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25.04.2015 |  Karlheinz Pichler

Als die japanische Welle auf Europas Künstler überschwappte - „Inspiration Japan“ im Kunsthaus Zürich

Als sich Japan nach einer 200-jährigen, selbstauferlegten Isolation im Jahre 1854 wieder nach außen hin öffnete, löste dies in der westlichen Welt, vor allem in Frankreich, eine regelrechte Japan-Euphorie aus. Diese wurde von den Weltausstellungen, insbesondere denjenigen von Wien (1873) und Paris (1878), mit einer großen Fülle an begehrten Importwaren aus Japan angetrieben. Die Ausstellung „Inspiration Japan“ im Kunsthaus Zürich unternimmt den ambitionierten Versuch, den damaligen Einflüssen der japanischen Kunst auf Monet, Gauguin, van Gogh und Co nachzuspüren.

Anlass für die radikale Abschottung der Japaner war die Furcht der damaligen Machthaber vor der Christianisierung Japans und einem Verlust japanischer Werte und Traditionen. Seit nämlich 1543 die ersten Seefahrer japanischen Boden betraten, interessierten sich nach und nach auch Spanier, Engländer und Niederländer für Japan, und das Land veränderte sich enorm. Nach der Ausweisung der letzten Ausländer 1641 durfte niemand mehr das Land betreten und kein Japaner es verlassen. Als sich das Land schließlich 1854 wieder dem Westen zuwandte, entstand ein riesiger Ansturm ohnegleichen auf japanische Kultur, Traditionen und Kunstgegenstände. Das Phänomen „Japonismus“ war geboren und infizierte auch viele Künstler wie Claude Monet, Edgar Dégas, Vincent van Gogh oder Paul Gauguin. Sie alle wollten mehr über japanische Kunst erfahren und waren fasziniert von Stil, Farben, Bildmotiven sowie der Gestaltung japanischer Bilder, Keramik und Skulpturen. Japans Kultur beeinflusste viele Künstler in Farbgestaltung, Themenwahl und Technik, wie die Ausstellung im Kunsthaus Zürich belegt.

Erstmals seit mehr als 25 Jahren – 1993 zeigte der Berliner Martin-Gropius-Bau die Verflechtungen zwischen der japanischen und der europäischen Kunst seit der Öffnung Japans Mitte des 19. Jahrhunderts, mehr noch zwischen der japanischen und europäischen Art, auf die Welt zu blicken - widmet nun das Kunsthaus Zürich dem unter dem Begriff „Japonismus“ bekannten Phänomen wieder eine umfassende Ausstellung. Den Fokus legen die Ausstellungsmacher dabei auf den Zeitraum von 1860 bis 1910, ergo auf die Anfangs- und Hochphase der Rezeption japanischer Kunst in Frankreich.

Japonismus löst Euphorie aus


Die Begeisterung für alles Japanische zeigt sich in vielerlei Hinsicht. Monet, Gauguin und ihre Kollegenschaft stellten importierte Kunst und Gebrauchsgegenstände in ihren eigenen Werken dar, übernahmen japanische Bildsujets und, was noch weit folgenreicher war, verinnerlichten die Bildsprache des japanischen Holzschnitts. Gerade diese Aneignung, in Verbindung mit der eigenen Bildtradition, führte sie zu einem schöpferischen Prozess, aus dem sich vielfältige Ausdrucksformen entwickelten, die weit ins 20. Jahrhundert nachwirkten.

Monets Seerosenbilder folgen dem japanischen Blick


Pablo Picassos Interesse galt etwa den erotischen „Shunga“. Sie werden nun in Zürich in einem kleinen Lust-Kabinett seinen eigenen erotischen Blättern aus der Serie „Raffael und die Fornarina“ gegenübergestellt. Degas wiederum entdeckte bei den Japaner das Sujet „Frauen bei der Toilette“, Courbet und Rivière wandten sich der seriellen Darstellung eines Motivs zu. Van Gogh gestaltete den Hintergrund von „Bildnis Père Tanguy“ mit japanischen Figuren, bildet in „Japonaiserie“ farbenprächtig eine Geisha ab, und sein berühmtes Bild „Der Sämann“ ist mit seinem ins Bild wachsenden Baum nach dem Kompositionsprinzip japanischer Druckgrafik aufgebaut.

Ohne Japonismus gäbe es wohl auch keine Seerosenbilder von Monet. Nicht nur ließ der französische Impressionist seinen Garten im französischen Giverny nach japanischem Vorbild anlegen, auch seine meisterhaften Seerosenbilder, in die man mangels Horizont geradezu hineintauchen kann, sind dem japanischen Blick auf die Natur entlehnt.

Die Zürcher Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit dem Museum Folkwang Essen entwickelt wurde, zeigt über 300 hochkarätige Exponate. Neben Gemälden umfasst sie eine repräsentative Auswahl an japanischen Holzschnitten von Hokusai, Hiroshige, Utamaro u. a., die zum Teil aus Künstlersammlungen jener Zeit stammen. Ebenso werden japanische Kunstgegenstände solchen aus Europa gegenübergestellt. Anhand zahlreicher Kunstplakate und Fotografien können Interessierte einen Eindruck gewinnen, welches Bild man im Europa der 1860er-Jahre und später von Japan und seiner Kultur hatte.

 

Inspiration Japan
Kunsthaus Zürich
Bis 25.5.2015
Di/Fr–So 10–18, Mi/Do 10–20
www.kunsthaus.ch

 Hokusai: Die große Welle vor der Küste von Kanagawa

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Henry Matisse: Japanerin am Ufer, 1905

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Vincent van Gogh: Les bateaux amarrés

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Picasso interessierte sich für erotische Shunga-Darstellungen, die im Kunsthaus Zürich in einem "Separee" gezeigt werden (alle Fotos: Kunsthaus Zürich/ ProLitteris)

Picasso interessierte sich für erotische Shunga-Darstellungen, die im Kunsthaus Zürich in einem "Separee" gezeigt werden (alle Fotos: Kunsthaus Zürich/ ProLitteris)

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