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  <title>Literatur</title>
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  <item rdf:about="http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/wo-die-wilden-kerle-wohnen-2013-harald-gfader-hat-201edas-verlustige-lektorat201c-neu-aufgelegt-3">
    <title>Wo die wilden Kerle wohnen – Harald Gfader hat „Das verlustige Lektorat“ neu aufgelegt</title>
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    <description>Zeichnungen aus den Jahren 1999 bis 2008 hatte der Maler, Zeichner und Soundkünstler Harald Gfader vor vier Jahren in einem bibliophilen Band unter dem Titel „Das verlustige Lektorat“ veröffentlicht. Das Buch war schnell vergriffen, schon weil den ersten 100 Stück der 400 Exemplare eine Originalzeichnung beigelegt war. Jetzt folgt der zweite Streich: eine Zusammenstellung dieser im ersten Buch beigelegten Originalzeichnungen erscheint nun unter dem Titel „Das verlorene Lektorat“, weil diese sonst „verloren“ wären.</description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[<h3>Assoziative Schleifen</h3>
<p>„Lektorat“ – schon die beiden Titel sprechen etwas an, das es kaum mehr gibt: Die genaue und im Sinne des Autors mitdenkende Annäherung an Bücher scheint verloren, und unter diesem Verlust leiden nicht nur Autoren. Leser stolpern über Tippfehler, syntaktische Ungetüme, zäh fließende Passagen und so weiter. Schon seltsam, dass ausgezeichnet einem Maler die Aufgabe zufällt, den Missstand anzuklagen. Aber es ist ja ein Maler, der auch das, was täglich so geredet wird, genauestens unter die Lupe nimmt. „Zuerst Zeichnung, dann Text! In dieser Reihenfolge“, betont Harald Gfader, entstünden seine künstlerischen Tagebücher. Häufigstes Motiv der Zeichnungen ist der Kopf. Was in ihm vorgeht, wird auch in assoziativen Schleifen formuliert, handschriftlich oder auf einer Olympus-Schreibmaschine aus den 1960er-Jahren, wie Karlheinz Pichler verrät. Abgesehen von den an Art Brut gemahnenden Texten fügt diese (verlorene) Typographie den Zeichnungen auch einen ästhetischen Mehrwert hinzu.</p>
<h3>„Provinzkünstler niederen Standes“</h3>
<p>Harald Gfader nennt sich „Provinzkünstler niederen Standes“, ist bekennender Wollmützenträger und zeichnet gern mal gekrönte Häupter. Sie erinnern ein bisschen an die anarchistischen Prinzen von Maurice Sendak, etwa den Max aus dem Kinderbuch „Wo die wilden Kerle wohnen“. Und in Band II, dem „verlorenen Lektorat“ stellen sie sich in nicht geringer Zahl vor, zumeist ironisch kommentierend:</p>
<p><i> „die macht die ich kenn ist zu zu<br />ordnen<br />auf das<br />was ich ke<br />nn…“</i></p>
<p>Dabei bleibt der Kopf als solcher schutzlos, da hilft keine Wollmütze und auch keine Krone. Der Mund ist verzogen, aus gekritzelten Augen fließen endlos lange Tränen. „Es wird bald regnen“, hat Gfader auf das Blatt geschrieben, „nicht nur wegen den wolken .. auch anderes war zu bemerken“. Wie passt diese lakonische Knappheit zum schmerzlich verzogenen Mund? Wie zugenäht wirkt der. Denn was Gfader formuliert, schrammt am Verstummen entlang. Manfred Lang meint, er zeichne „zweideutige Headlines“ – aber die entstehen wohl nach langem Brüten, das sich in einer spontanen Geste doch äußern kann. Dabei entsteht eine oft verblüffende Einheit von Text und Bild. Sie speist sich aus der Beobachtung dessen, was täglich geschieht und den Zeichner wütend, melancholisch oder fröhlich macht. Immer wieder taucht ein märchenhaftes Zweiglein auf. 2001 verdeutlicht ein schief gelegter rot-grüner Kopf Gfaders Haltung zur schwarz-blauen Regierung – aber Politik spielt nur ganz am Rand eine Rolle. Eher geht es um Thesen zum Kunstbetrieb oder um ganz allgemeine gesellschaftliche Beobachtungen. Und in einer Montage wie „Featuring 10 new songs“ blitzt Gfaders Liebe zur Musik auf.</p>
<h3>Exprès</h3>
<p>In „Das verlorene Lektorat“ taucht auf den Zeichnungen öfters der Aufkleber „Durch Eilboten. Exprès“ auf. Sicher, Gfader ist ein ungeduldiger Mensch, immer auf dem Sprung, schnell enttäuscht. Einem seiner Käufer schickt er „durch Eilboten“ einen finster dreinblickenden Menschen mit Hörnern. Über seinem Kopf die Zeilen „Die neuen lehrer..wie man alles erreicht…dafür nie ankommt..“ Ein Rätselbild, das den Kopf des Betrachters zwingt, eigene Bilder zu schaffen, eigene Überlegungen anzustellen. Diese produktive Kraft haben viele der Zeichnungen. „Freunde des Orest“, spricht Gfader aus einem Kopf mit übergroßen Ohren: „die dimension der träume hat sich erweitert“. Ein Trost ist das nicht. Aber eine Ermutigung.<i><br /></i></p>
<p> </p>
<p class="callout">Harald Gfader, Das verlorene Lektorat, 106 Seiten, W. Neugebauer Verlag, Graz und Feldkirch, ISBN 978-3-85376-247-9, EUR 25,00</p>]]></content:encoded>
    <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>
    <dc:creator>Ingrid Bertel</dc:creator>
    <dc:rights></dc:rights>
    <dc:date>2012-04-11T06:00:00Z</dc:date>
    <dc:type>Kritik</dc:type>
  </item>


  <item rdf:about="http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/trans-maghreb-hans-platzgumer-besteigt-den-hochgeschwindigkeitszug-durch-den-arabischen-fruehling">
    <title>Trans-Maghreb: Hans Platzgumer besteigt den Hochgeschwindigkeitszug durch den arabischen Frühling</title>
    <link>http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/trans-maghreb-hans-platzgumer-besteigt-den-hochgeschwindigkeitszug-durch-den-arabischen-fruehling</link>
    <description>Jedes Kind kann heute, im Frühling 2012, die fünf wichtigsten Städte Libyens herbeten: Tripolis, Benghazi, Misrata, Sirte, Surt. Vor einem Jahr hat der arabische Frühling einen der schillerndsten Diktatoren hinweggefegt: Muammar al-Gaddafi. Wer war dieser Mann, der als böser Bube in Fantasie-Uniformen gerne auf europäischem Parkett auftrat? Der 2004 vollmundig verkündete: „Wahlen? Wozu denn? Dieses Stadium haben wir längst hinter uns gelassen. Denn das Volk hat die Macht!“ Mittlerweile hat „das Volk“ ihn ja beim Wort genommen. Das alles kommt irgendwie auch vor in Hans Platzgumers Novelle „Trans-Maghreb“, die auf merkwürdige Art entstanden ist.</description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[<h3><strong>Pirelli für Intellektuelle<br /> </strong></h3>
<p>So etwas passiert Schriftstellern nicht alle Tage! Irgend jemand aus dem Vorstand der Wiener AC Bau- und Handels GesmbH liest Hans Platzgumers Tschernobyl-Roman „Der Elefantenfuß“ – und hat eine zündende Idee: Wie wär’s, exklusiven Kunden eine Erzählung, quasi einen Pirelli-Kalender für Intellektuelle, anzubieten? Die Anfrage, eine für Bauunternehmen maßgeschneiderte Erzählung zu schreiben, nimmt Hans Platzgumer mit Freude auf, und der Humor verlässt ihn auch nicht, als der Auftraggeber meint, man könne doch den Helden – naturgemäß einen Bauträger – gleich mal ins Jenseits befördern. Anton Corwald (AC!) nennt Platzgumer diese Figur.<br /><br />Dass der Autor so positiv auf den Vorschlag reagiert, hat einen einfachen Grund: Die Geschichte hat sich in seinem Kopf schon vorher mehr oder weniger geschrieben, und es ist eine wahre Geschichte. Platzgumer, sonst ein Autor, der umfangreiche Recherchen betreibt, muss seinem Schwager nur gut zuhören. Der ist gerade von einer libyschen Baustelle zurückgekehrt und hat Spannendes zu berichten.</p>
<h3><strong>Die Vorgeschichte<br /> </strong></h3>
<p><span>Im August 2010 bekommt das staatliche russische Bahnunternehmen „Rossiiskie Zheleznie“ (RZhd) einen Auftrag im Volumen von 2,2 Billionen Euro für die Bahnverbindung Surt-Benghazi. Mit 250 km/h sollen hier die Züge entlang der Mittelmeerküste fliegen. Der Bahnabschnitt in Libyen ist aber nur eine Tranche des Plans, der die maghrebinischen Staaten Algerien, Libyen, Marokko, Mauretanien und Tunesien mit einem Hochgeschwindigkeitszug verbinden soll. Im März 2010 sind 14 Kilometer des 551 Kilometer umfassenden Bauabschnitts zwischen Surt und Benghazi gebaut. 438 Menschen arbeiten an der Bahnstrecke, ein paar Österreicher sind auch darunter. Als der arabische Frühling die „Trans-Maghreb“ in ein Milliardengrab weht, sitzen sie in ihren Containern fest – ohne Telefon, ohne Fernsehen, ohne Internet.<br /> </span></p>
<h3><strong>Die Österreicher-Geschichte<br /></strong></h3>
<p><span>42 Jahre lang konnte sich Muammar al-Gaddafi an der Macht halten. Und er knüpfte in dieser Zeit Beziehungen zu etlichen österreichischen Politikern. Im März 1982 empfing Bruno Kreisky den Diktator, dessen antisemitische Politik sich in Pogromen und willkürlichen Verhaftungen seit 1969 nachweisen ließ. 1983 wurde eine Delegation deutscher und österreichischer Grüner (Otto Schily, Fritz Zaun) von Gaddafi empfangen. Ihnen versicherte der Diktator: „Die Grünen sind die Alternative für Europa“ – und unterstützte das alternative Monatsmagazin „MOZ“ finanziell mit über 5 Millionen Schilling. „MOZ“-Geschäftsführer Auer schrieb in einem Leitartikel im Jänner 1985, man habe sich das Geld „direkt in Libyen unter Umgehung offizieller, diplomatischer und bürokratischer Kanäle besorgt.“</span></p>
<p>Da spitzten manche in der FPÖ die Ohren. 1989 hielt deren Bundesgeschäftsführer Harald Göschl Gaddafis „grünes Buch“ mit dem FPÖ-Programm für „vereinbar“. Harald Ofner folgte einer Einladung Gaddafis zu einer Konferenz – im Flugzeug nach Tripolis saßen grüne neben freiheitlichen Funktionären. Die innigste Beziehung zu Familie Gaddafi pflegte aber wohl Jörg Haider. Seit 1999 besuchte er den Diktator regelmäßig – mal in Gesellschaft des Vorstandschefs der Kärntner Hypo-Alpe-Adria Bank, Wolfgang Kulterer, mal mit Parteifreund Herbert Scheibner oder 2003 mit Vizekanzler Hubert Gorbach.</p>
<h3><strong>Die Platzgumer-Geschichte</strong></h3>
<p><span>Alle diese Verwebungen mit Geschäften und politischen Karrieren spielen in Hans Platzgumers Buch nicht die geringste Rolle. Er erzählt aus anderer Perspektive, gleichsam aus dem Inneren des Landes, in das es seinen Ich-Erzähler, einen 38-jährigen Tiefbauingenieur, einigermaßen zufällig verschlagen hat – und aus dem er im März 2011, mitten im arabischen Frühling, mit viel Glück nach Wien zurückkehrt. Im Fernseher glaubt er, die Leiche seines Bauträgers, Anton Corwald, zu erkennen. Denn diese Leiche am Strand ist so viel heller, so anders gekleidet als die afrikanischen Exilanten. „Die afrikanischen Exilanten werden bereits in libyschen Lagern aufgehalten, zusammengepfercht“, weiß dieser Tiefbauingenieur. „Um das durchzusetzen schloss die EU einen Pakt mit Gaddafi.“ Mehr will er nicht wissen. Das Land ist ihm fremd und bietet nichts von den Annehmlichkeiten, die er schätzt: Frauen, Bier, Fernsehen. Ersatzweise geht er in Abdullahs Kramladen am Rand des Containerdorfs, in dem er wohnt. „Meine Beziehung zu Abdullah war der engste Kontakt, den ich in diesem Land knüpfte. Zu mehr sozialem Feingefühl bin ich offenbar nicht fähig.“</span></p>
