Donizettis Publikumsrenner „Der Liebestrank“ am Landestheater: Eine zauberhaft inszenierte Dreiecksgeschichte, veredelt durch wunderbaren Belcanto
Theaterintendant Alexander Kubelka gelingt auf Anhieb eine flotte, zuweilen aber auch nachdenkliche und in ihren Einfällen zauberhafte Inszenierung, in der sich sein junges, spielfreudiges Ensemble überaus wohl zu fühlen scheint und diese durch Belcanto vom Feinsten veredelt. Der junge venezolanische Shooting-Pult-Star Domingo Hindoyan lässt mit sicherem Gespür für waschechte Italianità das Ensemble zusammen mit einem glänzend disponierten Symphonieorchester Vorarlberg aufblühen und temperamentvoll auf Touren kommen. Benjamin Lack entlockt dem Bregenzer Festspielchor eine in diesen Dimensionen noch nie vernommene Stimmkraft und Ausstrahlung, und auch das Bühnenbild von Paul Lerchbaumer lässt in seiner Schlichtheit an klassischer Ästhetik nichts zu wünschen übrig.
Was will man mehr?
Diesmal ohne Premierenfieber
Nach der naturgemäß aufregenden Premiere vom Dienstag haben sich bei der zweiten Vorstellung am Donnerstag etliche Nervenkostüme der Mitwirkenden wieder geglättet. Kleingeistige Flachwurzler mögen beim ersten Mal noch Haare in der Suppe des temperamentvollen Dirigats entdeckt haben, wo es nach allgemeinem Bekunden gar nichts auszusetzen gab. Auch beim zweiten Mal ist nichts an Unebenheiten zu spüren, alles agiert hoch konzentriert und kompakt. Man hat den Eindruck, dass das penibel erarbeitete Stück wie ein perfektes Feuerwerk seine szenischen und musikalischen Pointen aus dem Bereich der unerschöpflichen Opera buffa genau zur rechten Zeit zündet.
Wie sehr man am Landestheater mit dieser Stückwahl zum generellen Saisonthema „Liebe“ im Trend liegt, zeigt ein Blick über unsere Region hinaus. Im Herbst 2010 brachte das Opernhaus Zürich Donizettis Publikumsrenner mit dem peruanischen Startenor Juan Diego Florézals Nemorino auf die Bühne, der seine berühmte Arie auf Drängen des total aus dem Häuschen geratenen Hauses komplett wiederholen musste (die Kultur berichtete damals). Tenor-Clown Rolando Villazón wiederum kehrt dieser Tage nach seiner veritablen Stimmkrise in ebendieser Rolle an die Wiener Staatsoper zurück und wird im Mai in Baden-Baden neben der Übernahme der Tenorpartie dieses Stück auch selbst inszenieren.
Regie ohne gequälte Zeitbezüge
Die schlichte Libretto-Vorlage des 1832 uraufgeführten Werkes bildet, wie oft in solchen Fällen, nichts weiter als ein Handlungsgerüst und damit Anlass für die Darbietung einer Reihe musikalischer Perlen, derentwegen man sich so etwas überhaupt anschaut. Kubelka unternimmt auch gar nicht den Versuch, der Geschichte durch psychologisierende Anspielungen eine tiefere Deutung zu geben, die sie gar nicht besitzt, oder gar aktuelle Bezüge einzubringen. Dafür koloriert er das Geschehen immer wieder höchst fantasievoll mit hübschen Einfällen wie riesigen Luftballons, in denen der „Liebestrank“ versteckt ist, oder mit weißen und schwarzen Vögeln als Symbol der Liebe und der Freiheit, deren Farbe die jeweilige Situation signalisiert. Entfernt erinnert das an Jean-Pierre Ponnelles legendäre „Zauberflöte“-Inszenierung in Zürich.
Leichtfüßige Dreiecksgeschichte
Kubelkas Protagonisten stehen nicht nur edel kostümiert an der Rampe, um schön zu singen, wie man das bei Belcanto-Opern immer wieder erlebt. Seine Personenregie ist straff und bewegungsreich, aber auch erfreulich analog zu musikalischen Abläufen. Am meisten spürt man seine Hand im verjüngten, viel beschäftigten Chor, der dem Abend in einer einfachen, aber wirkungsvollen Choreografie neben den außergewöhnlichen gesanglichen Leistungen auch ein spannendes Bewegungselement verleiht. Und die Handlung spielt bei Kubelka schließlich dort, wo sie entstanden ist und heute noch hingehört, im 19. Jahrhundert, wozu auch die Kostüme aus der Hand von Andrea Hölzl manch hübschen aktualisierten Farbtupfer beisteuern.
