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31.03.2020 |  Peter Füssl

Avishai Cohen: Big Vicious

Der 1998 erschienene Song „Teardrop“ ist der größte Hit der britischen Trip Hop-Band Massive Attack, dem singenden Fötus im hundertmillionenfach angeklickten Musikvideo verlieh Cocteau Twins-Sängerin Elisabeth Frazer einen traurig-ätherischen Touch, hat sie doch die Lyrics unter dem Eindruck des tragischen Todes von Jeff Buckley verfasst. Avishai Cohen übernimmt ihren Part mit seiner melancholischen, kalt glühenden Trompete, und sein israelisches Quintett Big Vicious verpasst dem im kollektiven Gedächtnis der Elektronik-Pop-Gemeinde fest verankerten Song Drive, Schärfe und Dringlichkeit, ohne ihn seiner ursprünglichen emotionalen Tiefe zu berauben.

Ähnlich unkonventionell und respektvoll zugleich ist die Herangehensweise an einen noch viel größeren, aus einer völlig anderen musikalischen Ecke stammenden „Millionenseller“, Beethovens „Mondscheinsonate“. Die unsterbliche Melodie wird voller Leidenschaft auf eine unerwartete Ebene geblasen, während die Band das musikalische Drumherum zu einem Morricone-artigen Soundtrack verdichtet. Genial! An den einzigen Fremdkompositionen des vierten Albums des äußerst kreativen Trompeters lässt sich leicht festmachen, dass Cohen, seinem musikalischen Prinzip, sich nie auf den eigenen Lorbeeren auszuruhen treu geblieben ist – erfolgreiche Alben wie „Into the Silence“ oder „Cross My Palm With Silver“ würden ja durchaus dazu einladen. So erobert der mit allen Jazz-Wassern Gewaschene auf „Big Vicious“ mit Hilfe seiner gleichnamigen Band auch Elektronic, Trip-Hop, Ambient, Post-Rock und Psychedelisches. Genres, in denen auch Gitarrist Uzi Ramirez, Bassgitarrist/Gitarrist Yonathan Albalak und die beiden Drummer Aviv Cohen und Ziv Ravitz, allesamt gelernte Jazzer, über reichhaltige Erfahrungen verfügen. Es handelt sich zwar um ein Debütalbum, die Band spielt aber schon seit sechs Jahren regelmäßig zusammen und hat die meisten Stücke kollektiv aus vielfach verfeinerten Gruppenimprovisationen entwickelt. Für weitere wichtige musikalische Impulse haben der Tel Aviver Electronic-Hip-Hop-Jazzer und Musikproduzent Yuvi Havkin, besser bekannt unter dem Pseudonym Rejoicer, und ECM-Mastermind Manfred Eicher gesorgt. Enormer Drive und zarte Melancholie, mitreißende Grooves und effektvolle Überraschungen, ein breites Spektrum an Sound-Farben und Stimmungen (der Leader werkelt auch am Synthie) und ein bestechender Bandsound, auf den Avishai Cohen sein in jeder Lage unter die Haut gehendes Trompetenspiel betten kann – das alles macht „Big Vicious“ zu einem Album mit höchstem Suchtpotential. Ist einfach nicht mehr aus dem Player zu kriegen! 

(ECM/Vertrieb: www.lotusrecords.at)

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