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04.03.2021 |  Peter Füssl

Black Country, New Road: For the First Time

Die seit einiger Zeit unglaublich angesagte Szene um den Windmill-Club im Südlondoner Stadtteil Brixton spuckt eine unkonventionelle Band nach der anderen aus – Black Midi, Goat Girl, Fat White Family und nun auch Black Country, New Road. Der Bandname wurde originellerweise mittels Zufallsgenerators aus einem Verzeichnis englischer Straßennamen ausgewählt. Die drei Frauen und vier Männer, alle in den Zwanzigern, zur Hälfte klassisch ausgebildet, der Rest autodidaktisch unterwegs, entwickeln sich mit ihrem knapp 40 Minuten langen Debüt-Album „For the First Time“ gerade zu den absoluten Lieblingen des internationalen Musik-Feuilletons. Zu Recht!

Denn dieser auf zwei Gitarren, Keyboards, Bass, Schlagzeug, Saxophon und Geige fabrizierte, wahnwitzige Mix aus Indie-Rock, Noise, Free-Jazz , Post-Punk und Neo-Klezmer sucht seinesgleichen. Unglaublich intensiv, abwechslungsreich, unvorhersehbar, zart und brachial, ausgeklügelt konstruiert und spontan zugleich – das ist der ideal passende Soundtrack für den 22-jährigen Isaac Wood. Der steht mit seinem zittrig-nervösen, sich gelegentlich dramatisch steigernden Sprechgesang im Zentrum und bombardiert die Hörerschaft mit einer Suada aus Selbstzweifeln, Beziehungsfrust, Sexgeschichten, popkulturellen Anspielungen oder Verweisen auf dänische Krimiserien, Entfremdungsängste und die allgegenwärtige Reizüberflutung – gerne mit bitterbösen Seitenhieben auf angepasstes Bürgertum und banalen Alltagsschrott garniert. Eine Art Stream of Consciousness, den Wood aus permanent im Handy gesammelten Textideen zusammenstoppelt und damit offenbar den Nerv (s)einer Generation trifft. Lange hat nichts mehr soviel Spaß gemacht, wie sich mit Hilfe dieser sechs, zwischen knapp fünf und zehn Minuten langen, wild mäandernden Stücke auf eine durchwegs berauschende musikalische Achterbahnfahrt zu begeben und sich wieder einmal auf lustvolle Weise von diesem extravagant-wuchtigen Hörangriff die Corona-Pandemie-überlasteten Gehirnwindungen freiblasen zu lassen. Das passt in keine Schublade – wie schön!

(Ninja Tune/Rough Trade)  

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