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23.11.2021 |  Peter Füssl

Heiri Känzig: Travelin’

Der Schweizer Kontrabassist Heiri Känzig liefert uns mit „Travelin‘“ ein wunderbares Gegenmittel gegen das durch die Corona-bedingten Lockdowns, Quarantänen und Reisebeschränkungen hervorgerufene Fernweh, ist doch der in New York als Sohn einer Argentinierin und eines Schweizers geborene Musiker quasi schon von Geburt an Weltenbummler. Mit seinen zehn neuen Eigenkompositionen führt uns der für sein melodisches, kraftvoll groovendes Spiel bekannte Tieftöner über alle Genregrenzen und Meere hinweg in den Nahen Osten, nach Südamerika, Kenia und in die Türkei.

Das Gründungsmitglied des Vienna Art Orchestra ist es längst gewohnt, sich in unterschiedlichsten musikalischen Idiomen auszudrücken – man denke nur an sein witziges und hochenergetisches Alpin-Jazz Trio Depart, sein „Buenos Aires“-Album mit dem Bandoneonisten Michael Zisman oder sein Crossover-Projekt „Thien Shan Schweiz Express“. Nicht weniger reiselustig sind auch Känzigs Mitstreiter:innen, darunter als altbekannte Weggefährten der subtil rockende Drummer Lionel Friedli und der lyrisch-expressive Flügelhornist Matthieu Michel. Pianist Marc Méan sorgt für melodisch-harmonische Raffinesse, während der auch in klassischer arabischer Musik geschulte, tunesische Oud-Spieler Amine M’raihi und die von armenischen und afrikanischen Projekten her bekannte, lautmalerisch agierende Vokalistin Veronika Stalder virtuose Glanzlichter setzen. Besonders wirkungsvoll ist es, wenn sich Stimme und Oud oder Flügelhorn auf Unisono-Pfaden bewegen, sich umranken oder wechselseitig vorantreiben. Etwa beim rasanten Titelstück, das als Opener gleich eine Menge orientalisches Flair versprüht und sowohl M’raihi als auch Stalder auf Anhieb überzeugend ins Rampenlicht stellt. Über das sanfte Latin-Feeling von „Nostalgia“ geht’s weiter zum quicklebendigen Afro-Groove „Nighttime In Mombasa“, in dem sich die unglaublich expressive und wandlungsfähige Veronika Stalder, die zwischendurch auch durchaus wie eine Querflöte klingen kann, mit Matthieu Michel duelliert. Auf Nachdenkliches am „Cloudy Bosphorus“ folgen ein spannungsgeladener „Distant Traveller“ mit exzellentem Flügelhornsolo und ein in stimmungsvollen Pastellfarben gemaltes „Island“. Das mit einem unglaublich lässigen Bass-Groove grundierte und von Friedli mit rockigen Beats vorangetriebene „Time Crystal“ überrascht mit einem Break durch Stimme und gestrichenen Bass samt Bläserattacke. Das bekannte Schweizer Jodellied „Wenn min Schatz go fuetere goht“, das Heiri Känzig 2008 auch schon mit Depart präsentierte, rundet das Album ab und wirkt interessanterweise im Jazzkontext besonders exotisch. Fernweh abgestreift? Nein, ganz im Gegenteil, bei diesen Sounds erst so richtig aufgebaut! 

(Universal)

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