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22.10.2019 |  Karlheinz Pichler

Der Swimmingpool als Konzentrat für Assoziationen und Bruchlinien - Zur Ausstellung „Splash Back“ in der Bregenzer Galerie Lisi Hämmerle

In der aktuellen Ausstellung „Splash Back“ in der Bregenzer Galerie Lisi Hämmerle widmen sich fünf Kunstschaffende dem Phänomen des Swimmingpools, der in der Nachkriegszeit dereinst für Verheißung, Freiheit und Hoffnung stand, im Laufe der Zeit aber auch zu einem Symbol des Brüchigen, für Verlusterfahrung und Niedergang wurde.

Seit jeher gilt der Swimmingpool als coolste Immobilie überhaupt. Wobei es heute natürlich die Infinity-Variante sein muss, also das anscheinend randlose Becken. Der Pool ist auch Sinnbildträger. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand er für den Anbruch eines neuen Zeitalters, für Optimismus, für Freiheit, für den Traum von einem besseren Leben. Zwar sind diese Idealbilder im Laufe der Zeit verblasst und brüchig geworden. Aber Reste davon blieben erhalten, bis heute. Vor allem in Kalifornien. Dort wurden in den 1940er bis 1960er Jahren Zehntausende Pools errichtet, die in Anbetracht des vorherrschenden Wüstenklimas nicht nur Abkühlung, sondern auch die Bewunderung der Nachbarn versprachen. Die blauen Gebilde entwickelten sich in den expandierenden Städten zu privaten Oasen, wo man sich zum Plaudern, Spielen und so nebenbei auch zum Schwimmen traf. Architekten wie der aus Österreich stammende Richard Neutra oder E. Stewart Williams entwarfen neben exklusiven Villen aus Stahl und Glas ebenso spektakuläre Swimmingpools. Frank Sinatra beispielsweise ließ in seinem Anwesen „Twin Palms“ von Williams ein Becken in der Form eines Konzertfügels in den Rasen stechen. Der Filmmagnat Jack Werner wiederum ließ 1958 ein griechisch anmutendes Bad in Olympiagröße bauen. Dem Boom folgte aber bald auch die Ernüchterung. Der Vietnam-Krieg, die Rassenunruhen und beginnende Umweltprobleme hielten der Leichtigkeit des Pools die Schwere von Hemmschuhen entgegen.       
Als der britische Maler David Hockney von 1964 und 1971 seinen Wohnsitz nach Kalifornien verlegte, malte er mehrere Bilder mit Swimmingpools. Das dritte und letzte der „Splash“-Serie, „A Bigger Splash“, malte Hockney zwischen April und Juni 1967, als er einen Lehrauftrag in Berkley hatte. Dargestellt wird der Platscher, den ein Schwimmer beim Sprung ins Wasser verursacht, der Schwimmer selbst bleibt unsichtbar. Das Werk gilt als Metapher der Ambivalenz. Es steht sowohl für den Wohlstand und den „amerikanischen Traum“, als auch für das Scheitern der gesellschaftlichen Visionen.      

Neubewertung der Nachkriegsmoderne      

Auf dieses Werk Hockneys referenziert denn auch die Ausstellung „Splash Back“ in der Galerie Lisi Hämmerle, die in Kooperation mit der Berliner Laura Mars Gallery durchgeführt wird. Am Phänomen des Swimmingpools arbeiten die involvierten KünstlerInnen Bettina Allamoda, Alekos Hofstetter, Richard Schmalöer, Christine Weber sowie Ina Weber die Frage nach der Relevanz der Nachkriegsmoderne und ihrer Architektur vor dem Horizont ihres Fortschreitenden Verschwindens aus unser Umwelt ab. Alekos Hofstetter hält für die Partizipierenden fest: „Der Swimmingpool wird von den teilnehmenden Künstlern als assoziatives Sammelbecken, als 'Pool der Differenzen' genutzt. Und somit wird die Vielschichtigkeit, Versprengtheit, Diskontinuität und Brüchigkeit des Begriffs der Moderne zum Thema für die Kunst.“ Hofstetter, der zusammen mit Christian Steuer und Daniel H. die Künstergruppe „Nurr“ gegründet hat, ist in „Splash Back“ selber mit Zeichnungen vertreten, in denen die mit Permanent-Marker angerissenen großen Pools mit ihren Überbauten wie monumentale Skulpturen oder utopische Kultstätten daher kommen. Die im Werkzyklus „Tannhäuser Tor“ geschaffene Bildwelt mit ihren Um- und Neubauten „hat nichts mit brutalistischer Nostalgie gemein. Die in den Zeichnungen oft durchgeführte fantastische Verpflanzung von modernistischen Bauten in abstrakte Zusammenhänge konstruiert eine neue Distanz und ermöglicht dem Betrachter eine Neubewertung der Nachkriegsmoderne durch Rekontextualisierung,“ ist einem Begleittext zur Ausstellung zu entnehmen.      

