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08.07.2020 |  Peter Füssl

Ambrose Akinmusire: On The Tender Spot Of Every Calloused Moment

Der 38-jährige, aus Oakland stammende, in L.A. lebende Ambrose Akinmusire zählt nicht nur zu den herausragenden Trompetern und souverän aus allen Epochen des Jazz schöpfenden, wegweisenden Musikern seiner Generation, er fällt auch durch sein konsequentes politisches Engagement für die Black Community auf. Künstlerisches und politisches Statement sind mit großem Selbstverständnis ineinander verwoben, fühlen sich so wahr, tiefsinnig, anspruchsvoll und gleichzeitig mit einem großen Hörgenuss verbunden, wie dies etwa vor vierzig, fünfzig Jahren beim Art Ensemble of Chicago und anderen Projekten Lester Bowies und der AACM der Fall war.

Gemeinsam mit seinen bestens aufeinander eingespielten Langzeitpartnern Pianist Sam Harris, Kontrabassist Harish Raghavan, Drummer Justin Brown und dem kubanischen Perkussionisten Jesús Díaz als quirliger Rhythmusverstärkung bombardiert er die geneigte Hörerschaft auch auf seinem fünften Blue Note-Album mit einer faszinierenden Mischung aus rasanten Neo-Bop-Passagen, komplexen De- und Rekonstruktionen, melancholischen Balladen und ungestümen Free Jazz-Ausbrüchen – eine musikalische Achterbahnfahrt allererster Güte. Wie nah Zorn, Verzweiflung und Nachdenklichkeit angesichts der gesellschaftspolitischen Probleme und des grassierenden Rassismus in den USA beisammen liegen und wie genial Akinsmusire diese Gefühle auf der Trompete auszudrücken vermag, ist faszinierend – man höre sich nur das äußerst reduzierte „Reset (Quiet Victories & Celebrated Defeats“ an. In „Blues (We Measure The Heart With A Fist) abstrahiert er die klassische musikalische Ausdrucksform der Schwarzen bis zur Unkenntlichkeit, sodass schließlich nur das Atmosphärische übrigbleibt. Ganz an den Schluss setzt Akinmusire in „Hooded Procession (Read The Names Outloud”) drei Minuten lang simple Akkorde auf dem Fender Rhodes Piano, ohne auch nur einen einzigen Namen tatsächlich zu deklamieren – das soll sich wohl in den Köpfen der Hörererschaft abspielen, wie die aktuellen Ereignisse zeigen, kommen ohnehin täglich neue Opfer dazu. Dass der Sohn nigerianischer Eltern längst zur Speerspitze der jungen Innovatoren zählt, merkt kein Geringerer als Archie Shepp in den Liner Notes zu diesem Album an – er vergleicht Akinmusire von der konsequenten Haltung her mit John Coltrane. Und wem, wenn nicht Shepp, traut man solch ein Urteil zu!

(Blue Note/Universal)  

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