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23.08.2015 |  Karlheinz Pichler

Düster, surreal und albtraumhaft – Die dunkle und pessimistische Bildwelt von Jan Švankmajer im Kunstraum Dornbirn und Flatz Museum

Im Rahmen einer Kooperation geben der Kunstraum Dornbirn und das Flatz Museum derzeit einen Einblick in die obstruse und teils absurde Bildwelt des tschechischen Filmers Jan Švankmajer. Während sich das Flatz Museum auf die Filme des großen Surrealisten konzentriert, sind im Kunstraum auch Objekte und grafische Arbeiten zu sehen.

Ein Mann hält sich einen lebenden Zaun aus willenlosen Menschen, verbunden durch das aufgezwungene Gefühl der Zusammengehörigkeit. Manche tricksen das System aus, andere denunzieren ihre Mitmenschen beim Besitzer des Zaunes, der an einen hohen Politfunktionär denken lässt. Das ist eine verkürzte Inhaltsangabe des Films "The Garden" von Jan Švankmajer aus dem Jahr 1968. Dieser Streifen wurde als Parabel auf die Unterdrückung der Menschen im totalitären Kommunismus interpretiert. Er ist, neben ein paar weiteren Filme, mitverantwortlich dafür, dass Švankmajer von 1973 – 1980 in der Tschechoslowakei mit Berufsverbot belegt wurde, da er sich eben darin mit der Realität totalitärer Systeme kritisch auseinandersetzt. „The Garden“ wird derzeit im Flatz Museum gezeigt. Und dort sind mit „The Fall of the House of Usher“ und „The Pendulum, the Pit and Hope“ außerdem noch zwei weitere Filme zu sehen, die in die absurd-düstere Welt des Edgar Allan Poe entführen.

Meister des Animationsfilmes

Obwohl sein Name im Kern nur eingefleischten Cineasten und Liebhabern des Animationsfilmes ein Begriff ist, zählt der 1934 in Prag geborene tschechische Künstler und Filmemacher Jan Švankmajer bereits zu Lebzeiten zu den großen Legenden des internationalen Kinos. Auch wenn die Filme des Altmeisters thematisch und visuell oft sperrig und damit keine leichte Kost sind, hat er mit seinem Schaffen zahlreiche weltbekannte Filmregisseure wie Tim Burton oder Terry Gilliam maßgeblich beeinflusst. Švankmajer verdankt sein Ansehen und seine internationale Bekanntheit vor allem der von ihm über Jahrzehnte hinweg entwickelten Stop-Motion-Technik sowie seinem Talent für surreale, albtraumhafte, aber dennoch witzige Filme. Stop-Motion ist eine Filmtechnik, bei der eine Illusion von Bewegung erzeugt wird, indem einzelne Bilder (Frames) von unbewegten Motiven aufgenommen und anschließend aneinandergereiht werden. Sie kommt bei Trickfilmen, aber auch als Spezialeffekt bei Realfilmen zum Einsatz. Ausgangspunkt ist dabei eben der Stopptrick.

Stop Motion

Erstmals angewendet wurde die Stop-Motion-Technik von Georges Méliès ab 1896. Mit dem Aufkommen des Zeichentrick- und des Puppentrickfilms um 1910 entstanden die ersten Filmgenres, die ausschließlich auf dieser Technik beruhen. Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte wurde das Verfahren zunehmend ausgereift und unter anderem vom Pionier Willis O’Brien in „The Lost World“ (Die vergessene Welt, 1925) und „King Kong und die weiße Frau“ (1933) angewandt. Vor allem Ray Harryhausen entwickelte und verfeinerte ab den 1950er-Jahren die Technik. Filme wie „Sindbads siebente Reise“ oder „Jason und die Argonauten“ sind Klassiker des Fantasy-Genres. Noch bis in die 1980er-Jahre wurde Stop-Motion in einigen bekannten Filmen wie „Terminator“, „Star Wars“ Episode IV bis VI oder „Kampf der Titanen“ eingesetzt. Švankmajer hat die Technik bis zum Exzess perfektioniert und mit seinen eigenwilligen Inhalten, die mitunter auch auf literarischen Vorlagen wie etwa von Edgar Allan Poe, Marquis de Sade oder Lewis Carroll aufsetzen, zu einer unverwechselbaren Ausprägung und Meisterschaft geführt. Švankmajer ist sehr belesen, nicht zuletzt deshalb haben seine Werke fast immer ein philosophisches Fundament, oder sie setzen sich mit politischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Phänomenen auseinander.

