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06.05.2020 |  Peter Füssl

Grégoire Maret: Americana

Man kann natürlich auch ein „Americana“ getauftes Album gleich mit etwas völlig Unerwartetem starten, nämlich mit dem unter den Eindrücken des Falkland-Krieges 1982 von Dire Straits-Gitarrist Mark Knoepfler geschriebenen, melancholischen Titelstück des Millionensellers „Brothers in Arms“. Ein „britischer“ Song, wenn man so will, der sich aber auf Mundharmonika-Piano getrimmt nahtlos in das erträumte musikalische Cinemascope-Bild aus prasselndem Lagerfeuer, im Wind über die unendliche Weite treibenden Präriegrasbüscheln und durch staubige Ebenen mäandernden Flüssen, an denen einsame Westerngeisterstädte liegen, einfügt.

Dieses Album ist eine sich am Mythos des American Dream orientierende Liebeserklärung des aus Genf stammenden Mundharmonikavirtuosen Grégoire Maret und des französischen Pianisten Romain Collin an ihre Wahlheimat, denn beide leben schon seit vielen Jahren in New York. Im experimentierfreudigen Gitarristen Bill Frisell, der längst Country- und Bluegrass-Elemente in sein vielschichtiges Jazz-Oeuvre integriert hat und neben Akustik- und E-Gitarre gerne auch mal zum Banjo greift, haben sie den idealen Verbündeten gefunden. Mit seinen Kompositionen „Small Town“ (aus dem gleichnamigen 2017-er ECM Duo-Album mit Thomas Morgan) und „Rain, Rain“ (1999 auf „Good Dog, Happy Man“ veröffentlicht) gibt er die grundlegenden Stimmungen vor, die auch in Marets und Collins Eigenkompositionen variiert werden. Dieses Album würde Soundtracks für eine Handvoll Western liefern – allerdings mit dem Schwerpunkt auf nostalgischer Schönheit, rustikaler Ursprünglichkeit und wehmütiger Verträumtheit statt auf Action und Dramatik. Besonders schön verschränken sich Gitarre, Piano und Mundharmonika auch in Jimmy Webbs melodienseliger Jahrhundert-Komposition „Wichita Lineman“, von Glen Campbell 1968 zum Country-Hit gemacht und von Dutzenden von Stars von Tom Jones über Ray Charles und Johnny Cash bis hin zu R.E.M. gecovert. Schon rechnet man mit lauter Stücken so voller wohltuender Ruhe, dass einem nicht einmal die fehlenden Ecken und Kanten abgehen, als sich dann mit den letzten drei Stücken doch noch der Grundcharakter ein wenig öffnet. Bei Marets „The Sail“ zieht das Tempo ein wenig an, wodurch Collins eindrucksvolle pianistische Fingerfertigkeit so richtig zur Geltung kommt. Justin Vernon/Bon Ivers „Re: Stacks“, mit mehr als 8 Minuten das längste Stück des Albums, fällt durch eine frei improvisierte, soundmalerische Passage im Mittelteil als vielleicht experimentellstes Stück des Albums auf – mit einem fast fließenden Übergang zum finalen „Still“, einer mit elektronischen Effekten aufgeladenen, meditativen Duoimprovisation von Maret und Collin. Ein Album, das ein breites Publikum attraktiv finden könnte – vor allem aber Mundharmonika-Fans, denn Grégoire Maret ist ein absolutes Ass auf diesem im Jazzbereich nicht so häufig gespielten Instrument!

(ACT)

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