<h3>Müllberge</h3>
<p>Was diesen Mann zutiefst abstößt, ist das Umweltdenken der Libyer. Jede Ortschaft ist von einem Müllgürtel eingeschnürt. „Das Land war im Verpackungsrausch. Alles, was seine sechs Millionen Einwohner erwarben, kam in dicken Kunststoffschichten, und all dieser Zivilisationsmüll wurde auf den Boden geworfen, von wo ihn der Wind in alle Himmelsrichtungen zerstreute.“ Getankt wird so, dass grundsätzlich eine Benzinlache neben dem Auto zu finden ist, und wenn einer Öl wechselt, dann lässt er das alte Öl im Boden versickern. Anton Corwald reagiert spöttisch auf das Entsetzen seines Tiefbauingenieurs: „Treibstoff ist hier billiger als Wasser, das bei uns daheim ja auch ein jeder vergeudet.“</p>
<h3>Kühl taxierender Blick</h3>
<p>Wasser ist im Übrigen das größte Hindernis beim Bahnbau in der Wüste, denn der Bautrupp quert mehrfach den „Great Man Made River“: „Seit den 80er Jahren pumpt Gaddafi in meterdicken Rohren fossiles Grundwasser, das in unterirdischen Becken der Sahara entdeckt wurde, vom Inneren des Landes zu den Küstenmetropolen.“ Der Ingenieur ist froh, dass ihm das Entkommen in eine dieser Küstenmetropolen gelingt. Er will nur noch weg aus einem Land, das vermutlich mit Menschen auch nicht pfleglicher umgeht als mit der Natur. Hans Platzgumer wirft einen kühl taxierenden Blick auf seine Protagonisten, enthält sich eines Urteils, sammelt Bilder, Fakten, Einschätzungen, um zu berichten, wie das Empfinden in einer solchen Extremsituation Volten schlägt. Ein Anflug solcher Zurückhaltung wäre jenen Politikern, die bei Gaddafi die Hand aufhielten, schon angestanden. Aber Politikern geht es eben um Definitionsmacht – und Schriftstellern nicht.</p>
<p class="callout">Hans Platzgumer: Trans-Maghreb, 120 Seiten, Limbus Verlag, Innsbruck 2012, ISBN 978-3-902534-55-2, EUR 13,90</p>]]></content:encoded>
    <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>
    <dc:creator>Ingrid Bertel</dc:creator>
    <dc:rights></dc:rights>
    <dc:date>2012-04-04T10:00:29Z</dc:date>
    <dc:type>Kritik</dc:type>
  </item>


  <item rdf:about="http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/wo-man-geschichte-spueren-kann-2013-ein-bildband-von-dietmar-walser-ueber-hohenems">
    <title>Wo man Geschichte spüren kann – ein Bildband von Dietmar Walser über Hohenems</title>
    <link>http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/wo-man-geschichte-spueren-kann-2013-ein-bildband-von-dietmar-walser-ueber-hohenems</link>
    <description>„Menschen auf die Vielfalt in Hohenems aufmerksam zu machen“, das ist das Anliegen des Fotografen Dietmar Walser. Und die schönsten Seiten der Stadt und ihrer Umgebung präsentiert er in einem Bildband, der um fünf Essays erweitert ist.</description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[<p>„Ich hab gar nicht gewusst, dass Hohenems so schön sein kann“, sagt ein Bekannter, der in dem Buch blättert. Zweifelsohne versteht Dietmar Walser viel von Fotografie – von der Suche nach der packenden Lichtstimmung, dem eindrücklichen Bildausschnitt, der überraschenden Position. Das kann die Weite der Landschaft sein – etwa wenn ein Bild den begradigten Rhein und die Aulandschaft des Alten Rheins zwischen den Orten zeigt, sogar den durchgeschnittenen Kummenberg. Das kann ein zauberhaftes Herbstbild der Burgruine Alt-Ems sein – ein Bild wie ein Märchen. Oder es kann das Bild eines schwimmenden kleinen Mädchens sein, für das sich der Fotograf ebenfalls ins Wasser begibt. Dietmar Walser ist ein sportlicher Fotograf, der die Nordwestwand des Hohen Freschen in Szene setzt, als wäre es der Annapurna, der Ski fahren, klettern, fliegen geht, um auch die versteckten Schönheiten von Hohenems ins Licht zu rücken.</p>
<h3>Die Hohenemser Ringparabel</h3>
<p>In ihren Essays gehen sowohl Michael Köhlmeier als auch Hanno Loewy auf die Besonderheit der Geschichte von Hohenems ein, auf das einstige Nebeneinander von christlicher und jüdischer Kultur und auf das heutige Nebeneinander von agnostischer, christlicher und muslimischer Kultur – und alles auf engstem Raum, in den immer gleichen Häusern. „Hohenems in die Welt hinaustragen“, will Michael Köhlmeiers Freund, ein Drehbuchautor aus Los Angeles. „Das multikulturelle Herz meines Freundes war, ohne dass er sich dessen bewusst war, schon seit langem auf der Suche nach einem, fernab von Scheinwerfern, real existierenden Paradies, in dem auf naive Weise Toleranz und Respekt zwischen den Kulturen gelebt wurde. Und nun, nach allem, was ich ihm gezeigt und erzählt hatte, glaubte er, dieses Paradies am Fuß unseres bedrohlichen Berges gefunden zu haben.“</p>
<h3>„Ort der Widersprüche“</h3>
<p>Melancholische Ironie, denn natürlich ist Hohenems kein Paradies. Hanno Loewy nennt die Stadt einen „Ort der Widersprüche“, und mit Respekt zeichnet er nach, wie die Kleinstadt lernte, sich mit ihrer jüdischen Geschichte zu befassen – angestoßen von Hermann Prey und der Schubertiade, von jungen Historikern und den Nachkommen der ehemaligen Hohenemser Juden. Die Hohenemser seien zerstritten, heißt es landauf, landab. Hanno Loewy kann dem einiges abgewinnen: Schließlich geht es voran, auch wenn die Hohenemser selbst oft daran zweifeln. „Vielleicht haben sie so hohe Ansprüche an sich selbst, dass sie gar nicht merken, wie weit ihr Streit sie schon gebracht hat. Manchmal hat das Streiten sie einfach auch daran gehindert, Unsinn zu machen, z.B. den Löwensaal einfach abzureißen.“ Dort ist jetzt wieder das Puppentheater-Festival Homunculus eingezogen, „ein Festival des Understatements, der kleinen Formen, der Versuche, sich selbst neu zu erfinden.“<br />Ein hinreißendes Bild dieses Festivals steuert Dietmar Walser bei, den „großen Coup der kleinen Viecher“; ein lebhaftes Bild auch von der Spurensuche auf dem jüdischen Friedhof, aber – seltsam: nur ein Gesicht einer Person mit Migrationshintergrund. Es ist das zarte, schöne Gesicht der Sängerin Fatima Spar. Warum kein Blick in die Schrebergärten, wo Yilmaz neben Sutilovic, Marte neben Öztürk und Diem neben Günay gärtnert? Beim Blättern durch die vielen schönen Bilder kommt bisweilen der Verdacht auf, hier spiele Werbung die Hauptrolle.</p>
<h3>Costa del Rhi</h3>
<p>Der Alte Rhein hat wohl mehr Zeug zum Paradies als die Stadt. Reinhold Bilgeri singt ihm wohl und dem ewigen Kind Walter Batruel – dem Erfinder der „Costa del Rhi“ mit seinen Piraten- und Baumhaus-Träumen – ein Loblied. Dietmar Walser beobachtet springende, rudernde, tauchende Paradiesbewohner. Dem Zauber dieser uferlosen, grenzenlosen Landschaft und den glücklichen Gesichtern derer, die hier einen Sommertag verleben, kann man sich schwer entziehen. Und dann gibt es noch die Sportler. Man spürt die Nähe, die Dietmar Walser zu ihnen hat. Bastian Kresser schenkt ihm zwei charmant erzählte Geschichten – wobei man gern wüsste, wer Bastian Kresser ist. Kurzbiografien der AutorInnen, und sei es im Anhang, fehlen nämlich.</p>
<h3>Wasserfall und Türkenbund</h3>
<p>An die Grenzen der Stadt führt Gabriele Bösch in einem philosophischen Spaziergang mit Jean Améry. Entlang der Wasserfälle, der kaum besuchten Wege im Unterklien, überdenkt sie die zentralen Thesen aus „Jenseits von Schuld und Sühne“ und überlegt, dass sich „am Rande einer Stadt … Ausgesetztes manchmal zum Paradies“ entwickelt. Da ist es wieder, das Paradies, während Gabriele Bösch schon am Friedhof ankommt und beim ersten Grab Halt macht. „Manchmal bringe ich dem türkischen Lehrer Ahmet Alkan eine Blume mit.“ „Alpenfrieden“ nennt Dietmar Walser das beinah letzte Bild seines Buches. Von Schuttannen aus kann man diesen Frieden als innere Ruhe für sich selbst mitnehmen und die schönen Sätze von Gabriele Bösch dazu.</p>
<p> </p>
<p class="callout">Hohenems, Bildband mit Fotografien von Dietmar Walser und Texten von Michael Köhlmeier, Reinhold Bilgeri, Gabriele Bösch, Hanno Loewy und Bastian Kresser, Eigenverlag, Hohenems 2011, www.walser-image.com</p>]]></content:encoded>
    <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>
    <dc:creator>Ingrid Bertel</dc:creator>
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    <dc:date>2012-01-18T07:00:00Z</dc:date>
    <dc:type>Kritik</dc:type>
  </item>


  <item rdf:about="http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/der-datendieb-2013-oder-warum-der-datenklau-ueberhaupt-moeglich-war">
    <title>Der Datendieb – Oder warum der Datenklau überhaupt möglich war</title>
    <link>http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/der-datendieb-2013-oder-warum-der-datenklau-ueberhaupt-moeglich-war</link>
    <description>Bereits der Film der beiden Autoren und Filmemacher Sigvard Wohlwend und Sebastian Frommelt schlug in Liechtenstein wie eine Bombe ein. Das soeben erschienene Buch „Der Datendieb“ von Sigvard Wohlwend übertrifft den Film jedoch um vieles. </description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[<p class="Body1">Detailreich schildert Wohlwend die Geschichte Heinrich Kiebers in lakonischen Grautönen. Und scheinbar nebenbei gewinnt man einen Blick auf die Zusammenhänge fürstlicher Machtspiele, auf Finanzplatzkrise und Stillhalteabkommen. Eines ist im deutschsprachigen Raum hinlänglich bekannt: Da war einer  namens Kieber, der als ehemaliger Angestellter der LGT Treuhand, die im  Besitz des Fürsten war, Daten geklaut, verkauft und eine Menge Geld  damit gemacht hat. Deutschland freute sich, Liechtensteins Politiker  waren not amused, und das Fürstenhaus wurde nicht müde, die Formel der  Notwendigkeit von Steueroasen zu beschwören und Deutschland der Hehlerei  zu bezichtigen. Das war im Jahr 2002.</p>
<h3 class="mceContentBody documentContent">Bis ins letzte Detail recherchiert</h3>
<p class="Body1">Es dauerte allerdings Jahre, bis Kieber die Finanzpraktiken Liechtensteins hochgehen ließ, und seither gibt es von links nach rechts nur noch Verfechter eines sauberen Finanzplatzes, an dem Schwarzgeld keine Unterkunft mehr findet. Wie aber war der Datenklau möglich? Wie konnte ein vergleichsweise kleiner Angestellter einen solchen Coup landen? Einer, der bereits vor seiner Anstellung bei der LGT Treuhand soviel Dreck am Stecken hatte, dass er theoretisch nicht einmal mehr als Briefbote in Frage kommen konnte. Wohlwend ist ein bis ins letzte Detail recherchierte Buch gelungen. Der Autor informiert auf spannende Art, stellt Zusammenhänge her und macht dadurch vieles transparent. Vieles, was ein Film zwangsläufig nicht leisten kann.</p>
<h3 class="Body1">Die Rolle des Staatsoberhaupts und Besitzers der LGT</h3>
