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28.04.2022 |  Peter Niedermair

„Zwischen dir und mir“ – Ausstellung von Heidi Comploj in der Villa Falkenhorst

Die Künstlerin präsentiert Werke aus ihrem Schaffensbereich von der Collage bis zur Skulptur, frei nach dem Motto von Paul Watzlawick: „Man kann nicht nicht kommunizieren".

„Sprache macht Wirklichkeit“, sagte Ruth Wodak im November 2016 in einem Interview mit der Zeitschrift KULTUR, als sie Gast bei einer Tagung der Psychoanalytischen Gesellschaft in Schwarzenberg war. Sie ist eine österreichische Sprachsoziologin, Diskursforscherin und emeritierte Professorin für angewandte Sprachwissenschaften der Universität Wien und der Lancaster University in England. In diesem besagten Interview spricht sie auch darüber, wie Sprache, Denken und auch Emotionen im kommunikativen Handeln eng zusammenwirken. „Alles, was wir denken und äußern, ist versprachlicht, einerseits im Denken und andererseits auch, wie wir sprachlich handeln, also mit anderen kommunizieren. Selbst wenn wir nur nachdenken, für uns selbst, muss dies in bestimmten Konzepten, Begriffen und Bildern geschehen. Und auch dies kann nur sprachlich passieren, weil wir immer in Bedeutungen, in Sprachspielen, wenn man so will, einsozialisiert werden.“
Grundsätzlich ist Sprache ein weites Feld und ein spiegelglatter Grund. Um diesen Grund  begehbar zu machen, ohne auszurutschen, bedarf es der Sensibilität der Künstlerinnen und Künstler mit ihren je eigenen Sprachen und Artikulationsformen. Sie wissen, dass „zur Sprache kommen“ ein „Auf-die-Welt-Kommen" bedeutet, ein Bewusstwerden in dieser Welt. Die Sprache der Kunst, wie wir ihr von Heidi Comploj vermittelt begegnen, ist poetisch, komplex, spielerisch-sensibel, subtil ironisch und ausdrucksstark.

Soziale Systeme

Soziale Systeme etablieren sich durch Kommunikation, wie wir von Niklas Luhmann, der die Systemtheorie maßgeblich begründete, wissen. Dieses Axiom der Kommunikation und des kommunikativen Handelns (Jürgen Habermas) greift die Künstlerin in ihrer Ausstellung „Zwischen dir und mir“ in der Villa Falkenhorst auf und zitiert in diesem komplexen Feld der Kommunikation das nächste von Paul Watzlawick bekannte Axiom „You cannot not communicate“. Es gibt noch eine Reihe weiterer Begriffe, die in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen, verbale-nonverbale Kommunikation oder das Bild vom Eisberg, der symbolisch für die Anteile des Nonverbalen, der Gefühle, Haltungen und Vorurteile steht. Es gibt sehr viele rhetorische und pragmatische Mittel, die wir alle benutzen, die etwas „mit-bedeuten“, manchmal für eine bestimmte Gruppe verständlich sind und andere Lesarten eröffnen, weil Bedeutungen immer erst dialogisch hergestellt werden. Es kann sein, dass ich etwas meine, aber jemand anderer darunter etwas ganz anderes versteht.

Dialekt und Kommunikation

Die Dialektforscherin PD Dr. Claudia Bucheli Berger vom Tiroler Dialektarchiv der Universität Innsbruck schreibt in ihrem Geleitwort zum Werk „Felix Austria“ von Heidi Comploj: „Heidi Comploj stellt sich mit ihren Bildern entschieden auf die Seite des positiven Austausches in der menschlichen Kommunikation. Ihre Bilder verwenden und thematisieren zugleich die Mittel der menschlichen Kommunikation, Farbe, Schrift, Formen, usw. Sie bezieht sich hier auf den Kulturraum Österreichs, auf die deutsche Sprache bzw. auf die österreichische Ausdrucksvielfalt, die auch die Dialektverwendung einschließt. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht gehören zu einem Dialog zwischen zwei Personen neben der Körpersprache ganz klar die sprachlichen Wörter. Als umfassende und komplexe Komposition erreicht eine Äußerung einer Person das Auge, das Ohr und die Gefühle des Gegenübers – gesetzt den Fall, dass Face-to-Face-Gespräche möglich sind, ansonsten sind einige dieser Kommunikationskanäle blockiert bzw. nicht vorhanden.“

