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04.11.2021 |  Peter Niedermair

Das evolutionäre Erfolgsticket des Menschen: Kooperation und Intelligenz

„Die Zukunft wird der Menschheit Veränderungen abfordern. Welchen Weg in die Welt von morgen wollen wir gehen? Egoistische Strategien stehen gegen Gemeinsinn. Das neue Buch von Joachim Bauer ermöglicht einen faszinierenden Einblick in das Gebiet der ‚Social Genomics‘-Forschung. Der renommierte Arzt und Neurowissenschaftler zeigt: Unsere Gene sind keine Egoisten. Sie kommunizieren und kooperieren. Sie reagieren auf Umwelteinflüsse und auf unseren Lebensstil“, so lautet der Klappentext des neuen Buches: "Gene und ‚gutes Leben‘: Wofür der Mensch gemacht ist". Univ. Prof. Dr. Joachim Bauer spricht morgen, am Freitag (5.11.) um 19:30 Uhr in der AK Feldkirch über "Das empathische Gen". Peter Niedermair hat für die KULTUR bereits vorab mit dem renommierten Arzt und Neurowissenschaftler ein Gespräch über Gesundheit, Lebenssinn und Empathie geführt.

Der Körper belohnt Empathie mit Gesundheit: Unsere Einstellung gegenüber dem Leben beeinflusst die Gene. Ergebnisse aus dem noch jungen Gebiet der „Social Genomics“-Forschung zeigen: Eine aus freiem Entschluss gewählte innere Haltung, die auf ein Sinn-geleitetes, empathisches Leben ausgerichtet ist, begünstigt Genaktivitäten, die unserer Gesundheit dienen. Demgegenüber aktiviert eine egoistische, nur auf den eigenen Vorteil gerichtete Lebensweise Gene, die das Risiko für Herz-Kreislauf-, Krebs- und Demenzerkrankungen erhöhen. Bei Menschen, die sich sozial engagieren, werden gesundheitsschädliche Risikogene deaktiviert. Joachim Bauer hat selbst über diese Gene geforscht. Sein Buch ist ein Paukenschlag: Es zeigt, dass unser Körper eine empathische Lebensweise mit Gesundheit belohnt! Wenn die Bestimmung des Menschen darin liegt, ein prosoziales Leben zu führen und sich empathisch zu verhalten, dann ergibt sich daraus auch eine Antwort auf die große Frage, wie wir als Gesellschaft in die Welt von morgen gehen wollen. Gemeinsinn steht gegen egoistische Strategien. Für den renommierten Arzt und Neurowissenschaftler Bauer lautet die Erkenntnis: Das Wichtigste ist, dass wir unserem Leben einen Sinn geben, indem wir für andere und für die Gesellschaft etwas tun. Unsere Gene sind keine Egoisten, denn sie kommunizieren und kooperieren. Dieses Faktum sollte auch der Gesellschaft den Weg weisen. Bauers neues Buch formuliert eine hoffnungsvolle Perspektive für einen Aufbruch in die Zukunft - für jeden Einzelnen sowie für die Gesellschaft als Ganzes. Universitätsprofessor Joachim Bauer ist Arzt, Neurowissenschaftler und Psychotherapeut. Für seine neurowissenschaftliche Forschung wurde er von der Deutschen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie mit dem Organon- Forschungspreis ausgezeichnet.

„Das empathische Gen“

Peter Niedermair: Herr Prof. Bauer, Ihr im Oktober bei Herder erschienenes neues Buch beginnt mit der Frage, wofür wir gemacht sind, für gutes soziales Zusammenleben oder für Egoismus. Sie postulieren, dass Ersteres der Fall ist und stellen damit einen hoffnungsvollen Aufbruch in Aussicht. Worauf gründen Sie Ihren Optimismus?
Joachim Bauer: Ob wir Grund zum Optimismus haben, hängt nicht von mir, sondern davon ab, welche Grundhaltung wir Menschen gegenüber unseren Mitmenschen einnehmen. Ob wir eine egoistische, nur auf das eigene Wohlergehen fokussierte Strategie verfolgen, oder uns um eine Grundhaltung bemühen, die nicht nur unser eigenes Befinden, sondern auch das Wohl unserer Mitmenschen und der Gesellschaft im Blick hat. In meinem neuen Buch „Das empathische Gen“ zeige ich, dass sich Gemeinsinn positiv auf die Aktivität unserer Gene auswirkt.
Peter Niedermair: Wie kann es gelingen, gesellschaftlich unserem Leben mehr Sinn zu geben?
Joachim Bauer: Lebenssinn ergibt aus den zwischenmenschlichen Beziehungen, die uns mit anderen Menschen verbinden. Es war der große Arzt und Psychotherapeut Viktor Frankl, der diesen Zusammenhang als erster besonders deutlich erkannte. Eine nur auf den eigenen Vorteil gerichtete Lebensweise mag sich zwar vorübergehend etwas bequemer oder genüsslicher anfühlen, endet irgendwann aber in der sozialen Isolierung und in einem Gefühl von Sinnlosigkeit. Etwas für andere oder für die Gesellschaft zu tun, verleiht dem eigenen Leben Sinn.

Wie finden soziale Erfahrungen den Weg zu den Genen?