<p class="Body1">Kieber, der Gauner auf der ewigen Flucht. Darin ist man sich schnell einig. Vordergründig beschreibt Wohlwend wohl den Lebensweg eines intelligenten Gauners. Diese Geschichte könnte beliebig sein, wenn nicht das Umfeld wäre, das diese Geschichte erst möglich machte. Und das ist das eigentliche Spannende an Wohlwends Buch. Schon im Film wurde die Rolle des Fürsten Hans Adam II. angedeutet, stark genug, um erwarten zu können, dass es Reaktionen geben würde. Nichts dergleichen geschah. Das Buch aber macht klar, dass Kieber den Datendeal nicht ohne kräftige Unterstützung des Fürstenhauses hätte durchziehen können. <br />2002 war das Vorhaben Kiebers in der Pipeline, der Fürst war darüber informiert, das Fürstenhaus steckte mitten in den Vorbereitungen seiner Volksinitiative zur Verfassung, die ihm ungleich mehr Rechte sichern sollte als jene aus dem Jahr 1929; aber nichts von dem drohenden Erdbeben für den Finanzplatz drang damals an die Öffentlichkeit. Das Datendesaster der LGT Treuhand wäre wohl kaum mit den Verfassungswünschen des Fürsten kompatibel gewesen – zumindest hätte ein ausgewachsener Finanzskandal vom fürstlichen Thema abgelenkt und die Legende, dass das Fürstenhaus die Quelle allen Wohlstands in Liechtenstein sei, entzaubert.</p>
<h3 class="Body1">Aufarbeitung eines historisch wichtigen Abschnitts</h3>
<p class="Body1">Mit dem Buch hat der Autor etwas sehr Wichtiges gemacht: Er hat eine historisch entscheidende Phase Liechtensteins aufgearbeitet, was bis anhin fast schon krampfhaft vermieden wurde. Wenn auch vordergründig Kieber der „Hauptdarsteller“ des Doku-Krimis ist, so leuchtet Wohlwend das Umfeld, in dem der Datenklau in dieser Dimension überhaupt erst möglich war, so aus, dass man auch selbst Zusammenhänge herstellen kann. Die zeitliche Nähe zur politischen Agenda des Fürsten bzw. die Verschleierung des sich anbahnenden Datendesasters sind nur ein Hinweis darauf, welche Motivlage dem Ganzen zugrunde lag.</p>
<h3 class="Body1">Ein Deal, der in die Wirtschaftsgeschichte eingehen wird</h3>
<p class="Body1">Wohlwend klagt nicht an, verurteilt nicht, sondern bedient sich einer lakonisch beschreibenden Sprache. Er zieht lediglich dort Schlussfolgerungen, wo es sich nicht vermeiden lässt. „Der Datendieb“ ist fast schon Pflichtlektüre für alle, die in irgendeiner Form mit Liechtenstein verbandelt sind – denn bei keinem Thema gab es bisher so viele Meinungen, so viele Spekulationen und so viel Unklarheit über die Hintergründe eines Deals, der wohl in die Wirtschaftsgeschichte eingehen wird. Denn seit dem Datenklau ist nichts mehr, wie es vorher war – nicht nur in Liechtenstein. Auch wenn die Gleichzeitigkeit des Datenklaus und internationale Forderungen, Steueroasen auszutrocknen, zufällig scheinen, so war Kieber doch so etwas wie ein Brandbeschleuniger. Wohlwends fein gestricktes Informantennetz führte ihn in neun Länder, und auf der Suche nach Fakten und Geschichten rund um Kieber begegnete er vielen, die ihn kannten, den umtriebigen, nervösen und plappernden Kieber – nur ihm selbst begegnete er nie. Dennoch ist Kieber kein Phantom, dafür stützt sich Wohlwends Buch auf zu viele recherchierte Fakten.</p>
<h3 class="Body1">Mangelnde Gewaltentrennung im Fürstentum</h3>
<p class="Body1">Nachdem der Film viel Erfolg verbuchte, versuchte Kieber mit einem 600-seitigen Pamphlet und einem Exklusiv-Interview im „Stern“ die Deutungshoheit zurückzugewinnen. Vergeblich, Kieber deutet zwangsläufig vieles zu seinen Gunsten um; etwas, was Wohlwend nicht zu tun braucht. Nicht einmal die Rolle des Fürstenhauses und der Politiker muss Wohlwend plakativ vorführen. Mangelnde Gewaltentrennung war der fruchtbare Boden, auf dem Kieber sich sicher bewegen konnte – das Ergebnis kennen wir. Eines davon ist der Leumund Kiebers, der besser nicht sein könnte. Einer ursprünglichen Verurteilung von vier Jahren unbedingt, wegen der in Australien bzw. Spanien begangenen Delikte, begegnete Kieber mit der Forderung, diese Strafe gefälligst umzuwandeln, weil sonst die brisanten Daten ihre Adressaten finden würden. Hans Adam II. holte zur Justizschelte aus und schon wurde aus der vierjährigen Verurteilung eine einjährige auf Bewährung. Schließlich folgte noch die Begnadigung des Fürsten, der damit wohl hoffte, einen unaufgeregten Kieber besser handlen zu können.</p>
<h3 class="Body1">Naivität oder Berechnung?</h3>
<p class="Body1">Doch Kieber wäre nicht Kieber, hätte er nicht Kopien von der Kopie gemacht und am Ende alle über den Tisch gezogen, die ihm glaubten. Der vom Fürsten hinzugezogene Profiler Thomas Müller attestierte, dass von Kieber keine Gefahr mehr ausgehe, wenn er die CD zurückgegeben habe. Sowohl der Profiler Thomas Müller als auch der Anwalt Kiebers agierten auf Kosten des Fürsten. Großzügig übernahm das Fürstenhaus die Honorare beider Müllers. Offenbar kam niemandem die Idee, dass Kieber Kopien anfertigen konnte – schon allein, um seine Interessen über den Tag hinaus zu retten.<br /> Da half es nichts, dass der Fürst persönlich Kieber in einem laufenden Verfahren ein Jahr lang eine Wohnung und das nötige Kleingeld zur Verfügung stellte, nur damit dieser stillhielt. Sigvard Wohlwend ist mit diesem Buch ein toller Wurf gelungen, spannend wie ein Krimi zu lesen und verlässlich in seiner Faktizität. Reflexartiges Abwehrverhalten und Schönreden wird nicht davor schützen, dass da einiges faul ist im Staate Liechtenstein – auch wenn die Fahne eines sauberen Finanzplatzes mittlerweile hoch gehalten wird.</p>
<p class="Body1"> </p>
<p class="Body1"><b>Sigvard Wohlwend:</b> 1966 geboren, schloss er 1993 die Journalistenschule St. Gallen ab und ist seither als freier Journalist tätig. Von 1995 bis 2001 arbeitete er als Wirtschafts- und Liechtenstein-Korrespondent für das Schweizer Radio. Er publizierte regelmäßig in führenden Schweizer Printmedien wie Tages-Anzeiger, Handelszeitung und NZZ am Sonntag. Gemeinsam mit Sebastian Frommelt realisierte er die Dokumentarfilme „Kicken für die Krone“ (2008) und „Heinrich Kieber – Datendieb“ (2010).</p>
<p class="Body1"> </p>
<p class="callout">Sigvard Wohlwend, Der Datendieb, Rotbuch Verlag Berlin 2011, ISBN 978-3-86789-145-5</p>]]></content:encoded>
    <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>
    <dc:creator>Karin Jenny</dc:creator>
    <dc:rights></dc:rights>
    <dc:date>2012-01-11T07:00:00Z</dc:date>
    <dc:type>Kritik</dc:type>
  </item>


  <item rdf:about="http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/201ewas-von-innen-her-aus-sich-selbst-bewegt-wird201c-klaus-christa-bratschist-und-kuenstlerischer-leiter-von-201emusik-in-der-pforte201c-hat-ein-cd-buch-ueber-joseph-haydn-publiziert">
    <title>„Was von innen her aus sich selbst bewegt wird“: Klaus Christa, Bratschist und künstlerischer Leiter von „musik in der pforte“, hat ein CD-Buch über Joseph Haydn publiziert</title>
    <link>http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/201ewas-von-innen-her-aus-sich-selbst-bewegt-wird201c-klaus-christa-bratschist-und-kuenstlerischer-leiter-von-201emusik-in-der-pforte201c-hat-ein-cd-buch-ueber-joseph-haydn-publiziert</link>
    <description>Seit Jahren setzt sich der Bratschist Klaus Christa eingehend mit den Streichquartettkompositionen von Joseph Haydn auseinander. Als er sich in diesem Zusammenhang auch mit der Biografie des berühmten Komponisten beschäftigt hat, zog ihn dessen außergewöhnliche Persönlichkeit immer mehr in ihren Bann. Nun legt Klaus Christa ein sehr persönlich gehaltenes Buch vor, das die Lebenskunst des Komponisten in das Zentrum des Interesses stellt.</description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[<p>Mit seinen Ausführungen will der Autor in einen Dialog mit seinen LeserInnen treten und Anregungen für ein aktives Zuhören bieten. Drei ausgewählte Streichquartette aus unterschiedlichen Schaffensphasen porträtieren Joseph Haydn und führen in den faszinierenden musikalischen Kosmos der Gattung des Streichquartetts ein. Im Gespräch mit Silvia Thurner berichtet Klaus Christa über seine Motivation, sich nicht nur als Musiker im „epos-quartett“ auszudrücken, sondern sein Wissen und seine Gedanken über Joseph Haydn in einem Buch niederzuschreiben.</p>
<p><b>Kultur: Was hat Dich dazu bewogen, Dich neben dem aktiven Musizieren auch dem Schreiben zuzuwenden? <br /></b> Als wir die Konzertreihe „musik in der pforte“ vor nun dreizehn Jahren ins Leben gerufen haben, war Schreiben eine Chance, mit Menschen in Kontakt zu treten und sie einzuladen, an unserem Projekt teilzunehmen. In den ganzen Jahren, in denen ich nun mit Thomas Engel zusammen die Konzerte gestalte, war das Schreiben der Texte, die die Konzerte vorbereiten und begleiten, ein schöner und herausfordernder Prozess.</p>
<p> </p>
<p class="callout">Im Dialog mit den ZuhörerInnen und LeserInnen</p>
<p><b><br />Es scheint, als wende sich dieses Buch in erster Linie an die AbonnenntInnen von „musik in der pforte“, die Deine Herangehensweise an die musikalische Gestaltung kennen. Kann dieses Buch als erster Band für eine Reihe anderer gesehen werden? </b><br />Das Buch ist sicher durch den nun über zwölfjährigen Austausch mit unserem Publikum inspiriert. „musik in der pforte“ ist ja eines der wenigen europäischen Kammermusikabos, bei dem die Abonnentenzahlen noch steigen. In diesem Sinne hoffe ich, dass ich mit diesem Buch auch mit einigen Menschen in Kommunikation treten kann, die ich mit unseren Konzerten nicht erreiche. Wie mit den Konzerten möchte ich mit dem Buch mehr inspirieren als Antworten finden. Falls dieses Projekt Resonanz findet, könnte ich mir schon vorstellen, dass ich mich nochmals auf den Weg mache.</p>
<p> </p>
<p class="callout">Eine eigene Welt erschließen</p>
<p><br /><b>Über Joseph Haydn gibt es eine unüberschaubare Anzahl von populär- und musikwissenschaftlichen Publikationen sowie Tonträger. Was war Deine Motivation, Dich gerade diesem Komponisten zuzuwenden? </b><br />Ich kann wirklich guten Gewissens sagen, dass ich zumindest den Teil an Publikationen, den ich in den letzten Jahren bewältigen konnte, gelesen habe. Mir als Berufsmusiker haben auch viele Publikationen Freude gemacht. Und doch habe ich mir immer die Frage gestellt: Was kann ich tun, um diese Welt für Menschen zu erschließen, die nichts mit den Fragen der Musikfachleute zu tun haben? Und die zweite Frage, die mich bewegte: Wie kann ich sie erreichen, ohne fachlich ungenau zu sein? Zur musikalischen Seite dieses Projekts: Wir haben bei Konzerten mit Haydn-Quartetten immer ein gutes Feedback bekommen. Wir spielen mit Darmsaiten und Klassikbögen, unsere Klangvorstellung ist geprägt durch die historisch informierte Aufführungspraxis.</p>
<p> </p>
<p class="callout">Eine faszinierende Persönlichkeit</p>