Schwimmen in Geld      

Der Architekt und Stadtplaner Richard Schmalöer beschäftigt sich seit den 1990er Jahren mit der Typologie privater Hallenbäder. Gemeinsam mit den Fotografen Ralf Dördelmann, Angela Elbing, Chiara Nardini, Detlef Podehl, Christoph Scholz sowie Stefan Schwabe hat er unzählige, heute größtenteils nicht mehr existierende Schwimmbäder der 1950er bis 1970er Jahre exemplarisch erfasst und entsprechend dokumentiert. Im Rahmen der Publikation „Schwimmen in Geld – private Hallenbäder des deutschen Wirtschaftswunders“ hat er diese Pools der Öffentlichkeit visuell zugänglich gemacht. Trotz der Schönheit der Bilder und Motive ist den Schwimmhallen bereits ihr Verfall und Niedergang eingeschrieben.
Die Pool-Darstellungen von Christine Weber betiteln sich mit „foamed“ (geschäumt), „not drunk“ oder „heaven“, und sie bezieht sich mit diesen Arbeiten auf die Darstellung von Modernität in Filmen. Indem sie die Filminhalte gemalter Szenen reduziert und abstrahiert, evoziert sie im Betrachter zwar Erinnerung, verweist aber gleichzeitig auch darauf, dass Erinnerung immer auch Erfindung und damit ein schöpferischer Prozess ist.
Etwas aus der Reihe fällt die Künstlerin Bettina Allamoda. Denn ihre Drapierungen von Lycra und PVC-Glitzernetzen in den in Bregenz zur Schau gestellten Werken „Truppenbetreuung, 2010“ und „Truppenbetreuung 2, 2011“ weisen keine direkte Affinität zum Inhaltsgegenstand „Pool“ auf, außer man will in den türkisen Faltenwürfen das Blau des Wassers und den Schlag der Wellen erkennen. Dessenungeachtet bilden Oberflächenstrukturen populärer kultureller Phänomene wie Mode, Kunst und Architektur sowie den Materialien innewohnende Spannungsverhältnisse – Stichwort dehnen und stretchen  wichtige Werkaspekte bei der 1964 in Chicago geborenen und heute in Berlin lebenden Künstlerin.      


Neutra-Pool im Kleinformat      

Ina Weber letztlich setzt sich im Zuge ihres Schaffens immer wieder mit urbanen Architekturzeugnissen auseinander, die einst Aufbruch und Fortschritt suggerierten. Zeichenhaften Bauteilen einer einst von Hoffnung getragenen Gesellschaft setzt sie skulpturale Denkmäler aus armiertem Beton. Ihre vier Schwimm-Startblöcke in der Galerie verleiten dazu, symbolisch in die Ausstellung einzutauchen, mit dem Neutra-Pool aus Beton erinnert sie an den legendären Pool-Planer Richard Neutra.      
Womit wir wieder in Kalifornien wären, wo sich zwar die Leute vom Pool als Sinnbild des „good life“ längst verabschiedet haben, aber der Pool weiterhin als Statussymbol dient. Gemäß einer Statistik der American Water Works Association gibt es im „Golden State“ immerhin noch immer fast 800.000 Becken, die auch riesige Heere von Pool-Reinigern täglich mit Arbeit versorgen.      

Splash Back: Bettina Allamoda, Alekos Hofstetter, Richard Schmalöer, Christine Weber, Ina Weber
bis 10.11.
Mi-Fr 15-19, Sa 11-14
Galerie Lisi Hämmerle, Bregenz
www.galerie-lisihaemmerle.at





Christine Weber: Heaven, 2019, Öl auf Leinwand (Fotos: Karlheinz Pichler)

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Alekos Hofstetter: Kein Trinkwasser, 2016, Permanent Marker auf Papier

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Richard Schmalöer: Beispiele aus "Schwimmen in Geld", 2017

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Ina Weber: Neutra-Pool, 2017, armierter Beton, Fliesen, Glaskiese

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Ina Weber: Startblöcke, armierter Beton, 2004/2019

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Splash Back: Blick in die Ausstellung (Fotos: Karlheinz Pichler)

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  • Christine Weber: Heaven, 2019, Öl auf Leinwand (Fotos: Karlheinz Pichler) Christine Weber: Heaven, 2019, Öl auf Leinwand (Fotos: Karlheinz Pichler)
  • Alekos Hofstetter: Kein Trinkwasser, 2016, Permanent Marker auf Papier Alekos Hofstetter: Kein Trinkwasser, 2016, Permanent Marker auf Papier
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