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01.12.2021 |  Peter Füssl

Eberhard Weber: Once Upon A Time - Live in Avignon

Manchmal ereilen einen völlig unerwartet musikalische Erweckungserlebnisse an völlig unspektakulären Orten. So erging es dem Schreiber dieser Zeilen, der bis zu einem Konzert mit Volker Kriegels Spectrum 1973 im Schlossbräusaal in Dornbirn den Bass für ein nicht sonderlich spannendes Instrument gehalten hatte. Aber dort stand Eberhard Weber auf der Bühne mit seinem fünfsaitigen, irgendwie eigenartig fragmentiert wirkenden E-Kontrabass-Hybrid, den ihm ein Geigenbauer nach seinen Wünschen extra angefertigt hatte. Er erschien wie ein Wesen von einem anderen Stern – und er klang auch so. Experimentierfreudig, farbenreich, melodisch, ungezwungen zwischen Rock, Jazz und freien Improvisationen hin- und herpendelnd.

Ein Eindruck, der sich dann ein Jahr später verdichtete, als Weber als Mitglied des Bill Connor Trios bei den Bregenzer Randspielen open-air auf dem Gebhardsberg auftrat und noch viel mehr 1975, als er am selben Ort seine erste eigene Band „Colours“ präsentierte. Von dort an war der Name Weber auf der Besetzungsliste Grund genug, ein Jazzkonzert zu besuchen – sei es eines seiner eigenen Projekte oder ein Dutzendmal in diversen Bands des Saxophonisten Jan Garbarek, mit dem er 25 Jahre lang unterwegs war. Technisch wurde Weber immer versierter, aber er realisierte selbst musikalisch komplexe Ideen stets voller emotionaler Wärme, melodischer Schönheit und mit einer für dieses Instrument unglaublich breiten Soundpalette. Er kannte natürlich die amerikanischen Jazz-Großmeister auf dem Bass, verstand sich aber stets als von der europäischen Klassik beeinflusster Musiker. Die Veröffentlichung des Albums „Once Upon A Time - Live in Avignon“, ein 1994 beim Festival de Contrabasse im Théâtre des Halles aufgenommenes Solokonzert des gebürtigen Stuttgarters, ist nun ein absoluter Glücksfall, dokumentiert es doch den seit einem Schlaganfall 2007 halbseitig gelähmten Ausnahmebassisten auf dem absoluten Höhepunkt seiner Kunst. Zu hören sind „Air“ und „Ready Out There“ vom 1988-er Album „Orchestra“, „Delirium“, „Silent For A While“, „My Favorite Things” und das Titelstück des Solo-Albums „Pendulum“ (1993), sowie das knapp 13 Minuten lange „Trio For Bassoon And Bass“. Mittels Delay-Effekten, die er bei Bill Frisell entdeckte, Overdubbing und Loops gelang es Weber, auf klangmalerische Weise eindrucksvolle Stimmungen zu erschaffen und mit sich selber in Dialog zu treten. Das war stilbildend, und bestenfalls ergaben sich daraus unglaublich intensive, gleichsam magische Momente. Mit dem ihm eigenen Witz erzählte Eberhard Weber in einem „Zeit“-Interview, dass er diesem Album eigentlich den Titel „Last Stroke“ verpassen wollte, zweideutig zu übersetzen mit „Letzer Streich“ und „Letzter Schlaganfall“. „Das war’s” übertitelte das Magazin, den Bassisten zitierend, den Artikel. Ja, das mag es angesichts seines Gesundheitszustandes wohl tatsächlich gewesen sein, aber es war unglaublich viel!

(ECM/Universal)

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