<p><br /><b>Der Titel des Buches bezieht sich nicht direkt auf Haydns musikalisches Schaffen, sondern stellt sein Leben in den Fokus. Was sind die dahinterstehenden Gedanken?</b><br /> In diesem Fall muss ich gestehen, dass ich in dieses Thema „hineingekippt“ bin. In den letzten fünfundzwanzig Jahren habe ich mich leidenschaftlich für Haydns musikalisches Schaffen interessiert. Eine Frage hat mich immer mehr beschäftigt: Wie war es möglich, dass der große Revolutionär der Klassik in seiner unglaublichen Bedeutung von der breiten Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wurde und wird? Bald wurde mir klar, dass Haydn überhaupt nicht das Klischee des ringenden Künstlers zwischen Genie und Wahnsinn erfüllt. Und dann kann man in Haydns Leben ganz interessante Dinge entdecken. Dass er sich seinen Weg autodidaktisch erobern musste, finde ich schon sehr spannend. Dieses eigenständige Suchen hat sicher manche Türen geöffnet. <br /><br /></p>
<p class="callout">Auswahl der Streichquartette</p>
<p><b><br />Welchen Stellenwert haben die drei ausgewählten Streichquartette im Gesamtschaffen von Joseph Haydn und warum ist die Wahl auf diese drei Kompositionen gefallen?</b> <br />Das war natürlich eine extrem schwierige Entscheidung. Klar schien mir der Einstieg. Die Werkgruppe op.9 ist die erste, die er als vollgültige Quartettgruppe gelten ließ. Da war klar, dass uns das auch bindet. Das Opus 9/4 in d-moll ist für die Entstehungszeit ein sensationelles Stück. Die Wahl des zweiten Quartetts war die schwierigste Entscheidung. Letztendlich ist es dann das erste Quartett der Gruppe op.50 geworden. Niemand kennt es, was angesichts der Großartigkeit des Werkes tragisch ist. Das Opus 76/1 in G-Dur ist sicher das bekannteste Streichquartett. Kein Zufall, dass es wenige Jahre nach der französischen Revolution entstand.</p>
<p> </p>
<p class="callout">Weg eines Forschers</p>
<p><br /><b>Haydn gilt als Entdecker der Gattung Streichquartett. Inwiefern leitete Dich auch die Entwicklungsgeschichte des Streichquartetts? </b><br />Über die Beobachtung seiner Entwicklung als Quartettkomponist bin ich dem Thema Haydn verfallen, das gebe ich gerne zu. Was mir aber in den letzten Jahren in seiner Drastik klar geworden ist: Das Etikett, das viele seiner Musik umhängen, wird ihm nicht gerecht. Brav und harmlos ist Haydn nie. Und sein Weg als Erfinder und Entwickler des Streichquartetts ist der Weg, der am Ende eine musikalische Metapher findet, die Sonatenhauptsatzform.</p>
<p> </p>
<p class="callout">Lebensweisheiten</p>
<p><br /><b>Je weiter ich im Buch gelesen habe, desto mehr kamen mir Sendungen wie beispielsweise „Fokus“ in den Sinn, in denen unter anderem Menschenbilder verallgemeinernd in Lebensweisheiten transferiert werden. Ist dies ein Ansatz für Dein Vorgehen? </b><br />Wenn das Buch mit Sendungen wie „Fokus“ in Verbindung gebracht wird, ist mir das eine Ehre. Wenn das, was wir lernen, uns hilft, besser und erfüllter zu leben, dann ist das für mich das Schönste. Und wenn ich da einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, dann erfüllt mich das mit großer Freude.</p>
<p> </p>
<p class="callout">Lust auf mehr wecken</p>
<p><b><br />Ich habe den Eindruck, dass Dein Verständnis vom aktiven Musizieren mehr das Live-Erlebnis anspricht und nicht unbedingt damit vereinbar ist, klingende Töne auf CD zu pressen.</b><br />Ich stimme dir da völlig zu. Für mich ist das Verhältnis zwischen einer CD und einem Live-Konzert ungefähr so wie zwischen einer fantastischen, großartigen Landschaft und einer Postkarte von dieser Landschaft. Ich hätte einige tolle Reisen nie gemacht, wenn mich nicht ein Bild oder ein Bericht über diesen Ort eingeladen hätte. In diesem Sinne lohnt es sich für mich auch, viel Liebe und Einsatz in die Vorbereitung und Produktion der CD zu investieren.<br /><b>Danke für das Gespräch.</b><br /><b><br /></b></p>
<p><b>Klaus Christa, Denn das Leben ist eine zu köstliche Sache. Die Lebenskunst des Joseph Haydn, epos:quartett, CD im Buch, Bucher Verlag, Hohenems 2011, ISBN 978-3-99018-092-1, Euro 22,00. </b></p>]]></content:encoded>
    <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>
    <dc:creator>Silvia Thurner</dc:creator>
    <dc:rights></dc:rights>
    <dc:date>2012-01-04T07:00:00Z</dc:date>
    <dc:type>Kritik</dc:type>
  </item>


  <item rdf:about="http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/testamentsaffaere-2013-ein-stueck-vorarlberger-zeitgeschichte">
    <title>Testamentsaffäre – Ein Stück Vorarlberger Zeitgeschichte</title>
    <link>http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/testamentsaffaere-2013-ein-stueck-vorarlberger-zeitgeschichte</link>
    <description>Im November 2009 ist das „subare Ländle“ tief erschüttert worden. Damals wurde öffentlich, dass Justizmitarbeiter am Dornbirner Bezirksgericht jahrzehntelang Testamente gefälscht hatten, um Freunde, Angehörige und sich selbst zu beerben. Von der ersten Stunde an hat der ORF-Journalist Gernot Hämmerle über diesen Vorarlberger „Justiz-Supergau“ berichtet und akribische Nachforschungen angestellt. Jetzt ist sein Buch „Falsche Erben – Testamentsfälscher bei Gericht“ im Bucherverlag erschienen; ein Sachbuch, das sich wie ein Krimi liest. Jetzt ist sein Buch „Falsche Erben – Testamentsfälscher bei Gericht“ im Bucher-Verlag erschienen; ein Sachbuch, das sich wie ein Krimi liest. </description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[<p>Annette Raschner hat mit Gernot Hämmerle das folgende Interview geführt.</p>
<p><i> </i></p>
<p><b>Kultur: Wie war die Situation, als Du erstmals von der Testamentsaffäre erfahren hast? War das Ausmaß dieses Justizverbrechens damals bereits abschätzbar?</b><br />Gernot Hämmerle: Nein. Ich kann mich noch gut an diesen Vormittag erinnern. Über die APA war eine lapidare Meldung gekommen: „Drei Leute sind festgenommen worden, zwei vom Bezirksgericht Dornbirn. Ihnen wird vorgeworfen, Testamente gefälscht zu haben.“ Ich und Christine Amon wurden beauftragt, uns um die Sache zu kümmern. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich nie gedacht, dass die Affäre mich die kommenden zwei Jahre beschäftigen würde.</p>
<p class="callout">Unregelmäßigkeiten gehen weiter zurück</p>
<p><b> </b></p>
<p><b><br />Im Buch bezeichnest Du die Affäre als Supergau und zitierst den Rechtsanwalt Martin Mennel mit folgenden Worten: „Es ist nicht die Frage, ob am Bezirksgericht Dornbirn gefälscht wurde. Es ist nur die Frage, ob 30, 40 oder 50 Jahre systematisch gefälscht wurde.“ Wie lautet diesbezüglich Deine Einschätzung?</b><br />Es ist stets von den letzten zehn Jahren die Rede. Da gibt es Beweise und auch Geständnisse des Hauptverdächtigen Jürgen H. Seine Aussagen haben sich als wahrheitsgemäß herausgestellt. Er sagt aber auch glaubhaft, dass bereits vor seiner Zeit am Dornbirner Bezirksgericht Testamente gefälscht worden sind. Zudem sind hunderte Urkunden verschwunden. Nach Auffliegen der Testamentsaffäre sind gewisse Verdächtige am Bezirksgericht Dornbirn nach wie vor ein- und ausgegangen; so etwa der mittlerweile pensionierte Walter M. Ich weiß nicht, was er dort gemacht hat. Es ist davon auszugehen, dass schon lange Testamente gefälscht worden sind, das sagen auch Insider. Jürgen H. hat auch ausgesagt, dass er in seinen Anfängen am Dornbirner Bezirksgericht quasi genötigt worden sei, gewisse Unterschriften zu fälschen. Ganz grundsätzlich haben sich die Dornbirner immer schon gewundert, wie das am Bezirksgericht so läuft. Dass etwa keine Unterschriften gefordert wurden oder dass man schneller drangekommen ist, wenn man Geld hingelegt hat.</p>
<p class="callout">Das Motiv Gier</p>
<p><b><br />Du hast das Buch primär aus der Intention heraus geschrieben, Mechanismen aufzuzeigen, wie sie überall funktionieren könnten. Welche Mechanismen meinst Du konkret?</b><br />Im weitesten Sinne geht es darum, dass eine Korruption im Kleinen immer größere Ausmaße angenommen hat. Das fängt damit an, zehn Euro zuzustecken, damit ein Anliegen schneller behandelt wird. Beim zweiten Mal verzichtet man auf eine Unterschrift. Dann geht es plötzlich um ein Grundstück, das niemand vermisst, weil es nach dem Tod des Besitzers dem Staat zufallen würde. Wie in der Politik spielt auch in der Justiz Gier eine Rolle. Es gibt in Österreich über hundert Bezirksgerichte, die im Prinzip genauso funktionieren wie jenes in Dornbirn. Mich würde es sehr wundern, wenn das nur in Dornbirn passiert wäre. Ich spreche nicht vom Fälschen im großen Stil, sondern von kleinen Korruptionen. Wenn es ums Erben geht, wenn viel Geld im Spiel ist und keine Kinder da sind, ist die Verlockung groß. Dieser Verlockung ist man in Dornbirn erlegen.</p>
<p class="callout">Falsche Strategie</p>
<p><b><br />Du zitierst einen weiteren Juristen. Er spricht im Zusammenhang mit dem Verhalten von Justiz und Staatsanwaltschaft schlicht von einem Skandal. Wie ist Deine Meinung dazu?</b><br />Der Umgang der Staatsanwaltschaft in dieser Angelegenheit scheint mir zumindest fragwürdig gewesen zu sein. Meiner Ansicht nach hätte die Staatsanwaltschaft die Öffentlichkeit besser informieren müssen. Ich hatte das Gefühl, dass man versucht hat, die Sache möglichst klein zu halten. Diese Strategie hat sich als falsch erwiesen. Ich zum Beispiel habe mich geradezu herausgefordert gefühlt, mehr herauszufinden.</p>
<p class="callout">Regisseur Zufall</p>
<p><b><br />Wie hat sich Deine Arbeit gestaltet? Wie bist Du an wichtige Informationen rangekommen?</b><br />Es war schwierig. Ich habe viele wertvolle Informationen von Leuten aus dem Justizbereich bekommen, die nicht genannt werden möchten, um nicht als Nestbeschmutzer bezeichnet zu werden. Die Staatsanwaltschaft war – wie gesagt – nicht auskunftsfreudig. Ich habe mit geprellten Erben gesprochen. Der Fall Anna Isele hat mich besonders interessiert, weil die Anna meine Nachbarin war.</p>
<p><b>Bei der Aufdeckung der Testamentsaffäre hat auch der Zufall Regie geführt. Die junge Richterin Isabelle Amann brachte, nachdem sie unter anderem den immergleichen Beistrichfehler auf den Dokumenten entdeckte, den Stein ins Rollen.</b><br />Sie hat wirklich Akribie und Hartnäckigkeit walten lassen. Graphologische Gutachten hatten ja zunächst keine Klärung ergeben. Hochachtung vor der Richterin!</p>
<p class="callout">Der Fall Kornelia Ratz</p>
<p><b><br />Besondere Brisanz besitzt der Fall der suspendierten Vizepräsidentin des Landesgerichts Feldkirch, Kornelia Ratz, die beschuldigt wird, eine Testamentsfälschung in Auftrag gegeben zu haben. Du hast sie einmal zu einem Zeitpunkt interviewt, als viele Details noch nicht bekannt waren. Fühlt man sich da nicht auch ein wenig als Psychologe, der versucht, mittels Einfühlung und Beobachtung die Wahrheit zu eruieren?</b><br />Man wird zwangsläufig zum Psychologen. Man überlegt sich, ob die Person glaubhaft ist oder nicht. Mein Interview mit Kornelia Ratz hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Ich habe auch Beschimpfungen und Drohungen aus dem Umfeld von Frau Ratz erlebt. Das hat erst aufgehört, als nach und nach klar wurde, was ihr alles vorgeworfen wird und als zusätzlich belastendes Material, wie von ihr geschriebene Mails und Briefe, aufgetaucht ist.</p>
