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13.10.2020 |  Peter Füssl

Betty LaVette: Blackbirds

„Alles, was sie singt, ist geprägt von der wilden, bekenntnishaften Intensität einer Künstlerin, die gerade so überlebt hat, um ihre Geschichte zu erzählen“, schreibt die „New York Times“, und in der Tat ist die nunmehr sechs Jahrzehnte andauernde Karriere von Bettye LaVette mit vielen Erfolgen und noch mehr Niederlagen gespickt. Als Teenager in den Hitparaden, bald mit den ganz Großen auf der Bühne, dann immer wieder hoffnungsvolle Projekte im Visier, die ebenso sicher wieder in der Versenkung verschwinden. Die falschen Männer im Bett, den falschen Whiskey im Glas, wie ihre Autobiographie „A Woman Like Me“ nahelegt, und nicht zu vergessen, wie viele talentierte schwarze Frauen ihrer Generation von der Musikindustrie erbarmungslos ausgenützt.

Sie hat in drittklassigen Bars und Strip-Lokalen gesungen, in billigen Absteigen gelebt, in der Black Panthers Küche gekocht, aber sie hat nie aufgehört zu singen. Das macht etwas mit einer Seele und das prägt auch eine Stimme. So zählt die heute 74-Jährige aus Detroit nach einem größeren Zwischen-Comeback unter der Regie Joe Henrys um die Jahrtausend-Wende spätestens nach dem vor zwei Jahren erschienen Album „Things Have Changed“ mit Songs von Bob Dylan zu den ganz großen Sängerinnen des in der Hörergunst wiedererstarkten Soul-Genres. Bettye LaVettes Leben war aber auch immer durch ein starkes politische Bewusstsein geprägt, und so ist es kein Zufall, dass zu Zeiten von Black Lives Matter acht der neun Songs auf dem aktuellen Album von großartigen schwarzen Sängerinnen bekannt gemacht wurden und somit als Hommagen an Nina Simone, Dinah Washington, Ruth Brown, Lil Green, Nancy Wilson oder Billie Holiday zu verstehen sind. Wenn sich Bettye LaVette eines Songs annimmt, hat das nichts mit covern, sondern mit „sich einverleiben“ zu tun – selbst bei dem durch Holiday nachhaltig geprägten Südstaaten-Meuchelmord-Klassiker „Strange Fruit“ gelingt es ihr, eine völlig neue interpretatorische Ebene zu öffnen. Wie schon beim höchst erfolgreichen 2018-er Album fungiert auch hier wieder Steve Jordan nicht nur als Drummer, sondern vor allem als umsichtiger und geschmackvoller Produzent, der mit einer erlesenen Schar von Musikern (Gitarrist Smokey Hormel, Keyboarder Leon Pendarvis, Bassist T0m Barney und Vibraphonist Monte Craft) einen gefühlvollen Soul-Blues-Midtempo-Teppich webt, der die raue, vom Unbill des Lebens gegerbte, kampferprobte, in ihrer manchmal zittrigen Patina noch ausdrucksstärker gewordenen  Stimme von Bettye LaVette perfekt zur Wirkung bringt. So wird ausgerechnet der 9. Song des Albums, Lennon/McCartneys 1968 unter dem Eindruck der US-Bürgerrechtsbewegung geschriebenes „Blackbird“, von Bettye LaVette stark verlangsamt und in die Ich-Form transferiert, zu einem umwerfenden persönlichen, Gänsehaut erzeugenden Manifest: „I took my broken wings and taught my own self how to fly.“

(Verve/Universal)

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