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28.05.2020 |  Peter Füssl

Jean-Louis Matinier / Kevin Seddiki: Rivages

Akkordeonist Jean-Louis Matinier und Gitarrist Kevin Seddiki – beide klassisch ausgebildet und längst in unterschiedlichsten musikalischen Gefilden von Jazz, neuer Musik und Ethno bis hin zur freien Improvisation zuhause – zelebrieren auf „Rivages“ die hohe Kunst des Duos. Während Matinier von diversen Projekten mit Anouar Brahem, Louis Sclavis oder François Couturier her den ECM-Freunden ein Begriff ist, bestreitet sein französischer Landsmann mit diesem Album sein Label-Debut. Man kennt sich schon seit zehn Jahren und hat in diversen Formationen miteinander gespielt, etwa im Trio mit Bijan Chemirani – dementsprechend leicht von der Hand gehen die abwechslungsreich hingezauberten, stimmungsvollen Seelenlandschaften.

Beide lassen durchaus ihr virtuoses Können aufleuchten, konzentrieren sich aber ganz besonders auf den kunstvollen Dialog, tauschen souverän und fast unmerklich die Rollen von dominanter Stimme und Begleitung und leuchten selber, indem sie das musikalische Spotlight uneigennützig auf den Partner richten. Sie verstehen ihr über Jahre hinweg erarbeitetes Repertoire als „weltoffene Kammermusik“, in der vieles Platz hat. Das auf einer bulgarischen Melodie und einem Thema Robert Schumanns basierende „Schumannsko“ von Seddiki/Merlin/Chemirani, das verträumt nachdenklich beginnt, um dann wie eine alte Dampflok rasant an Fahrt aufzunehmen, ebenso wie Gabriel Faurés etwas traurig dahinschaukelndes „Les Berceaux“, oder das gedankenverlorene „La chanson d’Hélène“ des französischen Filmmusikgroßmeisters Philippe Sarde. Ihren Einfallsreichtum lassen sie auch mit einer unkonventionellen Bearbeitung des vielgespielten Traditionals „Greensleeves“ aufblitzen. Der Großteil der Kompositionen stammt aber aus den Federn der beiden Akteure, die durchaus auch mit freien Improvisationen zu reüssieren verstehen. Matinier lässt sein Akkordeon tief durchatmen und seufzen, wellengleich wogen, unheilvoll gewittern und sich in sonnendurchfluteten Melodien ergießen. Seddiki zupft die Gitarre in klassischer Manier, gewinnt ihr aber auch ganz besondere perkussive Reize ab, die auf seine intensive Beschäftigung mit der persischen Bechertrommel Tombak (Zarb) zurückgehen. So entstehen emotional stark wirkende, zwischen meditativen Träumereien, zarten Soundcollagen und aufwühlender Dramatik pendelnde Stimmungsbilder, die sich über Zeit und Raum völlig hinwegzusetzen scheinen.

(ECM/Vertrieb: www.lotusrecords.at / digital: www.universalmusic.at)

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