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11.11.2021 |  Peter Füssl

Ensemble Kuhle Wampe: Extended

„Grenzen” heißt der mit explodierendem Saxophon und cool elektrifizierten Untertönen kontrastreich angelegte, sechsminütige Auftakt-Track des Debüt-Doppelalbums des Ensembles Kuhle Wampe, der auf intelligente Weise musikalisch die Zerrissenheit der verbalen Aussagen widerspiegelt. Dabei handelt es sich größtenteils um Wortspenden des nunmehr ehemaligen Gröbaz (Größten Bundeskanzlers aller Zeiten) zu Flüchtlingsströmen und Grenzkontrollen, was in Wortspielen zu Grenzen aller Art übergeht. Epizentrum des jegliche literarisch-musikalische Richterskala zu sprengen drohenden, jungen Wiener Ensembles – das nach einem unter Mitwirkung Brechts und Eislers entstandenen 1930-er Jahre Film zur Weltwirtschaftskrise und zur verzweifelten Situation der verarmten Arbeiterschaft benannt wurde – ist der 1970 in München geborene und nach einem längeren Zwischenspiel in Berlin nun in Wien lebende Schauspieler und Sprachkünstler Christian Reiner.

Er bombardiert die Hörerschaft mit einer vollen Breitseite aus philosophischen Texten, Platitüden, absurden Anekdoten, Sprichwörtern und Gesprächsschnipseln gepaart mit nonverbaler Vokalartistik, Schreien und nach imaginären Fremdsprachen klingendem Nonsens. Nicht weniger einfallsreich und exzentrisch agiert die vom Tenorsaxophonisten Leonhard Skorupa und dem Bassisten Tobias Vedovelli kurz vor dem ersten Lockdown 2020 gegründete Band. Die beiden steuern gemeinsam mit Keyboarder Michael Tiefenbacher auch alle Kompositionen und Arrangements bei. Erklärtes Ziel ist es, Musik mit politischen Inhalten zu machen, allerdings keineswegs streng ideologisch gefärbt oder moralinsauer, sondern witzig und spritzig. Die Genannten haben in Trompeter Martin Eberle, Posaunist Georg Schrattenholzer, Alt- und Sopransaxophonistin Astrid Wiesinger, Gitarrist Andreas Tausch, Perkussionist Lukas Aichinger, Florian Widhalm am Sousaphon und den beiden Drummern Christian Eberle und Michael Prowaznik ausgesprochen experimentierfreudige Mitstreiter gefunden. Das Ensemble Kuhle Wampe scheint die unterschiedlichsten musikalischen Einflüsse in sich hineingefressen zu haben, um sie nun – perfekt zu den verschiedenartigen verbalen und nonverbalen Äußerungen passend – in einem breiten Spektrum an Farben, Formen und Intensitäten wieder auszuspucken. Jazz, Rock, Funk, freie Improvisation – mal klingen sie wie eine durchgeknallte Marching Band aus New Orleans auf der Flucht vor dem nächsten Hurrikan, dann wieder wie Blood, Sweat & Tears auf Acid. Elf Titel auf knappe zwei Stunden verteilt – witzig, klug, unkonventionell. Sprachlich-musikalischer Wahnsinn im fortgeschrittenen Stadium, wie er auch jedem Frank Zappa-Fan Freudentränen in die Augen treibt!

(waschsalon Records)

https://waschsalonrecords.bandcamp.com/album/kuhle-wampe-extended

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