Der Kunsthistoriker und Jurist Gerald Matt hat diesen tschechischen Ausnahmekünstler bereits 2011 im Rahmen einer großen Werkschau in der Kunsthalle Wien präsentiert, als er noch als deren Direktor tätig war. Nun hat er also Švankmajer nach Vorarlberg gebracht und gibt im Rahmen einer Co-Kuratorenschaft mit Thomas Häusle, dem Chef des Kunstraums Dornbirn, und einer Zusammenarbeit mit dem Flatz Museum einen breiten Einblick in dessen Schaffen. Wobei in der historischen Montagehalle des Kunstraums neben den Filmen auch Objekte und grafische Arbeiten des vielfach ausgezeichneten Künstlers gezeigt werden. Diese Werke belegen, dass sich der Tscheche nicht nur mit Film, sondern immer wieder auch mit anderen Formen der Kunst auseinandergesetzt hat. So hat Švankmajer immer wieder sowohl gedichtet als auch gezeichnet und gemalt sowie skurrile, fabelwesenartige Objekte geschaffen, die ebenso faszinierend humorvoll wie grauslich wirken.

Anfang der 1970er-Jahre etwa begann er sein Großprojekt einer Enzyklopädie der alternativen Welt. Zeichnungen aus naturwissenschaftlichen Lexika hat er zerschnitten und neu angeordnet und Teile von Tierskeletten zu grotesken Mischwesen kombiniert. Bei den in der Montagehalle dargebotenen Objekten handelt es sich ergo um surreale, an historische Natursammlungen und Tierpräparate erinnernde Artefakte, die bei näherer Betrachtung rasch als „absurde“ Wesen erkennbar werden. In einer Aussendung des Kunstraumes dazu heißt es: „Die Beschäftigung mit evolutionärer Entwicklung endet vorläufig in der Fantasie einer neuen ‚unsystematischen’ Anatomie, dargestellt sowohl in Objekten, als auch im grafischen Werk des Künstlers.“

Surrealist der dritten Generation

Eigentlich begann die Karriere von Jan Švankmajer dereinst mit einem Weihnachtsgeschenk, denn von seinen Eltern erhielt er als Kind ein Puppentheater. In den 1950er-Jahren studierte Švankmajer dann an der Prager Hochschule für darstellende Künste (AMU) Puppentheaterregie. Sein erster animierter Kurzfilm entstand im Jahre 1964 - natürlich mit Puppen. Von dem Manierismus seiner frühen Arbeiten wandte sich der Künstler aber bald dem Surrealismus zu. Švankmajer bezeichnet sich selbst als Surrealisten der dritten Generation. Er schöpft aus dem Unterbewussten, weil unser Bewusstsein durch die Realität, die Kunst und die Erziehung verfälscht sei. Die Urängste des Menschen vor Verletzbarkeit, vor dem Tod, aber auch den Wunsch nach Befreiung von Leid übersetzt Swankmajer in düstere Bilder.

Der tschechische Künstler ordnet die bekannte Welt neu, weil er mit ihr nicht zufrieden ist. Diese Unzufriedenheit betrifft aber nicht nur sein ehemaliges Leben in der kommunistischen Tschechoslowakei. Sein Pessimismus ist universell und dauert bis heute an. In einem Interview mit 3Sat sagte er vor vier Jahren: "Ich denke, dass die ganze Welt, die ganze Zivilisation in der Krise ist ... Es sieht so aus, als ginge ein Zivilisations-Zyklus dem Ende zu. Faschismus und Stalinismus sind nur Geschwüre auf dem kranken Körper dieser Zivilisation ... Ich habe mich in meinen Filmen immer bemüht, die Probleme aus der Tiefe zu begreifen und nicht nur an der Oberfläche zu kratzen ...“

Eine der vielleicht größten Eigenschaften der filmischen Kunstwerke Švankmajers ist es, dass sie in ihrer überall präsenten Verfremdung und dem Verzicht auf sämtliche klassischen Identifikationsmechanismen des Kinos überaus nahe gehen und emotional berühren. Eine Wirkung, die man noch bis 6. September im Kunstraum und im Flatz Museum überprüfen kann.

The Universe of Jan Švankmajer
Kunstraum Dornbirn,
Bis 6.9.2015
Di-So 10-18
www.kunstraumdornbirn.at

Flatz Museum, Dornbirn 
Bis 6.9. 
Fr 15-17, Sa 11-17, So 14-17 u.n. Voranmeldung 
www.flatzmuseum.at

 Jan Švankmajer: "The Fall of the House of Usher", 1981 ('Filmstill)

Jan Švankmajer: "The Fall of the House of Usher", 1981 ('Filmstill)

Jan Švankmajer: "The Garden", 1968 (Filmstill)

Jan Švankmajer: "The Garden", 1968 (Filmstill)

Jan Švankmajer: Objektkasten

Jan Švankmajer: Objektkasten

Jan Švankmajer: Objektkasten

Jan Švankmajer: Objektkasten

Jan Švankmajer: Objektkasten (Fotos: Kunstraum Dornbirn)

Jan Švankmajer: Objektkasten (Fotos: Kunstraum Dornbirn)

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  •  Jan Švankmajer: "The Fall of the House of Usher", 1981 ('Filmstill) Jan Švankmajer: "The Fall of the House of Usher", 1981 ('Filmstill)
  • Jan Švankmajer: "The Garden", 1968 (Filmstill) Jan Švankmajer: "The Garden", 1968 (Filmstill)
  • Jan Švankmajer: Objektkasten Jan Švankmajer: Objektkasten
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