Die Künstlerin

Auf der Homepage der Villa Falkenhorst heißt es zur aktuellen Ausstellung: „Heidi Comploj wurde 1952 in Schruns geboren. Ihre ersten Kunstwerke entstanden aus Ton. ‚Nicht nur die wandel- und formbare Grundmasse, die durch das Brennen eine Metamorphose erfährt, sondern auch der Gegenstand, der entsteht und in unterschiedlichster Weise bearbeitet werden kann, bilden für mich immer wieder neue Herausforderungen.‘ Ihre Fotoarbeiten durchlaufen ebenfalls unterschiedliche Gestaltungsprozesse: ‚Ich benütze nur eine kleine Digitalkamera, alles muss schnell gehen. Ich will den Augenblick festhalten – und nichts Gestelltes, Steifes.‘ Die Fotos werden auf dem PC bearbeitet und sodann auf Alu-Dibond oder Acrylglas montiert. Auch ausgedruckte Fotos verändert sie mit verschiedensten Techniken. Dieses Spektrum an Techniken erweitert Heidi Comploj seit 1985 permanent durch Kunstseminare in Deutschland, Frankreich und Österreich. Vor zwei Jahren schloss die vielseitige Künstlerin einen dreijährigen Meisterkurs bei Dozent Rainer Kaiser an der Freien Kunstakademie Augsburg ab.“

Die Ausstellung „Zwischen dir und mir“

Die Überbegriffe der in dieser Ausstellung gezeigten Serien sind in der Regel philosophisch hintergründig-komplex. Doch die Umsetzungen bzw. Übersetzungen von Begrifflichkeiten gehen weit über das Formale hinaus und können mitunter auch ganz zur Seite gelassen werden: „Manchmal ist es einfach nur die Form, da muss nichts hineininterpretiert werden.“ Mit unterschiedlichsten Materialien und Techniken nähert sich Heidi Comploj der Vielfalt und den Spielarten des Kommunikationsthemas an. Die faszinierenden Figuren, die als Werkgruppe auf unterschiedlich hohen weißen Sockeln positioniert sind, überzeugen in der Ausstellung durch ihre Materialvielfalt, von kartonierten Spindelspulen bis Draht, von Ton bis Textilstoffen, wofür ihr die Firma Getzner Textil eine wahre Recyclingfundgrube ist. Sie fertigt daraus Figuren in Weiß, die sich bei näherem Betrachten in einzelne spielerische Mini-Universen aufgliedern. Diese Figuren sind neben den sehr präzise gehängten kleinformatigen Collagen und den drei massiven Säulen, in denen Aspekte von Erinnerungen thematisiert werden, ein integraler Bestandteil dieser Ausstellung.