<p><b> </b></p>
<p class="callout">Gerichtsprozess im Frühjahr</p>
<p><b> </b></p>
<p><b><br />Der Prozess ist für das Frühjahr 2012 anberaumt. Welche Urteile sind zu erwarten?</b><br />Der Hauptverdächtige Jürgen H. ist geständig. Da ist klar, dass sich das Strafausmaß zwischen einem und zehn Jahren Haft abspielen wird. Eine genaue Prognose möchte ich nicht abgeben. Bei den nicht Geständigen wird es spannend; konkret im Falle von Kornelia Ratz, in dem drei Personen sie beschuldigen. Und es gibt die Aktenlage; das Faktum, dass die Verwandtschaft von Ratz aufgrund eines gefälschten Testaments eine halbe Million Euro geerbt hat.</p>
<p class="callout">Weitere Untersuchungen</p>
<p><b><br />Werden weitere Dinge ans Tageslicht kommen?</b><br />Wie die Fälschungen gelaufen sind, ist auf dem Tisch. Hier werden beim Prozess nur noch wenige neue Details hinzukommen. Deshalb habe ich auch das Buch geschrieben, weil man das jetzt dokumentieren kann. Es ist ein Stück Vorarlberger Zeitgeschichte – leider! Die Frage ist, ob es weitere Angeklagte geben wird. Das wäre durchaus möglich. Und wenn der Prozess beendet ist, müsste die Staatsanwaltschaft meiner Ansicht nach beginnen, die Jahrzehnte davor zu erforschen. Da wünsche ich übrigens viel Spaß. Das wird ein unglaublicher Aufwand! <i> </i></p>
<p> </p>
<div class="visualClear"><b>Gernot Hämmerle, Falsche Erben. Testamentsfälscher bei Gericht, Bucher Verlag, Hohenems 2011, 168 Seiten, € 19,90, ISBN 978-3-99018-093-8</b></div>]]></content:encoded>
    <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>
    <dc:creator>Annette Raschner</dc:creator>
    <dc:rights></dc:rights>
    <dc:date>2011-12-28T07:00:00Z</dc:date>
    <dc:type>Kritik</dc:type>
  </item>


  <item rdf:about="http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/runcale-cavrilla-und-eschganei-in-der-reihe-seiner-kulturlandschafts-dokumentationen-untersucht-johann-peer-das-grosse-walsertal-2013-und-charakterisiert-es-als-einstiges-tal-der-raetoromanen">
    <title>Runcale, Cavrilla und Eschganei: In der Reihe seiner Kulturlandschafts-Dokumentationen untersucht Johann Peer das Große Walsertal – und charakterisiert es als einstiges Tal der Rätoromanen</title>
    <link>http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/runcale-cavrilla-und-eschganei-in-der-reihe-seiner-kulturlandschafts-dokumentationen-untersucht-johann-peer-das-grosse-walsertal-2013-und-charakterisiert-es-als-einstiges-tal-der-raetoromanen</link>
    <description>Die Legende von der friedlichen Kolonisation der Walser, die im 13. Jahrhundert auch in Vorarlberg ankamen, ist weit verbreitet und meist unwidersprochen. Doch kann sie so friedlich gewesen sein, wo doch im Großen Walsertal die meisten Ortsnamen auf rätoromanische Vorbesiedelung hinweisen? </description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[<p>Man denke an Raggal (rätoromanisch runcale, was so viel wie „abgeholzt“ heißt), man denke an Fontanella, Ganai, Plazera oder das Maisäß Garfülla im Gemeindegebiet von Raggal. Dieser Name geht auf das rätoromanische „cavrilla“ (Ziegenstall) zurück. „Garfülla umfasste ursprünglich 15 Anwesen, hatte bereits 1730 eine eigene Schule und war bis 1953 noch ganzjährig bewohnt“, hat Johann Peer recherchiert und das Maisäß, dessen Gehöfte zum Schutz vor Lawinen geradezu ins Gelände eingegraben sind, selbstverständlich auch besucht und fotografiert. Dabei stieß er auf kulturelle Siedlungs-Akzente, die im Großen Walsertal weit verbreitet sind: einen Bildstock, einen Bergahorn und jene kunstvoll errichteten Trockenmauern, die den Kleinlebewesen ökologische Nischen bieten.</p>
<h3>Biosphärenpark</h3>
<p>Ausgangspunkt für Peers Erkundung der Kulturlandschaft Großes Walsertal ist der Biosphärenpark mit seinen Kernzonen Gadental und Faludriga-Nova. Hier entdeckt er die seltenen Spirkenwälder. Im Biosphärenpark kann sich die Natur annähernd vom Menschen unbeeinflusst entwickeln. Forst- und Güterwege sind tabu; nur im mittleren Talabschnitt ist naturnahe Alpweidenutzung möglich. Darüber erstrecken sich die ursprünglichen Karsthochflächen. „Die langfristige Erhaltung eines störungsfreien Lebensraumes für alpine Wildtiere wie Rot- und Gamswild sowie Birk- und Schneehühner ist hier gewährleistet.“<br />Doch bei aller Liebe zur Natur: Das Große Walsertal ist eine in Jahrhunderten durch menschliche Arbeit geformte Kulturlandschaft, die ihre ökologische Stabilität dem Wissen dieser arbeitenden Menschen verdankt. Johann Peer sieht mit dem geübten Blick des Raumplaners, dass die Siedlungen – mit Ausnahme von Sonntag und Fontanella – durch tief eingeschnittene Tobel voneinander getrennt sind und dass starkes Gefälle und große Geschiebemassen es „nicht ratsam erscheinen (lassen), am Wasser zu bauen oder gar einen spielerischen Umgang mit dem Wasser zu pflegen, wie dies beispielsweise in einigen Orten des Bregenzerwaldes der Fall ist.“</p>
<h3>Salzrouten, Säumerwege</h3>
<p>Wer heute auf der Straße ins Walsertal fährt, hat jedenfalls nicht die Gelegenheit, in einem offenen Geschichtsbuch zu lesen. Die bekommt der Wanderer. Denn früher reichten die Dauersiedlungsräume bis auf eine Höhe von 1.750 Metern. Und hier finden sich auch die vom Tourismus verschonten Relikte der Walser Kultur. Dem Fotografen Nikolaus Walter etwa fiel schon vor Jahren eine Besonderheit der Alpe Klesenza auf: die am Nordhang der Roten Wand gelegene Oberalpe Spitzegga mit ihren stufenförmig übereinander angeordneten sechs Hütten. Peer: „Diese Form des 'Bauens in der Landschaft' ist in den Nordalpen selten anzutreffen und zeigt, dass die gewaltige Herausforderung der Natur schon früh zu sehr kreativen Lösungen zwang.“</p>
<h3>Blick in die Geschichte</h3>
<p>Die Rote Wand (rätoromanisch „Madrische“, die Bergmutter) sorgt auf Klesenza für atemberaubend schöne Naturbilder. Doch durch die Alpe Laguz, die ebenso wie Klesenza von ihr dominiert wird, führt auch der alte, von Hall in Tirol kommende Salzweg über Garmil, Partnum, Stein, Sonntag und Fontanella in den Bregenzerwald. Nachdem die Walser der Parzellen Omesberg und Zug früher ihre Pfarrkirche in Nüziders hatten, folgten sie ebenfalls diesem Weg. <br />Die alten Transitrouten – immer auf der Höhe, niemals, wie heute, im Talgrund – eröffnen den Blick in die Geschichte. „Eine interessante Besonderheit weist die Alpe Unterpartnum auf, und zwar insofern, als dort – abweichend von der üblichen Bauweise – sehr breite und niedrige Hütten mit tief heruntergezogenem Satteldach anzutreffen sind. Diese ursprünglichere Hüttenform (möglicherweise aus dem 17. oder 18. Jahrhundert) ist bei den späteren Hütten zugunsten der Material sparenden, zweigeschossigen Bauweise verlassen worden.“</p>
<h3>Walserhaus?</h3>
<p>Peers vorrangiges Interesse gilt dem Walserhaus. Aber gibt es das überhaupt? Der Architekt Bruno Spagolla, ein Kenner der Walser Bauten, wiegt skeptisch den Kopf. Die Unterschiede lokaler Traditionen zu jenen etwa im schweizerischen Wallis, in Bosco Gurin oder Ernen, am Simplon oder in Disentis, sind beträchtlich. Häufig ist im Großen Walsertal allerdings der Paarhof, bestehend aus Wohnhaus und Wirtschaftstrakt. Ein Beispiel dafür ist „Parblons 13“, ein Hof, der im Kern aus dem 17. Jahrhundert stammen dürfte, wobei nur mehr das Wohnhaus existiert. Es hat ein gemauertes Erdgeschoss und ein in Blockbauweise errichtetes, verschindeltes Obergeschoss unter flachem Satteldach. Signifikant sind die geschwungenen Pfettenköpfe, die stirnseitig verbrettert und seitlich verschindelt wurden. Von hohem handwerklichem Können zeugt der raffinierte Übergang der Verkleidung dieser Pfettenköpfe. Ein solches Haus – und Peer hat diese denkmalgeschützten oder schützenswerten „Walserhäuser“ penibel aufgelistet – wird durch eine Laube betreten. Von hier aus gelangt man in die Küche, Stube und Nebenkammer. Darunter liegt der Keller.</p>
<h3>Bildformen, die ein Kind prägen</h3>
<p>Die Scheunen, die zu so einem Paarhof gehören, sind ebenfalls gemauert mit einer darüber liegenden Holzkonstruktion. Dabei werden gerne hölzerne Gitter in die Lüftungsöffnungen eingesetzt. Die Diagonalstruktur dieser Gitterstäbe gehört zu den, in meinem Fall, ein Kind prägenden Bildformen.  Drei Architekturbüros haben sich eingehend und liebevoll mit diesen Bautraditionen befasst: zum einen Bruno Spagolla, der den Menschen im Walsertal auch in seinem Alltag verbunden ist, zum anderen Hermann Kaufmann, der mit dem neuen Gemeindezentrum für Raggal den Ortskern funktional enorm aufwertete, und schließlich das Büro Cukrowicz-Nachbaur, das sich auch intensiv mit Forschungsfragen beschäftigt. <br />Dieses Büro hat mit dem Gemeindezentrum von St. Gerold der dominanten Propstei gegenüber eine Torsituation für das Ortszentrum geschaffen, einen Bau, der zwischen den verschiedenen Ebenen vermittelt und auf die Dynamik seiner inneren Organisation verweist, die Kultur der Trockenmauern einbezieht, mit seiner Biomasseheizung mehrere Objekte mit Wärme versorgt und auf Bruno Spagollas technologische Kühnheit des Bauens mit Weißtanne zurückgreift.</p>
<h3>Kluger Blick für das Detail</h3>
<p>Denn eigentlich möchte man noch einmal Schulkind sein, um in die von Bruno Spagolla geschaffene Schule in Blons zu gehen, deren Fenster je ein exaktes Bild dieser atemberaubenden Kulturlandschaft rahmen. Eigentlich möchte man in diesem Ortszentrum Fitness machen, ein Glas mit Freunden trinken und sich in die dramatische Geschichte – die im Gemeindezentrum dokumentiert ist – vertiefen. Es ist eine Geschichte sehr stiller, sehr kreativer, sehr aufmerksamer Menschen. Johann Peer hat sie an ihren Gebäuden dokumentiert – und man muss seiner Vorliebe für Bildstöcke nicht folgen, um der enormen Leistung seines klugen Blicks für das Detail folgen zu können.</p>
<p> </p>
<p class="callout">Johann Peer, Kulturlandschaft Großes Walsertal, Bucher Verlag, Hohenems 2011, 316 Seiten, € 37,00, ISBN 978-3-99018-019-8</p>]]></content:encoded>
    <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>
    <dc:creator>Ingrid Bertel</dc:creator>
    <dc:rights></dc:rights>
    <dc:date>2011-12-21T07:00:00Z</dc:date>
    <dc:type>Kritik</dc:type>
  </item>


  <item rdf:about="http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/vom-omnipraesenten-dosenfleisch-ueber-die-unerwuenschte-email-botschaft-zum-exklusiven-kunstprodukt-2013-gedanken-zu-kurt-dornigs-201ebook-of-spams201c">
    <title>Vom omnipräsenten Dosenfleisch über die unerwünschte Email-Botschaft zum exklusiven Kunstprodukt – Gedanken zu Kurt Dornigs „Book of Spams“</title>
    <link>http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/vom-omnipraesenten-dosenfleisch-ueber-die-unerwuenschte-email-botschaft-zum-exklusiven-kunstprodukt-2013-gedanken-zu-kurt-dornigs-201ebook-of-spams201c</link>
