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01.12.2016 |  Karlheinz Pichler

Gedanken zum Raum als Teppichmuster - Eine Gruppenausstellung mit „Räumungsverkauf“ in der Lustenauer Galerie Hollenstein

Die aktuelle Gruppenschau „Sale On-Site“ in der Lustenauer Galerie Hollenstein setzt sich mit der künstlerischen Nutzung des Raumens in 45 Jahren Ausstellungsgeschichte auseinander. Zitate von elf Kunstschaffenden aus Gesprächen mit Kuratorin Claudia Voit stehen im Zentrum der Präsentation. Der Verkauf von Werken, die von den KünstlerInnen eigens dafür geschaffen wurden, geschieht gleichsam en passant.

„Sale On-Site“ ist die letzte Ausstellung, bevor es anfangs 2017 zu einem Umbau der Örtlichkeit kommt. Wie umfassend dieser werden wird, hängt vom Budget ab, über das bis Ende Jahr Klarheit herrschen soll. Faktum ist, dass der Teppichboden, die Raufasertapeten und das Beleuchtungssystem völlig veraltet sind und dass auch ein Durchbruch zu dem baulich angeschlossenen Stickereizentrum angedacht ist, das vergangenes Jahr zum Galerienkomplex dazugekommen ist. Jedenfalls soll auch die Sammlung zum Oeuvre von Stephanie Hollenstein, das bisher nicht optimal gelagert war, einen entsprechenden Raum erhalten und zugänglich gemacht werden. Auch der Name der Galerie selbst steht zur Diskussion, ist es doch wohl im deutschsprachigen Raum und auch weltweit einmalig, dass eine öffentliche Einrichtung nach einer Person benannt ist, die ein derart starkes Nahverhältnis zum Nationalsozialismus hatte, wie dies bei Stephanie Hollenstein der Fall war. Zur Erinnerung: Die Lustenauer Vertreterin des österreichischen Expressionismus, die 1886 in Lustenau geboren wurde und 1944 in Wien starb, stieg im Nationalsozialismus zu einer hohen Funktionärin des öffentlichen Kunstbetriebs auf. Von Juli 1938 bis 1943 war sie Vorsitzende des 1938 als Nachfolgeorganisation der „Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs“ (VBKÖ) gegründeten „Künstlerverbands Wiener Frauen (ab 1941 Vereinigung Bildender Künstlerinnen der Reichsgaue der Ostmark)“. Dadurch wurde sie zu einer der einflussreichsten österreichischen Künstlerinnen in der Zeit des Nationalsozialismus.

Künstlerzitate im Zentrum

 

Aufgrund des Umbaus ist die Galerie in den ersten Monaten des neuen Jahres geschlossen. Das nächste offizielle Programmjahr beginnt dadurch laut Claudia Voit erst im Mai 2017. Dieser Umbau jedenfalls ist der äußere Anlass dafür, dass die angelaufene letzte Ausstellung dieses Jahres der Galerie selbst gewidmet ist. Dadurch stehen diesmal nicht die einzelnen Werke der Künstler im Mittelpunkt, sondern Sätze, die sie im Gespräch mit der Kuratorin in der Auseinandersetzung mit dem Raum und dessen Namensgeberin von sich gegeben haben. Für diese Zitate hat der aus Lustenau stammende und jetzt in Wien lebende Grafiker Julian Hagen ein eigenes Ausstellungsdisplay entwickelt. Er betrachtete den noch aus den 1970er Jahren stammenden Teppichboden wie eine Art Tageszeitung, wie ein Layout, in das die gesprochenen Sätze einzubauen sind. So übertrug er in der Folge die Künstlerzitate in aufwändiger Siebdrucktechnik von Hand auf den Teppich. Dort sind nun rein auf den Raum bezogene Statements zu lesen wie etwa „Der fensterlose Raum ist wie eine Gebärmutter“ oder aber auch taffe Verweise auf Stephanie Hollenstein, wie etwa der Gedankengang von Claudia Larcher: „Will ich wirklich in einem Raum ausstellen, der nach einer Frau benannt ist, die eine überzeugte Nazi war?“ Wie Kuratorin Voit gegenüber KULTUR betont, haben es die KünstlerInnen immer wieder als höchst problematisch empfunden, in einem Haus auszustellen, das mit einer solchen Namensbürde belastet ist.