Eine sehr dichte Bildserie geschaffen

Neueste Arbeiten, die in dem großen Raum im Kellergeschoß der Villa Falkenhorst zu sehen sind, beschäftigen sich mit sprachlichen Mitteln, unterschiedlichen Dialekten in Österreich, eigentlich mit Kommunikation in allen Lebenssituationen. Mir gefällt besonders der ironische Touch dieser Bilder, der sich zentral im „Felix Austria“ Sujet findet und sich auf der Ebene lokal verwendeter Wörter und Begriffe fortsetzt. Die Künstlerin begreift Wörter als offenes ästhetisches System, das Sprache als „authentischen Akt“ versteht. Ihre künstlerische Neugier hat sie durch alle Produktionsstätten und Abteilungen der Getzner Firmen geführt, zunächst einmal und im Epizentrum des künstlerischen Blicks stehen die textilen Werkstoffe. Heidi Comploj hat einige Jahr bereits in den Betriebsstätten insbesondere Details der Produktion fotografiert, um ein Bild davon zu generieren, wie viel gebündelte Information, Erfahrung und Wissen es benötigt, um hochwertige Materialien zu produzieren, die sie auch in einzelnen Arbeiten dieser Ausstellung integriert. Diese Erfahrung baut auf intensiver Forschung auf, braucht elaborierte Techniken, verlangt globalen Weitblick, Offenheit und Neugier und das Wissen um kooperativ-konstruktives Zusammenspiel aller.
Die Künstlerin Heidi Comploj ist eine Doppelbegabung als Malerin und Sprachgestalterin. Sie ist eine Poetin in diesem wie im anderen. Ihre Bilder spannen einen Bogen vom gesprochenen Wort zum farbigen Bild. Wörter an sich sind schon Formbilder, Lautzeichen, die sich im Aussprechen zu Wortgestalten verwandeln, zu alltäglichen Grundworten wie in einem Setzkasten. Dabei klingen mitunter die subtilen ironischen Anklänge mit, Paradoxien und Zweideutigkeiten, denen die Künstlerin nachhört. Eindrücklich und sehr beachtlich sind auch die diskursiven Auseinandersetzungen mit Erinnerungen. Von den „Löchern“, die in den Narrativen der Vergangenheit angelegt sind, bis zu den Sammelstücken im Schaufensterdisplay, die in ihrem losen Verbund eine stille, neugierig machende Welt evozieren und den Dialog mit den Besucher:innen in Gang setzen.

Heidi Comploj: „Zwischen dir und mir“
Vernissage: 29.4., 19 Uhr
bis 24.5.22,
So 15 - 18 Uhr sowie bei Veranstaltungen und nach Vereinbarung
Villa Falkenhorst, Thüringen

www.falkenhorst.at

Ich du er sie es wir ihr sie, Figuren aus Papphülsen, Papier und Fundstücken, 30cm bis 50cm (© Oliver Lerch)

Ich du er sie es wir ihr sie, Figuren aus Papphülsen, Papier und Fundstücken, 30cm bis 50cm (© Oliver Lerch)

Nichts ist, wie es einmal war, Stele, Holz, Fundstücke, 3m (© Heidi Comploj)

Nichts ist, wie es einmal war, Stele, Holz, Fundstücke, 3m (© Heidi Comploj)

Gspaana, Fotografik auf Alu-Dibond, 40x40cm (© Heidi Comploj)

Gspaana, Fotografik auf Alu-Dibond, 40x40cm (© Heidi Comploj)

Verstehen wir uns, Collage, 21x15cm (© Heidi Comploj)

Verstehen wir uns, Collage, 21x15cm (© Heidi Comploj)

Felix Austria, Fotografik auf Alu-Dibond, 40x40cm (© Heidi Comploj)

Felix Austria, Fotografik auf Alu-Dibond, 40x40cm (© Heidi Comploj)

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Bilder
  • Ich du er sie es wir ihr sie, Figuren aus Papphülsen, Papier und Fundstücken, 30cm bis 50cm (© Oliver Lerch) Ich du er sie es wir ihr sie, Figuren aus Papphülsen, Papier und Fundstücken, 30cm bis 50cm (© Oliver Lerch)
  • Nichts ist, wie es einmal war, Stele, Holz, Fundstücke, 3m (© Heidi Comploj) Nichts ist, wie es einmal war, Stele, Holz, Fundstücke, 3m (© Heidi Comploj)
  • Gspaana, Fotografik auf Alu-Dibond, 40x40cm (© Heidi Comploj) Gspaana, Fotografik auf Alu-Dibond, 40x40cm (© Heidi Comploj)
  • Verstehen wir uns, Collage, 21x15cm (© Heidi Comploj) Verstehen wir uns, Collage, 21x15cm (© Heidi Comploj)
  • Felix Austria, Fotografik auf Alu-Dibond, 40x40cm (© Heidi Comploj) Felix Austria, Fotografik auf Alu-Dibond, 40x40cm (© Heidi Comploj)