    <description>Der erfolgreiche, erst kürzlich wieder mit einem Red Dot ausgezeichnete Dornbirner Grafikdesigner und Künstler Kurt Dornig hat vor kurzem sein exklusives, in einer Auflage von nur 20 Stück in der Edition Markus Gell erschienenes „Book of Spams“ im Rahmen einer auf wenige Tage beschränkten Ausstellung im Museum für Druckgrafik in Rankweil präsentiert. Die folgende Vernissagerede hielt der Designmanager und Hochschuldozent für Corporate Communication an der FH Vorarlberg Alexander Rufenach.</description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[<p>„Ich komme nicht aus dem Kunstbetrieb. Zur Zeit gebe ich mein Wissen als Hochschullehrer für Corporate Communication an die nachfolgende Gestaltergeneration in Vorarlberg weiter. Als Pionier habe ich mich schon vor 15 Jahren intensiv mit den Möglichkeiten der Kommunikation im digitalen Raum auseinandergesetzt. Als Leiter der Kreation war ich maßgeblich am Aufbau der Internet-Agenturen Spray Interactive Media AG, später Razorfish AG, in Hamburg beteiligt. Aus diesem Grunde hat man mich wohl auserwählt, zu Ihnen und zur Ausstellung „Book of Spams“ zu sprechen. Kurze Frage: Wer hat eine Email Adresse von Ihnen? Oder anders herum gefragt: wer hat keine?<i> </i>Gut, dann sind wir also alle im gleichen Boot. Dann dürfte Ihnen sicherlich auch das lästige Spam-Problem, sprich: unerwünschte, elektronisch übertragene Nachrichten, per E-Mail, bekannt sein.</p>
<p>So zum Beispiel:</p>
<p>Susie, die mich wahnsinnig interessant findet, will mich unbedingt kennenlernen, oder ... Die Uno gratuliert mir wegen der 5 Mio, die ich gerade gewonnen habe, oder ... FBI-Director David Cain will von mir wissen, ob der in New York beschlagnahmte Karton voller Geld wirklich mir gehört. Er schickt den dann eben rüber, sobald ich – gegen eine kleine Gebühr – meine Aussage von einer Bank in Nigeria beglaubigen lasse. Briefschreiber aus England, Polen, Guatemala und aus südostasiatischen Regionen, deren Schriftzeichen ich nicht lesen kann, wollen irgend etwas. „Patalong!“ schreit mich eine Betreffzeile an, 78% off – on Viagra! Oder so, der vertrauenswürdige Ping aus Shanghai will einen Vertrag mit mir machen: „Any question? No hesitation to contact us. It‘s our great honor to work with you in long term business relationships. Yours Sincerly, Ping.“<br />Es gibt auch weniger erfreuliche Post. Anwalt X warnt, dass bald eine fette Mahnung folgt, wenn ich die 40 EUR nicht zahle (wofür oder weswegen ist der E-Mail nicht zu entnehmen). Paypal warnt mich, dass mein (nicht existentes) Konto soeben storniert wurde: Ich solle mich doch bitte auf folgender Web-Seite mit allen meinen Daten einloggen, um Schaden zu vermeiden ...</p>
<h3>... lästiger, betrügerischer oder virentransportierender Werbemüll</h3>
<p>Wenn es nach den Inhalten meines stets prall gefüllten Spam-Verdacht-Ordners geht, liebt mich die Welt, will mich vor Schaden bewahren, will mit mir äußerst lukrative Geschäfte machen oder direkt ins Bett hüpfen. Und das alles seit Jahren mit zwar vielfältiger, letztendlich aber immer der gleichen Masche. Meist in englischer Sprache (oder einem Kauderwelsch, das zumindest daran erinnert). Seit einigen Jahren auch auf Deutsch (oft in einer maschinell übersetzten Variante, bei der man manchmal sogar ahnt, worum es geht). Natürlich sind all die geschilderten Zuschriften nichts anderes als lästiger, meist betrügerischer, manchmal virentransportierender Werbemüll. Meist finden wir Spam lästig, manchmal jedoch auch lustig.</p>
<h3>Zur Entstehung des Begriffes „Spam“</h3>
<p>Spam ist ursprünglich ein Markenname für Dosenfleisch des Nahrungmittelkonzerns Hormel Foods, der bereits 1936 für das Produkt „Spiced Ham“ entwickelt wurde. Als „Braten für Arme“ erfreute sich Spam großer Beliebtheit. Während der Rationierung im Krieg war Spam eines der wenigen Nahrungsmittel, das in Großbritannien praktisch überall und unbeschränkt erhältlich war. Die Omnipräsenz dieses Dosenfleisches förderte die Entstehung der Bezeichnung für unerwünschte E-Mail Botschaften.<br />Als Synonym für eine unnötig häufige Verwendung und Wiederholung wurde der Begriff Spam 1970 durch einen bizarren Sketch der britischen Anarcho-Komödianten von „Monty Python‘s Flying Circus“ geprägt: In einem Café besteht hier die Speisekarte ausschließlich aus Gerichten mit Spam, die Spam teilweise mehrfach hintereinander im Namen enthalten. Insgesamt wird das Wort Spam in dem etwa zweiminütigen Comedy Sketch 132 mal erwähnt ...<br />Rund ein Jahrzehnt später kamen frühe Netz-Hacker auf die Idee, mit Spam jede Form kommunikativen Mülls zu bezeichnen, der die normale Kommunikation zu ersticken drohte. Heute ist das Dosenfleisch der Firma Hormel Foods eine Kultmarke, deren ewig haltbare Produkte so mancher Nerd nur kauft, um sie sich zu Hause ins Regal zu stellen.</p>
<h3>Schaden in Milliarden-Höhe</h3>
<p>Spam verursacht im System der weltweiten Kommunikation erheblichen Schaden. So ist dieser vor allem auf die zusätzliche Datenmenge im Netzverkehr und den Aufwand der damit verbundenen Bearbeitung der User zurückzuführen. Durch Spam entsteht in den USA pro Jahr ein Schaden von 22 Milliarden Dollar. Nach einer 2009 erstellten Studie verbrauchen 62 Billionen Spam-Mails hier jährlich ca. 33 Milliarden Kilowattstunden Energie, sowie 100 Milliarden Stunden Arbeitszeit zum Sichten und Löschen der Spam-Mails. Demnach macht Spam je nach Schätzung 89 bis 97 Prozent des gesamten E-Mail Verkehrs aus. Das entspricht auch in etwa dem Verhältnis von nicht erwünschten Spam-Mails zu gewünschten, die ich selber erhalte.<br />In Österreich, wie auch in der EU, ist deshalb zum Schutz der Privatsphäre das Versenden von Massen- oder Werbe-E-Mails, ohne vorherige Zustimmung des Empfängers nach § 101 des Telekommunikationsgesetzes, verboten. Dazu ein paar krasse Anekdoten:</p>
<p>Am 3. Mai 1978 verschickte Gary Thuerk den ersten Spam, an 400, an das APRA NET angeschlossene Nutzer, auch wenn Spam erst ab 1993 als solcher bezeichnet wird.</p>
<p>Vordan Vordanovich Kushmir, bekannt als notorischster Spammer Russlands, wurde am 24. Juli 2005 erschossen in seiner Wohnung aufgefunden.</p>
<p>Zu der bisher höchsten Geldstrafe für einen Spammer wurde James McCalla am 6. Jänner 2006 zu einer Schadenersatzzahlung von 11,2 Milliarden Dollar verurteilt.</p>
<p>Die Einführung von Filtern, die bestimmte Begriffe überprüfen, hat zu absichtlichen Schreibfehlern der Spammer geführt, um den wahren Inhalt der E-Mails zu verschleiern. In dieser versuchten Umgehung von Spam-Filtern liegt der Grund für die absurd-akrobatische Codierung von Spam-Texten. Die Filter müssen ständig durch verbesserte Methoden an die einfallsreichen, hochkreativen Verschleierungstaktiken der Spammer angepasst werden, um uns vor dem Info-Müll zu bewahren. Ein ähnliches Wettrennen findet bei der Tour de France zwischen den Fahrern und den Doping Fahndern statt.</p>
<h3>Skurrile Fundstücke als Gegenstand künstlerischer Arbeit</h3>
<p>Während sich alle irgendwie vor Spam schützen wollen, liest einer diesen akribisch – nämlich Kurt Dornig – und macht die skurrilen Fundstücke somit zum Gegenstand und Werkstoff seiner künstlerischen Arbeit. Im „Book of Spams“ sind Text-Ebenen und unterschiedliche Bildquellen zusammengeführt. Zuerst einmal möchte ich auf die typografisch-sprachliche Bedeutungsebene eingehen. Dornig hat die typografischen Eigenarten und sprachlichen Ausdrucksformen von Spam genauer in Augenschein genommen und ist auf Stilblüten gestoßen, wie „Want Pills? Vi$it n()w! Th@nk you!“<br />Diese Fragmente aus der elektronischen Post dienen ihm als Bildzuschriften. Er verwendet sie nicht eins zu eins, wie am Monitor, sondern er überträgt sie in eine andere Technik: den Linolschnitt. So hat Kurt Dornig aus lästigem Werbe-Trash, betrügerischen Massenangeboten und virtuellen Tretminen in mühevoller handwerklicher Arbeit, Buchstabe für Buchstabe, Zeichen für Zeichen in ein sehr langsames Medium übersetzt. Frei nach den Gedanken von Huffmann und Röper „schnelle Zeiten brauchen langsame Medien“. Beschleunigte Kommunikation wird durch den medialen Transfer entschleunigt und plötzlich im neuen Kontext anders wahrgenommen. Kurt Dornig setzt der schnellen Fast-Food-Befriedigung die entschleunigte Genügsamkeit des traditionellen Handwerks entgegen:</p>
<p>aus Maschinellem wird Menschliches<br />aus Massensendungen werden Unikate, in kleiner Auflage<br />aus kalt wird warm<br />aus etwas, dem man sich verweigert, wird ein Sammlerstück<br />aus anonym wird persönlich<br />aus Automatik wird Handwerk<br />aus HTML wird Kunst<br />aus Konservenfleisch wird gehobene Haubenküche<br />aus Pixeln am Screen wird Linoldruck<br />...ich will es eigentlich gar nicht sagen: Aus Mist wird Gold.</p>
<h3>Umsetzung in handwerklich perfekter Buchform</h3>
<p>Bei Spray und Razorfish haben wir digitale Medien als Liquid Communication bezeichnet. Kurt Dornig hat diesen permanenten Fluss elektronischer Meldungen fixiert, eingefroren, in einen festen materiellen Zustand überführt und die Umsetzung gemeinsam mit Markus Gell nach allen Regeln der Druckkunst, in handwerklich perfekter Buch-Form konfektioniert.Die entschleunigten Spam-Fragmente hat er mit zeitlosen, nur aus Linie und Fläche herausgearbeiteten, fast archaisch wirkenden Zeichnungen auf der Bildebene kombiniert. So findet seine ab 2003 entstandene, bekannte Holzschnitt-Serie ihre Fortsetzung in der aktuellen Edition „Book of Spams“.</p>
<h3>Schnappschüsse auf dem Zeichenblock dienen als Bildmotive</h3>
<p>Dass Kurt Dornig nicht nur seinen elektronischen Müll nach Besonderheiten durchsucht, sondern mit scharfem Auge und sicherem Strich auch ein richtig guter Zeichner ist, sehen wir den Bildmotiven, die er in der gleichen Linolschnitttechnik wie die Texttafeln herausgearbeitet hat, an. Diese Motive sind einerseits auf weltweiten Reisen (das hat er mit dem Spam gemein) entstanden, bei denen er stets auf der Suche nach interessanten Szenarien ist, die er in Skizzenbüchern festhält und ihm als Fundus dienen. Statt Fotokamera skizziert er vor Ort: Momentaufnahmen, spontane Begebenheiten, quasi „Schnappschüsse auf dem Zeichenblock“. „Mit einer Kamera macht man sich oft verdächtig“, sagt Kurt Dornig und steht als Tourist sofort außen vor, denn nach dem Foto wird die Hand aufgehalten: Mister – money please!!!“</p>
<p>„Durch den Akt des Live-Zeichnens gewinne ich die Neugier der Menschen um mich herum, komme ins Gespräch, ohne mich als Bilder- oder Identitätsdieb zu outen. Das fördert persönliche Kontakte und aufschlussreiche Gespräche“, sagt Kurt Dornig. Die Reiseskizzen erfassen plakativ persönliche Momente und weltweit unmittelbar erlebte Begebenheiten.</p>
