Die Patienten werden von einem multiprofessionellen Team behandelt und betreut. Es gibt Einzelgespräche, Klein- und Großgruppen, medizinische Behandlung, soziotherapeutische Aktivitäten und Outdoor Pädagogik. Die Aufenthaltszeit der zwischen 16 und 30 Jahre alten Patientinnen und Patienten ist im therapeutischen Konzept mit zwei bis sechs Monaten vorgesehen. Die Maria Ebene mit dem Lukasfeld ist ein öffentliches Krankenhaus, die katholische Kirche ist einer der Träger der Stiftung.</span></p>
<h3><span>„Etwas Besseres finden wir allemal!“</span></h3>
<p><span>Die sprachlich sensiblen Texte in all ihrem empathisch-intimen Charakter entbehren des lauten Geschreis von den Drogen. Ihnen fehlt jeglicher voyeuristische Kick. Menschen, die etwas über die anspruchsvolle wie faszinierende Welt der Auseinandersetzung mit jungen drogensüchtigen Patienten erfahren wollen, gewinnen durch Roland Wölfles persönlich wertschätzenden Umgang Respekt und Achtung für Menschen, die häufig nur Ausgrenzung und Entwertung erfahren haben. Alle hier versammelten Texte sind Unikate, inhaltlich und sprachlich. Besonders interessant finde ich persönlich, wenn Wölfle über kunsttherapeutische Formen erzählt, so wie in „Die Botschaft der Bremer Stadtmusikanten“. Mit ganz einfachen Mitteln des Theaters erarbeiten Personal und Patientengruppe als Team sowie in individuellen Rollen eine Aufführung des Grimm-Märchens. Mit Wölfles Bericht von dieser offensichtlich bemerkenswerten Inszenierung werden die Spieler zum Sinnbild einer Selbsthilfegruppe von sozialen Außenseitern, die nicht mehr gebraucht werden, weil sie nicht mehr so funktionieren, wie ihre Herren sich das vorstellen. Und die zentrale Botschaft der Bremer Stadtmusikanten, die wir seit Iring Fetscher, dem Frankfurter Soziologen –„Wer hat Dornröschen wachgeküsst“ – im Erzählkern als eine Hausbesetzergeschichte lesen, bleibt unberührt: „Etwas Besseres als den Tod finden wir allemal!“</span></p>
<p>Gleichzeitig stellt Wölfle klar, wenn man nur irgendetwas über Drogen, Sucht und Abhängigkeit schreibt, kann man die sozialen Verhältnisse und Ungerechtigkeiten dieser Gesellschaft nicht außer Acht lassen. Er empört sich über die Spaltung in diesem Land, in welchem es Stimmen gibt, die nur dann laut nach strengen Strafen rufen, wenn es sich „um sozial schwache, einfache und unterprivilegierte Betroffene handelt“, während man, wenn es sich um prominente Konsumenten handle, nie höre, dass man jetzt „endlich einmal hart durchgreifen“ müsse.<br /><span> </span></p>
<h3><span>Eigenständig werden</span></h3>
<p><span>Er berichtet über kleine Veränderungen zum Besseren, über Rückschläge und strikte Verbote, Drogen und Sex, über das Changieren zwischen Hoffen und Misstrauen, das schleichende Gift, das den therapeutischen Optimismus zersetzen kann. Das Lukasfeld als Mikrokosmos ist eine Bühne, mit Haupt- und Nebenschauplätzen, und die Stücke, die dort inszeniert werden, spiegeln die Projektionen, die Begehren und Sehnsüchte, die Hoffnungen und Träume aller Beteiligten: Therapie im Selbstverständnis einer Co-Kreation, mit Gefühlen von Ernüchterung und Ohnmacht, von Augenblicken des Glücks und des Staunens. Bei allem prozessualen Geschehen, bei allem möglichen Scheitern therapeutischer Anläufe ebenso wie