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08.08.2010 |  Silvia Thurner

„Jacob’s Room“ - Dichte Komposition, hervorragende Solisten und Musiker, außergewöhnliche Regie und doch keine hundertprozentige Zustimmung

Im Mittelpunkt der diesjährigen „Kunst aus der Zeit“-Schiene bei den Bregenzer Festspielen steht der amerikanische Komponist Morton Subotnick und sein Werk „Jacob’s Room“. Die Aufführung des Musiktheaters auf der Werkstattbühne beeindruckte insgesamt vor allem durch die künstlerische Umsetzung und die ausgezeichneten Gesangssolisten. Die kompositorische Anlage und der Einsatz der Elektronik gelangen dem Komponisten gut, so dass die Traumatisierung des Protagonisten eindringlich erlebbar wurde. Allerdings hatte das Werk Längen und wirkte teilweise zu sehr um eine Botschaft bemüht.

Dem Musiktheater „Jacob’s Room“, das nun in Bregenz uraufgeführt wurde, gingen zwei Vorgängerversionen voraus. 1985 entstand das Stück im Auftrag des Kronos Quartett für Streichquartett und eine Sängerin, 1993 kam eine kürzere Fassung von „Jacob’s Room“ als Kammeroper in Philadelphia zur Uraufführung.
Morton Subotnick hat die kompositorische Anlage der nun erweiterten Werkfassung differenziert und in mehreren Schichten angelegt, denen unterschiedliche emotionale Ebenen zugrunde liegen. Beispielsweise wird die Elektronik quasi als Stimulus für die Atmosphäre und als „Verlängerung“ einiger Gesangspassagen eingesetzt. Die vier Celli spielen ein fein gesponnenes Klanggewebe, das vor allem die Gefühle der Protagonisten unterstreicht. Die über weite Strecken minimalistisch konzipierte Musik beruht auf einem dichten Klanggrund. Das Ensemble mit Eva Freitag, Marika Gejrot, Augustin Maurs und Andreas Voss (Violoncelli) sowie SooJin Anjou an den Keyboards wurde geleitet von Ari Benjamin Meyers und beeindruckte durch die gute Ausgestaltung der feingliedrigen Musik.

Hervorragende SolistInnen

Die vier GesangssolistInnen Ruth Rosenfeld als Erzählerin, Katharina von Bülow als Mutter, Florian Just als Jacob und Tom Sol als Großvater brachten großartige Leistungen, denn ihnen wurde sehr viel abverlangt. Virtuos gestalteten vor allem Ruth Rosenfeld, aber auch Katharina von Bülow ihre ausdifferenzierten Partien. Teilweise führten sie die Stimmen in gespaltenen Linienführungen, weil mehrere Handlungsstränge in unmittelbarer Abfolge ineinander verschachtelt wurden. Stilisierte Bewegungsverläufe, dramatisch gesungene melodische Linien, unterbrochen von Vokalisen und außergewöhnlichen Vokalklängen schufen eine dichte Atmosphäre.
Die Traumatisierung von Jacob, der von seiner Mutter während der Kriegswirren vor dem Tod gerettet wurde, während sie selbst ermordet wurde, bildet das Zentrum des Musiktheaters. Im Handlungsverlauf wird er während der Lektüre von Platons "Phaedrus" immer wieder von schrecklichen Erinnerungen und Bildern eingeholt und attackiert. Florian Just gestaltete seine Rolle gut und wirkte authentisch. Die dichte musikalische Folge der Ereignisse entwickelte einen Sog, der in gewaltigen, dynamisch aufbäumenden Passagen kulminierte. Die damit einhergehende Intensivierung der Basslinie entwickelte jeweils einen mitreißenden Drive. Eine ebenso große Präsenz hatte Tom Sol, der vor allem in jenen Passagen beeindruckte, in denen die Stimme elektronisch „verlängert“ wurde.

Raffiniertes Bühnenplateau

Das schlichte Bühnenbild bestand aus einer auf alle Seiten hin kippbaren Wippe. Diese wurde mittels Farben, Bildschattierungen und klar abgegrenzten Videos mit reduzierten, aber stark wirkenden Mitteln belebt. Darüber hinaus standen die Protagonisten in einem ständigen Diskurs zur (meist) schiefen Ebene. Viele Einzelheiten belebten das Werk. Einen besonderen Höreindruck hinterließ der Einsatz der Elektronik im gesamten musikalischen Verlauf. Sie wurde unter anderem als „Assistent“ der Singstimme eingesetzt, so dass beispielsweise Tom Sol in jenen Passagen, in denen die Barmherzigkeit und die Gerechtigkeit thematisiert wurden, eine fast diabolische Wirkung entfaltete. Die elektronischen Sounds kamen nie als Selbstzweck zum Einsatz, sondern sie wurden aus dem musikalischen Zusammenhang heraus generiert.

Etwas langatmig

In meiner Auffassung des Musiktheaters hatte „Jacob’s Room“ jedoch zwei wesentliche Schwachpunkte. Es ist verständlich, dass sich der traumatisierte Protagonist stets um die eigene Achse dreht. Er ist gefangen in einer einsamen und sprachlosen Spirale, aus der es für ihn kein Entrinnen gibt. Diese Gefühle wurden gut nachvollziehbar und eindrücklich dargestellt, allerdings wirkten die vielen, nur wenig variierten Wiederholungen, mit der Zeit allzu insistierend und relativierten letztlich die dem Werk zugrunde liegende Aussage.
Auch jene Passage, in der Morton Subotnick das „Vater unser“ als Textgrundlage für ein diesseits orientiertes Bewusstsein und ein unbarmherziges Gottesbild verwendete, beinhaltete einen allzu offensichtlich daher kommenden Botschaftscharakter.

Vergleich mit Weinbergs „Passagierin“

Selbstverständlich stellt sich für alle jene, die die Hausoper gesehen haben, der Vergleich mit Weinbergs "Passagierin“ ein, denn beide Werke thematisieren den Holocaust, Krieg und Kriegstraumata. Während mich die „Passagierin“ unmittelbar angesprochen hat, wirkte „Jacob’s Room“ abstrahiert und hinterließ eine eher distanzierte Zustimmung.

"Jacob's Room" wurde auf der Werkstattbühne reduziert, doch gerade deshalb spektakulär inszeniert

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Außergewöhnlich ausdrucksstarke SolistInnen, allen voran Ruth Rosenfeld als Erzählerin

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