Dort matchen sich in dieser leichtfüßigen Dreiecksgeschichte der liebeskranke, aber schüchterne Bauer Nemorino und der flotte Sergeant Belcore um die Gunst der schönen und reichen Adina, die sich zunächst mehr Letzterem verbunden fühlt. So lange, bis der Quacksalber Dulcamara mit seinem geheimnisvollen Liebestrank auftaucht, der freilich erst dann seine Wirkung voll entfaltet, als bekannt wird, dass Nemorino eine reiche Erbschaft gemacht hat.
Berühmte, aber gefürchtete Paraderolle für den Tenor
Strahlender Mittelpunkt dieser Aufführung ist die fantastische französische Sopranistin Clémence Tilquin, eine Adina wie aus dem Bilderbuch, erfreulich als attraktive Bühnenerscheinung ebenso wie mit ihren spielerischen und sängerischen Qualitäten in schönen Kantilenen und mit unglaublicher Leichtigkeit bewältigten, blitzsauberen Koloraturen. Ihr Partner Nemorino ist seit Generationen eine der begehrtesten, aber auch gefürchtetsten Partien aller großen Tenöre. Dass der Italiener Giulio Pelligra in dieser Paraderolle die längst zum Schmachtfetzen degradierte Arie „Una furtiva lagrima“ in Bregenz ausgerechnet in einer als Liebesnest adaptierten Baumkrone zu singen hat, bedeutet für den von Höhenangst Geplagten doppelte Qual.
Für den Zuhörer ist eher die Tatsache unangenehm, dass Pelligra in seiner Erscheinung, aber auch in seinen stimmlichen Möglichkeiten nicht an Adina herankommt. Er besitzt zwar eine schöne Mittellage mit ordentlich italienischem Schmelz und schönem Timbre, die bei solchen Gelegenheiten erwarteten strahlenden Höhenflüge dagegen bleiben aus, unter diesen Umständen auch die Forderung nach einem Dacapo der Arie wie in Zürich. Der Engländer George Humphreys als Nebenbuhler Belcore bietet vor allem schauspielerisch exzellent die köstliche Studie eines aufgeblasenen Offiziers, der Italiener Marco Sisticò hat als Scharlatan Dulcamara die Lacher stets auf seiner Seite, ein Bassbuffo mit berückenden Parlando-Qualitäten. Die heimische Sopranistin Susanne Großsteiner als Gianetta bringt sich mit ihrer komödiantischen Ader und überzeugend heller Stimmintensität toll ins Ensemble ein.
Dirigent gibt dem Affen Zucker
Im Orchestergraben gibt Domingo Hindoyan, bereits als Assistent von Kalibern wie Claudio Abbado und Daniel Barenboim gestählt, mit jugendlich-südamerikanischem Ungestüm dem Affen Zucker, animiert seine Leute auf der Bühne und im Orchestergraben mit größter Genauigkeit in den Einsätzen zu oftmals sehr flotten „Con brio“-Tempi, die jedoch nie überzogen wirken und auch stets die rechte Balance in der Lautstärke wahren. Daneben findet er in lyrischen Passagen aber auch zu eloquenter Ausdrucksvielfalt, Ausgewogenheit und klanglicher Schönheit für sein Ensemble. Man sollte den jungen Mann, der mit Vornamen übersetzt „Sonntag“ heißt, für zukünftige Produktionen nicht aus den Augen lassen. Das SOV selbst verfügt ja mit den bereits hier aufgeführten Opern „Don Pasquale“ (2003) und „Lucia di Lammermoor“ (2010) über reichlich Donizetti-Erfahrung, die den Musikern jetzt zugutekommt.
Wie nach der Premiere hat das Publikum auch in der zweiten Vorstellung seinen Spaß an der lustigen Geschichte, genießt die schöne Musik und zeigt sich am Schluss geradezu demonstrativ begeistert. Zu Recht. Denn das ist einfach Oper zum Wohlfühlen – in Summe ein überaus gelungener, über weite Strecken sogar deutlich über dem zu erwartenden Niveau einer österreichischen Provinzbühne angesiedelter „Liebestrank“, den man nicht versäumen sollte.
Weitere Aufführungen:
Sonntag, 19.2. / Dienstag, 21.2. / Donnerstag, 23.2. / Samstag, 25.2. / Montag, 27.2. und Mittwoch, 29.2. sowie Freitag, 2.3., jeweils 19.30 Uhr, und am Sonntag, 4.3., 16.00 Uhr, im Theater am Kornmarkt in Bregenz.