deren möglichen Gelingen, scheint mir als Leser doch diese eine, wenngleich schwierige Perspektive zentral: Im Lukasfeld versuchen die therapeutischen Akteure den Patienten zu vermitteln, dass sie „in erster Linie einmal in Ordnung sind, so wie sie sind“. Und was es in zweiter Linie dann vielleicht noch zu verändern gibt, darüber könne man reden. Am Beginn seiner Notizen erzählt Wölfle von einer Königin, die auf dem Cover titelt, von Miriam. Auf ihrem Weg in die Drogenwelt entwickelte sie eine Strategie, um sich – trotz alledem – </span><span>einen Rest von Selbstwertgefühl zu erhalten und Stolz zu bewahren. </span></p>
<p> </p>
<p class="callout"><span>Roland Wölfle, Auf der Straße bin ich Königin. Notizen aus der stationären Suchttherapie, Frieling-Verlag, Berlin 2011, 128 Seiten, Euro 9,90, ISBN 978-3-8280-2912-5<br /><br /></span><span>www.strasse-koenigin.com</span></p>]]></content:encoded>
    <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>
    <dc:creator>Peter Niedermair</dc:creator>
    <dc:rights></dc:rights>
    <dc:date>2013-02-25T12:40:11Z</dc:date>
    <dc:type>Kritik</dc:type>
  </item>


  <item rdf:about="http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/201ekindheit-jugend-und-familie-in-vorarlberg-1861-bis-1938201c-2013-ein-dunkles-kapitel-der-vorarlberger-geschichte">
    <title>„Kindheit, Jugend und Familie in Vorarlberg 1861 bis 1938“ – Ein dunkles Kapitel der Vorarlberger Geschichte</title>
    <link>http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/201ekindheit-jugend-und-familie-in-vorarlberg-1861-bis-1938201c-2013-ein-dunkles-kapitel-der-vorarlberger-geschichte</link>
    <description>„Die katholische Kirche allein kann den wahren, rettenden und alle beglückenden Conservatismus in der Welt feststellen.“ (Vorarlberger Volksblatt vom 6.8.1872)
</description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[<p>Eine für die Vorarlberger Geschichtsforschung weitere Bereicherung stellt die Publikation <b>Kindheit, Jugend und Familie in Vorarlberg 1861 bis 1938 </b>vom bekannten Historiker Univ.-Prof. Mag. Dr. Gerhard Wanner und dem Diplompädagogen Johannes Spies dar. Im Auftrag des Vorarlberger Kinderdorfs beforschte Wanner den soziokulturellen Hintergrund in Vlbg. zwischen 1861 bis 1938 und Spies die institutionalisierte Erziehung auf Jagdberg zwischen 1880 bis 1945.</p>
<p>„Wenn du nicht brav bist, dann kommst du auf den Jagdberg!“ Wer von den älteren Generationen in Vlbg. kennt diese Androhung nicht? Als Kind verbanden wir damit einen Ort des Grauens und des Schreckens. Im Gegensatz zu der mindestens ebenso oft gehörten Drohung, in die Hölle zu kommen, war der Jagdberg ein real existierender Ort in einer wunderbar gelegenen Hanglandschaft im Walgau. Dr. Christoph Hackspiel, Geschäftsführer des Vorarlberger Kinderdorfs, erläutert kurz in seinem Vorwort, wie es zu dieser Arbeit und zur Zusammenarbeit gekommen ist. In einer kurzen Replik verweist er darauf, dass körperliche Gewalt in der Schule erst 1974 und das Gewaltverbot in der Erziehung 1989 per Gesetz verboten wurde. Alarmierend ist seine Feststellung, dass zwei Drittel der Kinder im familiären Umfeld körperliche Strafen heute noch über sich ergehen lassen müssen. Dieser leider nach wie vor verbreitete Erziehungsstil kommt nicht von ungefähr.</p>
