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19.04.2011 |  Ingrid Bertel

Silberne Wiese, sanfte Brise – Das Romandebut der 15-jährigen Maya Rinderer

Wenn ein gerade erst 15 Jahre altes Mädchen einen Roman vorlegt, ist das ungewöhnlich. Wenn dieser Roman mit einer Flucht vor dem Ghetto beginnt und in Auschwitz endet, ist das mehr als ungewöhnlich. Es ist verstörend. „Esther“ heißt dieses Romandebut der Dornbirnerin Maya Rinderer.

„Es traf sie wie ein Blitz, sie ließ sich langsam auf das Kopfkissen zurücksinken und atmete tief ein. Und dann ratterten die Wörter in ihr, als würde jemand in ihrem Gehirn sitzen und mit voller Wucht auf eine Schreibmaschine einhämmern.“ Die eruptive Wucht, die Esther zum Schreiben zwingt, muss die junge Autorin aus eigener Erfahrung kennen. Die Sätze, die Bilder, die Szenen, die aus Maya Rinderer förmlich herauszuströmen scheinen, sie sind das eigentlich Überwältigende an diesem Debut. Erzählen ist hier ganz ungekünstelt ein vitales Bedürfnis, so naiv, so grundehrlich formuliert, dass man die 356 Seiten liest, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen und es dennoch nicht ergründet. Schreiben ist Leben, so einfach kann es sein.
Aber Schreiben ist auch Erinnern, Empfinden, Reflektieren – und die junge Autorin scheut dabei vor keinem Abgrund zurück. Das beginnt bei der pubertären Abgrenzung einer Tochter von ihrer Mutter: „Sie empfand keinerlei Wärme oder Mitgefühl ihr gegenüber. Nicht einmal die natürliche Liebe eines Kindes zu seiner Mutter, wie sie verblüfft feststellte. Sie hasste sie einfach und wollte ihr weh tun, wollte sich rächen, wollte ihr heimzahlen, dass sie von ihr hintergangen worden war.“ Allerdings ist die Authentizität der Abgrenzung belastet durch den Kontext von Schuld und Verzweiflung, in den sie eingebettet wird.

Flucht als Widerstand

Esther lässt sich nicht – so wie ihre Mutter und ihre Geschwister Mirjam, Ruth und Jakov – widerstandslos ins Ghetto Lodz deportieren. Ihr gelingt die Flucht, mit Baby Rachel, der jüngsten Schwester, auf dem Arm. Der wird ihr schwer, und als sie vorübergehend in einem Heustall Unterschlupf findet, allzu schwer. Der Stall brennt – und da will sie die kleine Rachel eigentlich ins Feuer stürzen lassen, um sich selbst zu retten, macht sich bereits Vorwürfe, eine Mörderin zu sein, doch das Baby ist ebenso vital wie die große Schwester: „Rachel klammerte sich an Esthers Fuß, krallte ihre winzigen Hände an sie, fiel beinahe von dem brennenden Heuballen, auf dem sie sich hielt.“ Das ist ein Bild von so eindringlicher Grausamkeit, dass man unwillkürlich an eine ebenso junge Autorin denkt: an Emily Bronte und die verstörende Eingangsszene von „Wuthering Heights“.
Kein Zweifel, Maya Rinderer verfügt über eine hohe Begabung, und wenn sie von Schulproblemen, Geschwisterzank oder erster Liebe erzählt, dann kann man die menschliche Reife und die hohe Sprachkompetenz der jungen Autorin nur bewundern. Doch in den Abgründen von Esthers verzweifelter Flucht lauern die Schwierigkeiten des Sagbaren. „Im Niemandsland zwischen bösen Albträumen und traurigen Erinnerungen schaukelte ihr Boot der Hoffnung, in dem der Wille zu leben saß, auf hohen Wellen von dannen.“ In solchen Bildern wird spürbar, wie die Autorin um eine eigene Sprache kämpft – und sie vorerst nicht findet. Dabei berührt die intensive Suche mehr, als das doch eher bescheidene Ergebnis vermuten lassen würde. Denn naturgemäß ist Maya Rinderer zu jung, um all die Laufmeter Literatur zu diesem Thema zu kennen. Da gibt es etwa eine knappe zehn Seiten umfassende Erzählung von Marie Luise Kaschnitz, „Lupinen“. Auch Kaschnitz erzählt von der Flucht einer Jugendlichen, von der Qual, in einem Versteck als unsichtbarer, unhörbarer, unerwünschter Mensch zu überleben. Aber Kaschnitz weiß, dass es darum geht, eine Atmosphäre zu erzeugen, statt ein Gefühl zu erklären. Und sie weiß um den Wert der Auslassungen. Wo sie an die Grenzen der Sprache stößt, bleibt eine Lücke, die die Leser zu füllen haben.

Erstarrte Trauer

Maya Rinderer tappt dagegen naiv in die Falle, auch das Furchtbarste erzählen zu wollen. Da hält Baby Rachel wie eine Erwachsene Zwiesprache mit dem Tod, während Esther mit ihrem Schutzengel redet. Da träumt Esther von der silbernen Wiese, auf der der Wind ihr bester Freund ist, und allenthalben lauert der Kitsch. Bis sie dann doch wieder zu Sätzen findet, die einen ins Herz treffen wie ein Messer. Fassungslos schaut Esther da in das tote Gesicht ihrer kleinen Schwester. „Ein grausamer Schmerz überkam sie, doch gleichzeitig war sie nicht imstande, etwas zu fühlen. Bestimmt war diese Taubheit Trauer…“
Maya Rinderer ist die Enkelin eines Holocaust-Überlebenden. Wäre sie es nicht, man würde es wohl als ungeheure Anmaßung betrachten, dass ihr Roman in Auschwitz endet. Maya Rinderer muss aber auch eine aufmerksame, unglaublich empathiefähige Zuhörerin sein, eine hochsensible junge Frau, die sich möglicherweise über ihre Romanfigur Esther das Bewusstsein ihrer Fähigkeiten erarbeitet hat – und sie tut es in einer Geste der größten Bescheidenheit: „Das Schreiben wäre nie ihre erste Wahl gewesen, nie ihr lang ersehntes Ziel, aber sie hatte es auch nicht gekannt. Nun wurde ihr bewusst, dass es das einzige war, was in ihrem zerstörten Leben je wieder einen Sinn haben würde.“

Maya Rinderer, Esther, Bucher Verlag, Hohenems 2011, 356 Seiten, ISBN 978-3-99018-043-3, 19,90 €

Die 15-jährige Maya Rinderer legt mit „Esther“ einen Roman über den Holocaust vor

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