<p>Als weitere Quelle für Bildmotive dienen Skizzen, die er schon seit langem in der Aktzeichengruppe um Edgar Leissing erstellt. Es sind Zeichenarbeiten entstanden, die durch die intensive Auseinandersetzung und genaue Beobachtung des menschlichen Körpers entstanden sind. Als Abbild der Wirklichkeit wird hier der Körper auf das Wesentliche reduziert: Schwarz und Weiß. Null und Eins stehen für die Reduktion des digitalen Zeitalters: für Spam. Linie und Fläche, bedruckte und unbedruckte Räume sind ein klassisches Mittel, um kompositorische Spannung aufs Papier zu bringen. Seine freien Arbeiten finden so in der Kombination mit den Spam-Texten ihre neue Bestimmung.</p>
<h3>„Info-Müll“ als typografische Bildtafeln in Linoleum inszeniert</h3>
<p>Spam-Texte sind bereits von Haus aus hochkreativ typografiert, da sie ja unerkannt am Spam-Filter vorbeischlüpfen sollen. Kurt Dornig reißt die Spam-Texte aus ihrem Kontext und inszeniert den „Info-Müll“ akribisch als typografische Bildtafeln in Linolelum. Im Gegensatz zu den ursprünglichen Spam-Nachrichten werden diese SO auf jeden Fall gelesen! Neben dem Interesse am zeitgenössischen Kulturgeschehen und der Verarbeitung von Spam-Botschaften hat Kurt Dornig stets seine große Leidenschaft für die jahrhundertealte Drucktechnik – als Gegengewicht zur digitalen Arbeit am Rechner – gepflegt. Er fordert das Material und schätzt den Körper. Hier kommen statt schnellen Sexversprechen, wie „viagra is the best thing that ever can happen to you“, die Sinnlichkeit von Papier, Zeichenstift, Linoleum, Druckfarbe und tonnenschwere Mechanik zum Tragen. Die formal-ästhetische Verschmelzung in Form von Aktzeichnungen, Straßenskizzen und Spam-Texten, vereint im traditionellen Linolschnitt, spiegelt das heutige Leben auf zeitgemäße Art und Weise. So finden moderne Gedanken ins Linol und Spam zu neuer Ausdruckskraft. <br />Die digitale und die reale Welt sind so weit miteinander verschmolzen, dass man heutzutage durchaus sagen kann: Erscheinung ist Wirklichkeit. Egal ob vor dem Screen oder im Screen. Wer diese neue Wirklichkeit begreifen und durch die Welt „traveln“ möchte, ohne zu „moven“ – kann das hier und heute einfach Durch-Blättern.</p>
<h3>„Edition Markus Gell“</h3>
<p>Kurt Dornig, der auch sonst in der Welt zwischen zwei Buchdeckeln zu Hause ist, ist nach Hugo Ender, Markus Gell und Christian Thanhäuser, der dritte Künstler, der in der „Edition Markus Gell“ veröffentlicht wird. Als entscheidenden Protagonisten möchte ich auf Markus Gell, der als couragierter Herausgeber, Betreiber dieses Museums und guter Freund der Druckmaschine zum Gelingen dieser Edition beigetragen hat, ganz besonders hinweisen. Dank seiner Erfahrung und Weitsicht durfte jedes einzelne Blatt des „Book of Spams“ zentnerweise exzellentes Gewicht spüren und hier, in diesen musealen Räumen, eine Trockenzeit von drei Wochen auf Wäscheleinen genießen. Für die in allerhöchster Qualität gefertigte Bindung von Hand in traditioneller Schweizer Broschur zeichnet Peter Köll aus Innsbruck verantwortlich. Schauen Sie nach der Begutachtung des Buches doch mal wieder in ihren Spam-Ordner. Sie werden ihn garantiert mit anderen Augen wahrnehmen."</p>
<p> </p>
<p class="callout">Kurt Dornig, Book of Spams, Edition Gell, Rankweil 2011, Auflage: 20 Exemplare, signiert und nummeriert, Euro 550,-</p>]]></content:encoded>
    <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>
    <dc:creator>Alexander Rufenach</dc:creator>
    <dc:rights></dc:rights>
    <dc:date>2011-12-14T07:00:00Z</dc:date>
    <dc:type>Kritik</dc:type>
  </item>


  <item rdf:about="http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/neues-fuer-das-kochbuchregal">
    <title>Neues für das Kochbuchregal</title>
    <link>http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/neues-fuer-das-kochbuchregal</link>
    <description>In den letzten Jahren ist es dank Amazon üblich geworden, Bücher von neuen oder wenig bekannten Autoren mit dem Sprüchlein „für die Leser von XY“ zu empfehlen. Auf den Umschlag von Juan Morenos Teufelsköche (Piper) würde ich „für die Leser von Anthony Bourdain“ schreiben. </description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[<p>Der Titel lässt ja vielleicht eher an Jörg Zippricks lesenswerte Generalabrechnung mit der Gastronomie „In Teufels Küche“ (Eichborn) denken, in der es gegen Gourmet-Führer, Molekularküche, Jürgen Dollase, Fernsehköche und Nahrungsmittelindustrie ging, aber Morenos Buch mit dem Untertitel „An den heißesten Herden der Welt“ porträtiert 17 Köche, die in den Gourmetzeitschriften und im Fressfeuilleton selten bis gar nicht vorkommen (mit zwei Ausnahmen: Vincent Klink und Juan Amador), obwohl – oder weil – sie besonders farbige Charaktere sind. <br /><br />Dazu gehören die ehemaligen Küchenchefs von Idi Amin und Erich Honecker, die spanischen Stierschwanz-Monopolisten Mari Carmen Rodriguez und Toribio Anta, der aus Ägypten stammende Illegale Rashid (ein Pseudonym), der in Amsterdam nicht nur Haschischkekse bäckt, sondern auch harte Drogen unters Essen mischt, der verurteilte Vergewaltiger Brian Price, der die Henkersmahlzeiten für 200 texanische Todeskandidaten zubereitete, Faith Muthoni mit ihrem „Restaurant“ auf der größten Müllkippe von Nairobi, und Frank Pellegrino, in dessen Lokal „Rao’s“ seit Jahrzehnten alle Tische an New Yorker Prominente vergeben sind, und der wegen seiner Standardantwort auf Reservierungsanfragen „Frankie No“ genannt wird, obwohl es Ausnahmen gibt: „Doch, ich nehme auch kurzfristige Reservierungen an – für amtierende Präsidenten oder den Papst – oder höher gestellte Persönlichkeiten.“ Das Buch enthält 17 Rezepte, eines zu jedem Porträt (Fotos: Mirco Taliercio), unter ihnen eines für Fufu: „Maniokmehl mit kaltem Wasser anrühren, mit Salz und Pfeffer abschmecken. Langsam erhitzen und bei mittlerer Hitze ständig mit einem Holzlöffel umrühren, bis die Masse eine püreeartige Konsistenz annimmt. Mengenangaben je nachdem, wieviel Hunger man hat.“</p>
<p>Ein Teufelskoch fehlt in diesem Reigen, der von Kim Jong-il, von dem man weiß, dass er auf Einkaufstouren in europäische Luxus-Delikatessenläden geschickt wurde, während die koreanische Regierung dem Volk Rezepte für Gräser und Baumrinde verlautbarte.</p>
<p>––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––</p>
<p>Auch das neue Buch des Ehepaars Martina Meuth und Bernd Neuner-Duttenhofer <b>Auf der Suche nach dem verlorenen Geschmack</b> (Lübbe) ist kein „richtiges“ Kochbuch. Es enthält zwar 30 Rezepte, aber eigentlich ist es eine alphabetisch geordnete Warenkunde. Denn nicht die beiden Publizisten haben ihren Geschmacksinn eingebüßt, sondern manche Lebensmittel ihren Eigengeschmack. Vieles wird ständig dubioser, wenn man es nicht kenntnisreich auszusuchen weiß, sondern im nächsten Supermarkt halt einkauft, was zu Großmutters Zeiten zwar vielleicht noch gleich hieß, aber in manchen Fällen etwas anderes war, als es heute ist. Das könnte man zum Beispiel vom Joghurt-Marmeladen-Mix „Fru-Fru“ im Vergleich mit einem heutigen Fruchtjoghurt sagen; damals kannte man weder „probiotische“ Bakterienstämme noch „naturidentische“ Aromen. In dem Buch ist natürlich vieles auf deutsche Verhältnisse abgestimmt, zum Beispiel ein Kasten über „Das Deutsche Qualitätssiegel“: „Welche Qualitätsprofile die Produkte dafür erfüllen müssen? Keine. Die gesetzlichen Mindestanforderungen genügen! Die deutschen Lebensmittelproduzenten haben es nämlich geschafft, den Gesetzgeber dazu zu bringen, bereits für die mindeste Qualität, die überhaupt in Verkehr gebracht werden darf, ein Gütesiegel zu vergeben!“ Solches lässt sich auf EU-Verhältnisse übertragen: Was in dem Buch über Schinken „Schwarzwälder Art“ zu lesen ist, dass er etwas ganz anderes als „Schwarzwälder Schinken“ ist – „nämlich mit Tannenraucharoma behandeltes Pökelfleisch“, gilt auch für alle anderen Schinken irgendeiner „Art“, lesen Sie doch mal genauer, was auf dem Schildchen Ihres Supermarkt-„Parmaschinkens“ steht!</p>
<p>Besonders interessant ist die Auseinandersetzung des  Journalistenehepaars mit dem, was „Merum“-Chefredakteur Andreas März seit Jahren über Olivenöl schreibt, denn sie können sich „seiner Rigorosität nicht immer uneingeschränkt anschließen“. Das ist gut, denn so verdienstvoll März’ Kampf für gutes Olivenöl ist (er behauptete immer, 99 Prozent unserer Supermarkt-Öle seien indiskutabel), dürfte doch sein Reinheitsgebot für Olivenöl tatsächlich etwas übertrieben sein. Vor allem stoßen sich Meuth und Neuner-Duttenhofer an der auch von März propagierten Veronelli-Methode, das Öl aus entsteinten Früchten zu pressen, weil sie ihrer Meinung nach dem Öl seinen Charakter nimmt. März war der erste und radikalste, der darauf hinwies, dass das Prädikat „extra vergine“ jede Bedeutung verloren hat, die beiden beschreiben nun die Gewinnung von Olivenöl durch Raffination mittels Hitze und Säuren aus oft schon verschimmelten Pressrückständen, das völlig legal unter der Bezeichnung „reines Olivenöl“ verkauft werden darf. „,Reines Olivenöl’ ist also ein Produkt der Lebensmittelindustrie, das von den Big Players der großen internationalen Olivenöl-Branche in rauen Mengen angeboten wird. Gerne auch in edlen Inhalt verheißenden Blechkanistern, die hübsch bunt und/oder nostalgisch, mit traditionellen Motiven geschmückt sind und mit längst nicht mehr aussagekräftigen Medaillen von Weltausstellungen, die vor mehr als hundert Jahren stattfanden ... und damit die gute alte Zeit beschwören.“</p>
<p>––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––</p>
<p>Bernie Rieder, früher einer der bekanntesten „Jungen Wilden“ Österreichs, hat nicht nur bei Köchen wie Gerer und Witzigmann gelernt, sondern zunächst einmal bei seinen beiden Großmüttern, der Juzzi Oma und der Steffi Oma. In seinem <b>Oma.Koch.Buch</b> (Braumüller, 29,90 Euro) hat er ihnen ein Denkmal gesetzt und stellt eine erkleckliche Anzahl der Rezepte in zwei Varianten ins Buch, zum Beispiel „Omas Kalbsrahmgulasch“ und auf der nächsten Seite „Bernies Kalbsrahmgulasch mit Limettenblättern, Chili und Pinienkernen“. Da die Texte recht ausführlich gehalten sind, kann man auch noch bei den bekannten Rezepten alla nonna nützliche Informationen finden. Rieders Varianten unterscheiden sich in vielen Fällen nur durch eine andere Würzung. Für die Sammler von Kochbüchern zur österreichischen Küche ist das Buch Pflicht, es kann aber auch jedem empfohlen werden, der Einbrennsuppe, Krautfleckerln oder Grenadiermarsch ein bisschen abwandeln und dabei auf die Erfahrungen eines Profikochs zurückgreifen möchte.</p>