<h3>Unheilige Allianz zwischen katholischer Kirche und konservativer Politik</h3>
<p>Wo diese Gewaltbereitschaft in der Erziehung ihre Wurzeln hat, zeigt Wanner eindrucksvoll auf, indem er Kindheit, Jugend und Familie in Vorarlberg im erwähnten Zeitraum unter sozialhistorischen Aspekten genauer ausleuchtet. Anhand einer Reihe von Zitaten, hauptsächlich aus der damaligen Vorarlberger Presse, aber auch aus anderen Publikationen, greift er akribisch alle gesellschaftspolitisch relevanten Themen auf. Unverblümt belegen die Zitate die unheilige Allianz zwischen der katholischen Kirche und den konservativen Vertretern der Politik. „<i>Die einzige Rettung nicht nur Voralbergs, sondern der gesamten Menschheit sahen die Konservativen in einer Identifikation der Gesellschaft mit der katholischen Papstkirche und ihren ‚absoluten, göttlichen‘ Werten, Wahrheiten und Forderungen.</i>“ (Wanner/ Spies, 2012, Seite 11) <br /><br />Es gab zwar einen liberalen Widerpart durch die „Fortschrittspartei“ bzw. später durch die „Deutschfreisinnigen“, die Sozialdemokraten und auch durch die Regierung im fernen Wien, aber in diesem von der katholischen Kirche dominierten Klima der Angstmacherei und Verboten hatten sie kaum eine Chance, liberale Ideen umzusetzen. Sie wurden von den Konservativen und der katholischen Kirche geradezu als „Abschaum der Gesellschaft, ja der Menschheit“ dämonisiert. Die Verbreitung liberaler Ideen erfolgte durch die „Feldkircher Zeitung“ (liberal), den „Vorarlberger Volksfreund“ (deutschfreisinnig) und die „Vorarlberger Wacht“ (sozialdemokratisch), durch diverse Vereine und einzelne liberale Politiker und Industrielle. Demgegenüber stand die Übermacht der konservativ-christlichsozialen Tageszeitungen „Vorarlberger Landbote“ und „Vorarlberger Volksblatt“, die das Sprachrohr für die christlichsozialen Politiker waren. Sie bildeten eine Symbiose mit der Kirche, den vielen katholischen Vereinen, die alle Lebensbereiche vom Sport, über Mütter, Arbeiter, Raiffeisenkasse bis zur Musik und Priester abdeckten. Neben der Kirche waren die Lehrer und Erzieher, die das erzkonservative katholische Gedankengut unter die Leute brachten.</p>
<h3>Schule als Ort katholischer Indoktrination</h3>
<p>Um die Wichtigkeit der Einflussmöglichkeiten wissend, wurde auch das katholische Lehrerseminar 1888 von den Schulbrüdern in Feldkirch-Tisis gegründet. Deshalb wurde diese „Lehrerfabrik“ von den Freisinnigen 1892 als „clerikale Parteianstalt“ bezeichnet. Folgendes Zitat aus dem Vorarlberger Volksblatt fasst das inhaltliche Programm der Lehrerbildung so zusammen: „<i>Die katholische Religion ist die einzige und alleinige Macht auf Erden, welche das Schulkind schon überzeugt, daß über ihm ein Gott als unendlich weiser Gesetzgeber steht, welcher das Recht und die Güte hat, seine Gedanken und Wünsche, seine Worte und Werke zu regulieren, und daß über ihm ein Gott als unbestechlicher Richter wacht, welcher mit allgegenwärtigem Auge sein Thun und Lassen beobachtet und ihm dafür nach Verdienst Lohn und Strafe zumißt in der Zeit und in der Ewigkeit.</i>“ (Wanner/ Spies, 2012, Seite 44) Aus der Polarität zwischen den Konservativen und Liberalen entwickelte sich dann auch der Begriff der „Altschule“ und „Neuschule“, wo neuere Erkenntnisse der Pädagogik und der Sozialwissenschaften einfließen sollten. Dass diese „Modernismen“ von Vlbg. ferngehalten wurden, dafür sorgten mit aller Vehemenz die Konservativen. Diese Verhinderungshaltung hat sich bis heute kaum geändert – nur mit dem Unterschied, dass den Konservativen heute die Unterstützung der allmächtigen Kirche mehr oder weniger abhanden gekommen ist!</p>