 

Sale On-Site

 

Zusätzlich zu diesen Gesprächfragmenten, die die Ausstellung visuell prägen, haben sämtliche involvierten KünstlerInnen jeweils eine Edition extra für die Ausstellung produziert, die vor Ort und während der Ausstellung erhältlich sind und vom Preis her für jeden erschwinglich sind. Jede Arbeit bezieht sich dabei aus einer jeweils ganz persönlichen Sicht auf den Ausstellungsraum und seine Geschichte.

Das Auflagenwerk von Severin Hagen beispielsweise hat eine Fotoaufnahme einer Skulptur, bestehend aus einem Stück Plastikplane, Holz und einem Schubkarren, die er im Rahmen seiner Ausstellung im letzten Jahr dort im „Schaufenster“ platziert hatte, zum Ausgangspunkt. Vom Foto hat er einen Siebdruck, reduziert auf eine Farbe, angelegt, und das Bild viermal, jeweils um 90 Grad gedreht, übereinander gedruckt.

Die Künstlerin Bella Angora präsentiert mit „Das Scheitern der Amsel“ ein im Digitaldruckverfahren geprintetes XL-Pixie-Buch. Pixie deshalb, weil sie das quadratische Format der kleinen Kinderbücher dieser Reihe auf 21 mal 21 Zentimeter (XL) aufgeblasen hat und solcherart eine illustrierte Kurzgeschichte offeriert. Ergänzend zu diesem Büchlein, das bei „AngoraPublishing“ erschienen ist, ist auch eine Serie von (Amsel-)Zeichnungen entstanden.

Bernhard Buhmann hat einen Druck auf Hahnemühle Bütten aufgelegt, für den er aus der Sammlung Hollenstein eines der letzten Porträts von Stephanie Hollenstein, gemalt von Lilly Charlemont, als Ausgangspunkt genommen hat. Die in diesem Bild vorkommenden dunklen, erdigen Farben waren ihm Vorlage für abstrakte Farbverläufe und somit für eine Akzent-verschiebende Umkomposition.

Von Franz Gassner sind grafische „Zeichenfelder“ als Siebdrucke auf Arches Bütten aufgelegt, während „Tat Ort“ (Berlinger/Fiel) mit ihrer A1-Plakatarbeit „Tat Ort Sammlung“ eine kritische Reflexion zur Person Stephanie Hollenstein, deren Archiv und Nachlass den Kern der Sammlung bilden, präsentieren. Marbod Fritsch nimmt mit seinem Digitaldruck auf Holz „I love the space between“ direkten Bezug auf seine skulpturale Installation 2009, die den Jean-Luc-Godard-Satz „Real ist, was zwischen den Dingen ist und nicht das Ding selbst“ als begehbares Objekt umsetzte. Albrecht Zauner und Florian Gerer haben erstmals eine gemeinsame Arbeit realisiert: „Offener Raum“ ist ein Fanzine mit vier Fotografien von Florian Gerer, die eine Performance der Tänzerin Natalie Fend in einer Ausstellung mit Arbeiten von Albrecht Zauner dokumentieren.

Gerhard Klocker wieder weitet mit seinem Digitaldruck „Hotel Furkablick“ (2016) seine eigenen Architekturuntersuchungen aus auf Nutzbauten im weitesten Sinne: „Einfamilienschutzbauten ausgeschlossen, Schutzbauten inkludiert (wie Lawinenverbauungen oder Tunnels), Heustadeln oder Massenhotels ebenfalls,“ so der Fotokünstler. Claudia Larcher und Liddy Scheffknecht schließlich verweben in ihrer gemeinsam geschaffenen Edition „Parcours“ Elemente ihrer Ausstellung von 2012 Arbeiten zu einem imaginären Ort.

 


SALE ON-SITE

Eine Retrospektive mit Beiträgen von Bella Angora, tat ort (Berlinger/Fiel), Bernhard Buhmann, Marbod Fritsch, Franz Gassner, Severin Hagen, Gerhard Klocker, Claudia Larcher/Liddy Scheffknecht und Albrecht Zauner/Florian Gerer sowie einem Ausstellungsdisplay von Julian Hagen
Galerie Hollenstein, Lustenau
Bis 23.12.
Fr, Sa, So u. Fe 15-19

 

Sale On-Site: Der Teppich als Layout-Vorlage

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Die Editionen werden auf einem niedrigen Bord präsentiert

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Zitatteppich und Präsentationsbord in parallelem Nebeneinander

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Auf dem Zitatteppich stehen und Kunst ansehen

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Noch ein Zitat ...

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Begehbares Ausstellungslayout (Fotos: Karlheinz Pichler)

Begehbares Ausstellungslayout (Fotos: Karlheinz Pichler)

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