<p>Manchmal schießt der Texter des Buches („Initiator und Textkonzeption Claus Schönhöfer“ steht auf dem Innentitel) übers Ziel hinaus, zum Beispiel, wenn man unter „Kochtipps und Begriffe“ den Hinweis liest: „Wann ist das Rohr vorgeheizt? Bei jedem Herd mit Elektrobackrohr, den ich kenne, gibt es ein Lamperl (Lämpchen) – meistens rot, aber manchmal auch blau oder grün. Das erlischt, sobald die gewünschte Temperatur erreicht ist.“ Fehlen für die Adressaten solcher Tipps nicht die Ratschläge, heiße Herdplatten nicht anzufassen oder die Plastikverpackung der TK-Pizza vor dem Backen zu entfernen? Daneben ist auch ein langes Gejammer auf Seite 116 über die Grausamkeit der Thunfisch-Mattanza im Mittelmeer. Daneben, weil schon seit Jahren keine mehr stattfindet – nicht aus tierschützerischen Gründen, sondern weil die Japaner die Thunfische schon vor der Meerenge von Gibraltar wegfischen lassen, sodass die Mattanza mangels Masse eingestellt werden musste.</p>
<p>Übrigens ist Bernie Rieder am 7. Juli 2007 in Bregenz nicht nur koch- sondern auch sonst künstlerisch in Erscheinung getreten, nämlich mit seinem „Sautanz 2007“ in Paul Renners „Theatrum anatomicum“ beim Kunsthaus: „Vor mir hing ein bereits gesäubertes Schwein, das auf seine Verarbeitung wartete. Unter mir – quasi als Showeinlage – lag ein menschlicher Glaskörper. Ich hatte die Idee, einen Menschen aus Schweineteilen nachzubauen. (...) Im Laufe des Abends zerlegte ich nach und nach das gesamte Schwein und schlichtete die übrigen Organe sowie alle Fleischteile in den Glaskörper. Für die Gäste stand gleichzeitig ein zu jedem Organ und jedem Fleischstück passender Gang bereit. Als krönenden Abschluss hackte ich dem Schwein den Kopf ab und setzte ihn dem Glaskörper auf. Fertig war mein Schweine-Mensch!“</p>
<p>––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––</p>
<p>Stellen Sie sich ein großformatiges Buch vor, in dem die Rezepte mit doppelseitigen Farbfotoserien illustriert sind. Beispielsweise sieht man für eine Brotsuppe mit Knoblauch folgende, selbstverständlich auch noch recht ausführlich betexteten Bilder: drei ganz normale Brotscheiben in einer ganz normalen Bratpfanne – das gebräunte Brot – mit dem Messer zerdrückte Knoblauchzehen – Knoblauch mit Öl in der Bratpfanne – ein Löffel voll Paprikapulver über dem Knoblauch – ein Schöpfer voll Hühnerbrühe über dem mittlerweile zugegebenen Brot – Finger, die Salz in die Pfanne streuen – Brotscheiben in der Brühe – ein Stabmixer, der die Suppe püriert – die pürierte Suppe – ein (extra) pochiertes Ei wird in die Suppe gegeben. Mal ehrlich: Brächten Sie diese Brotsuppe mit Ei ohne die 11 Fotos zusammen? Ja, doch? Ich auch. Wahrscheinlich jeder. Aber ich will nicht tricksen: Es gibt auch kompliziertere Rezepte in dem Buch, zum Beispiel das für Lammnacken mit Senf und Minze oder jenes für das mexikanische Hähnchen.</p>
<p>Es werden 31 Drei-Gänge-Menüs vorgestellt, wie Kartoffelsalat, Thai-Curry mit Rind und Erdbeeren mit Rotweinessig, oder Melone mit Schinken, Reis mit Ente und Schokoladentörtchen. Man sieht, dass es sich um eher einfaches Essen handelt. Also ein Kochbuch für Anfänger, die es nicht so mit dem Lesen haben? Ist doch gut, dass es so etwas gibt! Oder nicht? Das Buch heißt <b>Das Familienessen</b> (Edel Germany) und ist 2011 als „The Family Meal“ in London erschienen. Die Pointe daran ist die, dass es sich um ein Kochbuch aus dem „elBulli“ handelt, dem Restaurant von Ferran Adrià, das bis zur Schließung am 30. Juni 2011 von der Gourmetpresse als „das beste Restaurant der Welt“ bezeichnet wurde. Im „elBulli“ wurden den Gästen viele kleine Gänge vorwiegend kulinarischer Bizarrerien vorgesetzt. Als „Familienessen“ bezeichnete man in diesem Restaurant das gemeinsame Essen der 75 Mitarbeiter, das eingenommen wurde, bevor für die Abendgäste geöffnet wurde.</p>
<p>Dabei aßen Adrià selbst, die Chefköche und ihre Assistenten als Vorspeisen Farfalle mit Pesto, gratinierte Polenta oder Waldorfsalat, als Hauptgang Cheeseburger, Kabeljau-Sandwich oder Schweinerückensteaks, und als Dessert Ananas mit Sirup, Reispudding oder Schokoladenmousse. Im Vorwort heißt es dazu: „Viele sind überrascht, wenn sie erfahren, dass wir hier ganz normales Essen zu uns nehmen. (...) Auch unsere Mitarbeiter haben ihr Lieblingsessen: Eigentlich unterscheiden wir Restaurantprofis uns darin nicht sonderlich von den anderen. Beispielsweise nahmen sich die meisten Mitarbeiter öfter von frischer Pasta nach als von allen anderen Gerichten (...). Unter den Hauptgerichten stehen besonders Hamburger hoch im Kurs.“ Wirklich überrascht sind wir ja nicht davon, dass auch die Belegschaft vom „elBulli“ lieber Pasta und Risotto als Tomaten-Sphären, Gemüse-Gelatin-Streifen mit Holzkohlenöl und lyophilisiertes Obst aßen, und auch nicht davon, dass sie das frank und frei zugeben, sondern dass diese Tatsache in einem Buch mit dem Aufkleber „Einfache Gerichte zum Nachkochen aus dem legendären elBulli Restaurant“ ausführlich breitgetreten wird. Der eine oder andere Gast, der im „elBulli“ für 230 Euro dreißig kleine Kuriositäten gegessen hat, wird sich nun denken: „Verdammt, ich hätte doch auch viel lieber das Menü Nr. 9 – Adlerfisch mit Limette, Osso buco alla Milanese und Piña Colada – gehabt!“</p>
<p>––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––</p>
<p><b> </b></p>
<p>Zuletzt ein Blick auf eines jener Bücher, um die ich normalerweise einen weiten Bogen mache, nämlich Couchtable-Books mit ganzseitigen Food-Fotografien, deren Nutzen ich nicht einsehen kann. <b>Das Schlachtfest</b> von Burkhard Schörk (Tre Torri) ist so ein Buch, groß, schwer und zum Beispiel auf Seite 182 mit einem 28 x 27 cm großen Foto von einem Teller Spanferkelsülze oder auf Seite 194 mit dem von Verhackertem auf einem Brett – beide sehen genau so aus, wie man das immer schon gekannt hat. Warum ich das nicht gerade billige Buch doch gekauft habe? Ein paar Rezepttitel können Auskunft geben: Gebräunter Milzleberkäs mit „Glotzauge“, geschnetzelte Nierle in zwiebeliger Geiztraubensahne, gesottenes Kuheuter mit Kaplilien-Sahne-Sauce, Maultaschensalat mit Bockbierdressing, gerösteten Landjägern und Brätklößchen, klassische Metzelbrühe mit Leberknödeln, mit Markkruste überbackener Schlachtbraten mit dreierlei gefüllten Markknochen, Solver – Salzfleisch von Knöchle, Maske, Backen, Schwanz und Schälripple, Weißleberröschen gebacken auf Rahmlauch.</p>
<p>Haben Sie schon ein Kochbuch, in dem sich ein Rezept für Weißleber befindet? Weißleber ist die Bauchspeicheldrüse des Schweins, wer sie nicht auftreiben kann, nimmt stattdessen Schweinsbries, eine Drüse muss es für dieses Rezept schon sein. Die meisten Rezepte sind für die Schweineschlachtung, bei einigen sind auch Alternativen angegeben, und im Abschnitt „13 vergessene Schlachtgerichte“ gibt es Rezepte für Rindfleisch und für nicht-schweinische Innereien wie „Oeuf de Boeuf – Stierhodenpiccata mit lauwarmem Kartoffelsalat“. In Bayern isst man so etwas ja noch, aber in den anderen deutschen Bundesländern löst man mit solchen Vorlieben großes Befremden aus.</p>]]></content:encoded>
    <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>
    <dc:creator>Kurt Bracharz</dc:creator>
    <dc:rights></dc:rights>
    <dc:date>2011-12-07T07:00:00Z</dc:date>
    <dc:type>Kritik</dc:type>
  </item>


  <item rdf:about="http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/immer-ich-oder-wer-ist-alissa-walser">
    <title>Immer Ich oder: Wer ist Alissa Walser?</title>
    <link>http://kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/immer-ich-oder-wer-ist-alissa-walser</link>
    <description>Ein berühmter Schriftsteller als Vater ist für die Tochter schon mal ein Problem. Wenn sie Malerin wird – bitte, man wird ja sehen. Wenn sie aber auch noch schreibt, und zwar gut, wenn sie brillant ist und schön, dann wird es echt schwierig für sie. Alissa Walser trotzt dieser Situation mit einer langen Erzählung unter dem ebenso trotzigen Titel „Immer ich“.</description>
    <content:encoded xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"><![CDATA[<p>Wer ist Alissa Walser? Ein unsicheres Kind, dem ein Onkel beibringt, die Schuhe zu binden? Ein orientierungsloses Mädchen, das Weihnachten in New York feiert? Dort, wo man auch noch am 24.12. spontan ein Klavier kaufen kann? „Er nimmt etwas aus seiner Tüte. Schwarz lackiert, goldene Rädchen, zierliche Holzbeine, ein kleiner Schlüssel. Ein Miniatur-Flügel. <i>Guten Abend, gute Nacht</i>, spielt die Spieluhr, wenn man sie aufzieht. Das klingt in Brooklyn wie in Frankfurt und ist immer <i>Made in China</i>.“ Das Klavier als Schlüsselanhänger ist für Alissa. Das echte Klavier ist für Nina. Alissa könnte allerdings auch Mona heißen oder Fred. Wer ist Alissa? „… eigentlich wünsche ich mir ein Paar Augen, in das ich jeden Tag wenigstens eine halbe Stunde lang hineinschauen kann. Und zwar zentralperspektivisch.“</p>
<h3>In einem anderen Leben</h3>
<p>Alissa Walser ist eine Autorin, die alle Qualitäten einer Malerin hat: den genauen, ins Detail gehenden Blick, das Erfassen einer Komposition, eines überraschenden Farbenspiels, der Materialität des Gegenwärtigen. Dennoch ist alles in ihrer Erzählung ein bisschen abstrakt, ein bisschen in die Karikatur, ins Cartoon gedreht, friert fest in einer malerischen Szene. „In einem anderen Leben“ versucht sich die Autorin als impressionistische Malerin an der Seite von „Camille, Edgar, Edouard, Puvis, Georges, Jean und Claude: Ob man selbst auch so leuchtet?“ <br />Alissa Walser fängt die Stimmungen impressionistischer Bilder, den Augenblick – und das Hinfällige des Augenblicks, den Moment der Trauer in einer blühenden Mohnwiese – derart perfekt ein, dass man glaubt, in diesem schnell sich verflüchtigenden Leben zu atmen. Es verlangt Mut und Selbstbewusstsein, so zu schreiben, so schrankenlos sich in die Geschichte einzufügen, in das Fließen der Gesellschaft, in das Wahrnehmen dessen, was für einen Moment wichtig sein mag. Ist es dieses Flüchtige, das uns noch heute am Impressionismus fasziniert? Und zwar ohne dass wir dessen Technik- und Fortschrittsgläubigkeit teilen?</p>
<h3>Ein japanischer Bogen</h3>
<p>Manchmal wird Alissa zu Mona. Dann geht sie zu einem buddhistischen Trainer, weil ihre Schultern verspannt sind. „Wenn ich vor dem Spiegel stehe und die Arme hängen lasse. Dann sehen sie aus wie die traurigen Hälften eines japanischen Bogens“. Mona ist eines dieser Design-hörigen Geschöpfe, die dennoch in ihrem Körper verharren müssen. So wie wir. Und kein Chris kann Erlösung bringen.<br />Schönheit an der Kippe zum Witz, Lebendigkeit, die an den Klippen der vorgefertigten Bilder zerschellt, Wahrnehmung, die immer schon im Wahrgenommen-Werden gefangen ist – davon erzählt Alissa Walser. Nie ist das Private persönlich, immer geht das Eigentliche in der Bilderwelt auf. Es sind traurige, schöne, elementare Gedankenbilder.</p>
<p> </p>
<p class="callout">Alissa Walser, Immer ich, Piper Verlag, München 2011, 157 Seiten, € 17,50, ISBN 978-3-492-05460-7</p>]]></content:encoded>
    <dc:publisher>No publisher</dc:publisher>
    <dc:creator>Ingrid Bertel</dc:creator>
    <dc:rights></dc:rights>
    <dc:date>2011-11-30T07:00:00Z</dc:date>
    <dc:type>Kritik</dc:type>
  </item>





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