<p>Dieses pädagogische Konzept im Namen Gottes legitimierte, alles mit den Kindern und Jugendlichen zu machen, besonders Erniedrigung, Gewalt, Psychoterror, Missbrauch usw. Dass diese dann als Erwachsene, so indokriniert, diese Traditionen fortsetzten, hatte und hat entsprechende Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben bis herauf in die Gegenwart. Wanner beleuchtet auch noch viele andere Bereiche durch eine Reihe von Zitaten aus den damaligen Printmedien.</p>
<p>Solche Kapitel sind:</p>
<p>- „Erzieherische Maßnahmen und Zielsetzungen“ (z.B. Mädchenerziehung, Spielzeug, Sparsamkeit, körperliche Züchtigung)</p>
<p>- „Soziale Einrichtungen“ (z.B. Kindergärten, Bewahranstalten, Waisenhäuser, pädagogische Spezialeinrichtungen, Ferienkolonien)</p>
<p>- „Jugendgruppen“ (katholische Jugendgruppen und katholische Studentenverbindungen, deutschvölkische Studenten, Pfadfinder und Wandervogel)</p>
<p>- „Soziale Randgruppen“ (Alparbeit und Schwabenkinder, Maschinenkinder, welsche Immigrantenkinder, Vagantenkinder und Bettelei)</p>
<p>- „Normabweichendes Verhalten“ (z. B. Religions- und Kirchenfeindlichkeit, Nachtschwärmerei, Raufereien und Schlägereien, Tabak- und Alkoholkonsum)</p>
<p>- „Sexualität, Unsittlichkeit und Sittlichkeit“ (strikte Moralvorstellungen, weibliche Sexualität, Marienverehrung, Koedukation, unsittliche Literatur und Bilder, Fasnacht und Tanzveranstaltungen, Badesitten, sexueller Missbrauch und klerikale Sittlichkeitsdelikte)</p>
<p>- „Gesundheit – Krankheit“ (z.B. Geburten- und Säuglingssterblichkeit, Abortus – Kindsmord – Kindesweglegung, uneheliche Kinder, Ernährung, Schulturnen, Sport).</p>
<h3>Der Vorarlberger Kinderrettungsverein und die institutionalisierte Erziehung auf Jagdberg 1880 bis 1945</h3>
<p>Johannes Spies setzt sich intensiv mit der Geschichte des Jagdbergs von den Anfängen bis 1945 auseinander. Soviel sei vorweggenommen: Wie in einem Mikrokosmos spiegelt sie die gesellschaftspolitischen Verhältnisse Vorarlbergs im Jagdberg und anderen Erziehungseinrichtungen wider. Deshalb ergänzen einander die beiden Arbeiten trefflich. Ohne Wanners Darstellungen  wäre man versucht zu glauben, dass sich die Vorkommnisse in Vorarlbergs Erziehungseinrichtungen, besonders im Jagdberg, ausschließlich irgendwo weit weg in einem totalitären System, möglicherweise bei den Taliban, zugetragen haben. Aber dem ist leider nicht so, wie die in jüngster Zeit nach und nach aufgedeckten Ereignisse im Jagdberg, die Missbrauchsfälle im Kloster Mehrerau und die Forschungen von Spies beweisen. In Vlbg. nahmen sich in der zweiten Hälfte des 19. Jhdts. drei Vereine der Kinder- und Jugendfürsorge an. 1884 wurde der „Verein zur Rettung sittlich verwahrloster Kinder“ gegründet. Direktor des Vereins war der Priester und konservative Landtagsabgeordnete Johannes Baptist Jehly. Er prägte mit seinen