Peter Niedermair: Sie sagen, dass ein solches Bemühen um ein sinngeleitetes Leben sich auf die Aktivität gesundheitsrelevanter Gene auswirkt. Wie finden soziale Erfahrungen den Weg zu den Genen?
Joachim Bauer: Innere Grundhaltungen, nach denen wir unser Leben ausrichten, haben ihren Sitz in den sogenannten „Selbst-Netzwerken“, also im Stirnhirn. Die Selbst-Netzwerke haben ihren Sitz in einer Hirnregion hinter dem roten Bindi-Punkt, den manche indische Frauen zwischen den Augenbrauen tragen. Alles was uns von Herzen wichtig ist und für was wir stehen, ist hier gespeichert. Von diesen Netzwerken ziehen top-down Nervenbahnen zu tiefer sitzenden Hirnregionen, die dann ihrerseits alle wichtigen Vorgänge im Körper steuern – bis hinab zu den Genen, die ihren Sitz im Zellkern unserer Körperzellen haben.
Peter Niedermair: Sie schreiben, dass die inneren Grundüberzeugungen, nach denen wir leben, Einfluss auf die Aktivität der sogenannten „Risikogene“ haben. Worum handelt es sich bei diesen Risikogenen?
Joachim Bauer: Risikogene sind Gene, die dann, wenn sie aktiviert werden, im Körper einen schleichenden Entzündungsprozess in Gang setzen. Solche sozusagen still und leise ablaufenden Entzündungsprozesse sind gefährlich, denn sie begünstigen Herzinfarkte, Schlaganfälle und Krebserkrankungen. Neueste Forschungsergebnisse zeigen: Schleichende Entzündungsprozesse werden nicht nur durch ungesunde Ernährung, Tabak, Alkohol und mangelnde Bewegung ausgelöst, sondern auch durch eine egoistische, nur auf das eigene Wohlergehen ausgerichtete innere Grundeinstellung.
Peter Niedermair: Was ist „das empathische Gen“?
Joachim Bauer: Mit dem Buchtitel „Das empathische Gen“ wollte ich ausdrücken, dass unsere Gene eine prosoziale Lebensweise begünstigen und mit Gesundheit belohnen. Anders als der Buchautor Richard Dawkins, der nie selbst an Genen geforscht hat, behauptet hat, sind unsere Gene nicht „egoistisch“. Im Gegenteil. In meinem Buch zeige ich: Gene sind Kooperatoren und Kommunikatoren. Sie begünstigen eine humanistische, auf gutes soziales Einvernehmen gerichtete Lebensweise.
Peter Niedermair: Welche Rolle spielt der freie Wille?
Joachim Bauer: Freiheit und Freiwilligkeit sind von entscheidender Bedeutung. Eine sinngeleitete, prosoziale Lebenseinstellung kann man nicht verordnen oder befehlen. Es macht auch keinen Sinn, sich selbst dazu zwingen zu wollen. Entscheidend ist, dass wir in uns eine tiefe Liebe zu einem „guten“ Leben entdecken, zu einem Leben, in dem es nicht nur uns gut geht, sondern auch den uns umgebenden Menschen.

Soziale Verbundenheit als Grundmotivation

Peter Niedermair: Immer wieder betonen Sie bereits seit mehreren Jahren die Bedeutung der sozialen Verbundenheit als Grundmotivation im Leben.
Joachim Bauer: Menschen können auf Dauer ohne soziale Verbundenheit nicht leben. Die sogenannten Motivationssysteme des menschlichen Gehirns, deren Botenstoffe in uns Lebensfreude wecken, werden nur dann aktiv, wenn wir in hinreichend guten zwischenmenschlichen Beziehung stehen. Soziale Isolation führt zum Erlahmen der Lebensgeister, zu Depression und am Ende zum Tod.
Peter Niedermair: Welche Rolle spielt dabei Empathie?
Joachim Bauer: Empathie ist die Fähigkeit, sich in andere Menschen einfühlen und sich in andere hineindenken zu können. Zur wahren Empathie gehört außerdem auch die Bereitschaft, für Mitmenschen, denen ich mein Mitgefühl schenke, auch etwas zu tun. Empathie ist sozusagen der Stoff, aus dem gute zwischenmenschliche Beziehungen gemacht sind. Das menschliche Gehirn ist mit neuronalen Systemen ausgestattet, die es uns ermöglichen, zu fühlen, was andere fühlen und sich in andere Menschen hineinzudenken.
Peter Niedermair: Haben Empathie, Humanität und „gutes Leben“ eine Zukunft? Welchen Ausblick geben Sie?
Joachim Bauer: Hier schließt sich der Kreis zum Beginn unseres Gesprächs: Welcher Zukunft wir entgegengehen, hängt von uns ab. Wer egoistische Strategien verfolgt, fährt am Ende gegen eine Wand. Das gilt sowohl für einzelne Menschen als auch für Staaten als auch für die Weltgemeinschaft. Das evolutionäre Erfolgsticket des Menschen war Kooperation und Intelligenz. Beides hängt zusammen. Dahinter sollten wir nicht zurückfallen.
Peter Niedermair: Herr Prof. Bauer, danke für das Gespräch!

Vortrag: "Das empathische Gen" von Univ. Prof. Dr. Joachim Bauer
Fr, 5.11., 19:30 Uhr, AK Feldkirch

Joachim Bauer ist Professor an der Universität Freiburg, Gastprofessor an der International Psychoanalytic University (IPU) Berlin und Autor zahlreicher Bestseller. Joachim Bauer „Das empathische Gen. Humanität, das Gute und die Bestimmung des Menschen.“ Gebunden mit Schutzumschlag, 208 Seiten, 20,60 € ISBN 978-3-451-03348-3; Freiburg, Herder 2021

Univ. Prof. Dr. Joachim Bauer: "Unsere Gene begünstigen eine prosoziale Lebensweise und belohnen uns mit Gesundheit"

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