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09.03.2022 |  Claudia Niedermair

Blickwechsel: Mütter und Väter erzählen - Videostationen über inklusive Lebenswege von Menschen mit Behinderungen

Der Verein Integration Vorarlberg setzt sich seit mehr als dreißig Jahren für die Integration und Inklusion von Menschen mit Behinderung ein. Ein wichtiges Anliegen des Vereines ist es, die Gesellschaft für das Thema zu sensibilisieren, Unsicherheiten und Ängste durch Sichtbarkeit und Begegnung abzubauen und nicht zuletzt auf die Rechte von Menschen mit Behinderung aufmerksam zu machen. Die Ausstellung, die bereits letzten Juni anlässlich des 30 Jahre Jubiläums des Vereins im WirkRaum der Caritas, Dornbirn zu sehen war (siehe Print-Ausgabe der KULTUR im Juni 2021), kommt jetzt bis Anfang Mai ins Frauenmuseum Hittisau. Mütter und Väter von Integration Vorarlberg erzählen von integrativen und inklusiven Lebenswegen für ihre Kinder mit Behinderung – vom Gelingen und Scheitern, von Freuden und Sorgen, von Stützen und Stolpersteinen, vom ganz normalen Wahnsinn des Alltags von Familien mit Kindern mit Beeinträchtigungen.

Im Zentrum der Ausstellung stehen fünf Video-Stationen. Die Pionierinnen von Integration Vorarlberg (IV) geben Einblicke in ihr Leben als Familie mit einem Kind mit Behinderung und ihre inklusiven Lebenswege. Auch Mütter jüngerer Kinder, alle im Vereinsvorstand, erzählen von ihren Erfahrungen. Ist der inklusive Weg selbstverständlicher, leichter geworden? Wieviel Mut braucht es heute für den inklusiven Weg? Von emotionalen Achterbahnfahrten bei der Diagnose, von berührenden Begegnungen und Glücksmomenten, vom Familienalltag – dem ganz normalen Wahnsinn, von Geschwister-Banden, von großartigen Stützen auf dem inklusiven Weg, von Verletzungen und auch von Scheitern wird erzählt. Hanno Mackowitz, bekannt für seine einfühlsame Art im Umgang mit Protagonisten, war weit mehr als nur Filmer und Produzent der Video-Beiträge. Luka Jana Bechtold, Kuratorin, ist eine zweite Stütze. Ihr klares Eintreten für die Anliegen der Inklusion hat die Eltern von IV bestärkt, ihre Erfahrungen zu teilen, dadurch andere Eltern zu ermutigen und die Öffentlichkeit zu sensibilisieren.

Diagnose – und plötzlich war alles anders …

ist der Titel einer der Video-Stationen. Sehr offen berichten die Eltern über den Umgang mit der Diagnose. Das Spektrum reicht von tiefem Schock bis hin zu Erleichterung, endlich einen Namen für das Ungewisse, die Ahnung zu haben. Von Trauerarbeit ebenso wie vom langsamen Hineinwachsen in die neue Lebensrealität ist die Rede. Vom Druck und der Sorge, nur ja keine Therapie zu versäumen, bis hin zur Einsicht, dass jede Entwicklung Zeit braucht und sich Entwicklungsschritte manchmal genau dann zeigten, wenn „Förderpausen“ eingelegt wurden und das Kind einfach SEIN durfte. Vom wachsenden Vertrauen in das Potenzial des Kindes und von unerwarteten Entwicklungen durch Anregungen anderer Kinder und einer Art Gelassenheit, weniger in die Zukunft zu planen, sondern sich den Herausforderungen zu stellen, wenn sie auftauchen. Aber auch von verstörender Ignoranz von Fachpersonen bei der Diagnoseübermittlung – hier müssen noch viele Hürden abgetragen werden, auch heute noch.

 „Wenn Glück einen Namen hätte, hieße es Eva und Anna“

Der inklusive Weg beginnt mit der Anmeldung in die Spielgruppe oder den Kindergarten. Elementarpädagog:innen sind damit die erste Schnittstelle zur gesellschaftlichen Teilhabe. Für Eltern ist dieser Schritt zwiespältig, verknüpft mit der Hoffnung auf Entlastung, aber auch mit Unsicherheit und Ängsten. „Wenn Glück einen Namen hätte, hieße es Eva und Anna“, sagt eine Mutter im Interview. Für diese beiden Pädagog:innen war die Aufnahme ihres Kindes mit hohem Unterstützungsbedarf völlig selbstverständlich. Wer jedoch glaubt, das wäre heute die Regel, der irrt. Noch immer erleben Eltern Zurückweisungen mit ähnlichen Argumenten wie vor 30 Jahren, aber auch herzliches Willkommen-Sein, abhängig von einzelnen Personen und Einrichtungen. Diese Ambivalenz spiegelt sich in allen Stationen des inklusiven Wegs.