Erziehungsvorstellungen maßgeblich die Pädagogik für die „sittlich verwahrloste Jugend“: „<i>Das Rettungshaus für verwahrloste Jugend hat die Aufgabe, sittlich verkommenen Kindern eine religiös-sittliche Erziehung zu verschaffen und sie auf diese Weise zu tüchtigen Gliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden. Wir verstehen unter verwahrloster Jugend jene Kinder, die ohne wahrhaft christliche Erziehung heranwachsend, ihren verbrecherischen Trieben und bösen Gelüsten folgend, die Bahn des Lasters betreten und auf derselben dahinwandeln.</i>“ (Wanner/Spies, 2012, Seite 262)</p>
<h3>„Sie sind ausgelassen, roh, vielfach bösartig und abstoßend.“<br /><span> </span></h3>
<p>Im Jahresbericht III des Vorarlberger Kinderrettungsvereins werden die Kinder und Jugendlichen in seinen Erziehungseinrichtungen wie folgt charakterisiert: „<i>Sie sind ausgelassen, roh, vielfach bösartig und abstoßend.</i>“ (Wanner/ Spies, 2012, Seite 294) Bei einer solchen Einstellung zu Kindern und Jugendlichen braucht es nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie menschenverachtend mit ihnen umgegangen wurde, welche Qualen, Grausamkeiten, Erniedrigungen und Schmerzen sie durchmachen mussten – und das alles für ein „höheres“ Ziel: als Erwachsene ein religiös-sittliches und gottgefälliges Leben zu führen. Auch die Hausordnung verstärkt diesen Eindruck. So wurde der Tagesablauf beinahe minutiös festgelegt. Der Tag begann für die Kinder um 5.45 Uhr und endete um 20.00 im Bett. Die Tagesstruktur ist vergleichbar mit einem strengen früheren katholischen Internat, wo die religiösen Übungen beinahe gleichbedeutend dem Unterricht waren. Im Jagdberg kamen aber noch verpflichtende Arbeitseinsätze in der Landwirtschaft dazu. Die in der Hausordnung verankerten körperlichen Züchtigungen oder Strafen des Fastens wurden zwar von der k.u.k. Statthalterei in Innsbruck verboten, aber wer sollte das kontrollieren? Dass dieses rigide und menschenverachtende System nahtlos 1938 von den Nazis übernommen werden konnte, versteht sich von selbst. Es gab zwei gravierende Unterschiede: Das streng katholische wurde von Nazi-treuem Personal ersetzt und die religiösen durch paramilitärische Übungen abgelöst.</p>
<p>Fazit der Lektüre dieses spannenden und zugleich beklemmenden Buches: Es gibt einen tiefen Einblick in die Ideologie- und Mentalitätsgeschichte Vorarlbergs und leistet einen wertvollen Beitrag, die Ungeheuerlichkeiten der in der letzten Zeit aufgedeckten Skandale im Jagdberg bzw. im Kloster Mehrerau annähernd zu verstehen.</p>
<p><b> </b></p>
<p> </p>
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<p class="callout">Gerhard Wanner/Johannes Spies, Kindheit, Jugend und Familie in Vorarlberg 1861 bis 1938, Schriftenreihe der Rheticus – Gesellschaft 57 in Zusammenarbeit mit dem Vorarlberger Kinderdorf, Feldkirch – Bregenz 2012, Euro 15, ISBN 978-3-902601-33-9<br />Das Buch ist im Kinderdorf Vorarlberg und bei der Rheticus-Gesellschaft in Feldkirch erhältlich.</p>]]></content:encoded>
    <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>
    <dc:creator>Peter Fischer</dc:creator>
    <dc:rights></dc:rights>
    <dc:date>2013-02-20T06:00:00Z</dc:date>
    <dc:type>Kritik</dc:type>
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