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30.03.2021 |  Peter Füssl

Charles Lloyd & The Marvels: Tone Poem

The Marvels, also „die Wunder“, nennt Charles Lloyd seine seit 2016 bestehende Band mit Gitarrist Bill Frisell, Steelgitarrist Greg Leisz, Bassist Reuben Rogers und Drummer Eric Harland – und das wirkt angesichts des nunmehr dritten Albums dieses exzellent aufeinander eingespielten Quintetts keineswegs übertrieben. Im Gegensatz zu den Vorgängeralben, auf denen Norah Jones, Willie Nelson und Lucinda Williams für vokale Glanzlichter sorgten, verlässt man sich dieses Mal völlig auf die instrumentale Brillanz der Akteure, die mit großer Entspanntheit, aber durchaus nicht unspannend ans Werk gehen.

Mit der kantigen Ballade „Peace“ und dem countryrock-artig aufgepeppten, lebhaft vorwärtsdrängenden „Ramblin‘“, zwei höchst unterschiedlichen Nummern aus der Feder Ornette Colemans, wird gleich vom Start weg die große, aus Jazz, Americana, Blues, Country-Rock und Karibischem gespeiste stilistische Bandbreite des Projekts demonstriert. Darauf folgen eine wundervoll verträumte Version des Leonard Cohen-Klassikers „Anthem“ und die funkig beschwingte Lloyd-Nummer „Dismal Swamp“. Bei Letzterer erweist sich der ausdrucksstark schwelgende, aber auch wirkungsvoll eruptierende Saxophonist – wie auch auf „Lady Gabor“ des ungarischen Gitarristen Gábor Szabó, mit dem er Anfang der 1960-er Jahre das Stück erstmals in der Band Chico Hamiltons spielte – als ebenso exzellenter Querflötist. Die langjährigen Compadres Frisell und Leisz lassen ihre Saitenkunst perfekt ineinander verschmelzen und evozieren lustvoll anheimelnd wirkende Americana-Soundlandschaften, die durch das jazzige Fundament von Rogers und Harland geerdet werden – alles zusammen bildet eine höchst inspirierende Basis für die seelenvollen Melodien Charles Lloyds. Der lässt allen Akteuren viel Raum und Zeit, um sich wirkungsvoll, aber stets auch banddienlich in Szene zu setzen, damit sich die Kompositionen und Improvisation perfekt entfalten können. So entwickelt sich das Titelstück, Lloyds bereits vor 15 Jahren mit Michel Petrucciani veröffentlichtes „Tone Poem“, über neun Minuten lang von einem intensiven Saxophon-Drum-Dialog über eine suchend-schwebende Sequenz hinweg zu einem beschwingt groovenden, karibisch angehauchten Gute-Laune-Stück. Der Monk-Klassiker „Monk’s Mood“ entfaltet über zehn Minuten seine balladeske Pracht, beinahe gleich lang verzaubert „Ay Amor“ des in den 1950-er Jahren besonders erfolgreichen kubanischen Sängers und Pianisten Bola de Nieve (bürgerlich: Ignacio Jacinto Villa y Fernández) mit seinem hingebungsvollen, emotionsgeladenen Bolereo-Charme. Lloyd beschließt dieses Album mit seinem ruhig dahinmäandernden „Prayer“, in dem Rogers gestrichene Kontrabass-Töne und die mit den Handflächen geschlagenen Drums besondere Wirkung zeigen. Auch mit diesem exzellenten Album, dem Greg Leiszs Steelgitarre einen für Jazz-Kreise etwas exotischeren Hauch verleiht, verbindet der mittlerweile 83-jährige, oftmals als eine Art Schamane agierende und sich als „dreamer of worlds“ bezeichnende Charles Lloyd Gedanken zu spiritueller Heilung durch Musik. Wiederholtes Hören macht jedenfalls glücklich!     

(Blue Note/Universal)    

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