Inklusion in einem selektiven Bildungssystem

Die UN-Behindertenrechtskonvention hat nichts daran geändert, dass die österreichische Schule strukturell enorm auf Selektion ausgerichtet ist und damit den Vorstellungen einer inklusiven Schule mit Fokus auf die Potenzialentwicklung ALLER Kinder diametral widerspricht. Das türkise Bildungsministerium hat diese Tendenz verstärkt, nicht verringert. Lehrer:innenmangel allgemein, fehlende Fachkompetenz im Bereich Behinderung, kaum Ansätze zu multiprofessioneller Zusammenarbeit und insgesamt zu wenig Ressourcen … das betrifft alle Schultypen! Und trotzdem: Innerhalb dieser widrigen Strukturen gelang und gelingt es von Inklusion überzeugten Lehrpersonen, Schulen und Gemeinden, mit viel Engagement gemeinsames Lernen aller zu ermöglichen. „Er/sie ist immer gerne in die Schule gegangen.“ So ähnlich klingen die Aussagen aller Interviewten, nicht euphorisch, normal eben, mit Auf und Ab‘s … wie vermutlich bei fast allen Kindern. Die Ernte: soziales Eingebunden-Sein an dem Ort, wo die Familie lebt, auch als junge Erwachsene. „S. kennt alle, alle kennen S.“ Dieses soziale Netz ist der Humus der Inklusion – hilfreich für das Entwickeln integrativer Arbeitsplätze und Einbinden in Freizeitaktivitäten. Der Weg ist wohl ein wenig leichter geworden, selbstverständlich und frei von Hindernissen und Verletzungen ist er noch lange nicht. Es braucht noch immer Mut und vor allem Vertrauen in das Kind sowie die Wegbegleiter:innen, die Ungewissheit des Wegs auf sich zu nehmen.

Persönliches Budget als vorrangiges Ziel

Inklusion ist heute kein Fremdwort mehr, findet breite Zustimmung und dient als Etikett für vieles. Inklusion bedeutet vollständige, uneingeschränkte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und Lernen, allerorts und jederzeit – mit der notwendigen Unterstützung. Auch wenn Sonderschulen, Werkstätten und Wohnhäuser für Menschen mit Behinderungen wertvolle Arbeit leisten, inklusiv sind sie deswegen nicht. Laut Evaluierungsbericht zur Umsetzung der UN-BRK 2012 - 2020 stieg zwar das öffentliche Bewusstsein für die Rechte von Menschen mit Behinderungen, mit wenig Auswirkungen auf deren Lebensrealität als ernüchterndem Befund. Und dennoch ist auch ein wenig Optimismus angebracht: SPAGAT-Arbeitsplätze wurden zum Erfolgsmodell, einzelne Freizeitangebote werden explizit inklusiv, neue Wohnformen sind im Entstehen. Die richtungsweisenden gesetzlichen Meilensteine finden sich jedoch in der Dekade von 1990 bis ca 2000.[i] Eine echte strukturelle Veränderung erhofft sich Integration Vorarlberg durch die Einführung eines persönlichen Budgets: Anstelle der traditionellen Sach- und Dienstleistungen bei großen Trägern (Lebenshilfe, Caritas, ifs u.a.) erhalten Menschen mit Behinderungen eine Geldleistung. Damit entscheiden sie selbst bzw. gemeinsam mit ihren Erwachsenenvertretern, wann und in welchem Umfang welche Dienstleistung und Unterstützung in Anspruch genommen werden soll. Diese Umsteuerung des Systems ist hoch komplex, erfordert vor allem politischen Willen und das Bekenntnis zu echter Inklusion.
Das 30 Jahre Jubiläum von IV im Jahr 2021 markierte auch einen Generationenwechsel: Die Pionier:innen traten in den Hintergrund, Nicole Klocker-Manser mit einem Team junger Eltern setzt sich weiterhin für den inklusiven Weg hier in Vorarlberg ein. Und: Inklusion machen nicht andere, sondern jede:r ist ein stückweit dafür verantwortlich.

[i] Evaluierung des Nationalen Aktionsplans 2012 – 2020, Universität Wien im Auftrag des BM für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz, Wien 2020

Blickwechsel: Mütter und Väter erzählen
12.3. - 1.5.22
Di - So 10 - 17 Uhr
Eröffnung: 12.3., 17 Uhr
mit Musik vom Duo „Sunny Side Up“
Frauenmuseum, Hittisau

www.frauenmuseum.at
www.integration-vorarlberg.at

Das soziale Netz ist der Humus der Inklusion, hilfreich für das Entwickeln integrativer Arbeitsplätze und Einbinden in Freizeitaktivitäten.

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