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11.02.2020 |  Peter Füssl

Joachim Kühn & Mateusz Smoczyński: Speaking Sound

Letztes Jahr im März feierte der deutsche Pianist Joachim Kühn, in dessen Spiel sich ein breites Spektrum der Musikgeschichte von J.S. Bach bis zum Free Jazz, vom Jazzrock bis zum Ethno-Jazz auf beeindruckende Weise widerspiegelt, mit der grandiosen Solo-Produktion „Melodic Ornette Coleman“ seinen 75. Geburtstag. Aber Kühns musikalische Abenteuerlust kennt weder Alter noch Grenzen und so lud er schon einen Monat später den Geiger Mateusz Smoczyński für drei Tage in sein Studio auf Ibiza, wo sie gemeinsam die hohe Kunst des musikalischen Dialogs zelebrierten.

Angesichts bisheriger Duo-Partner des Pianisten wie Coleman oder Archie Shepp, tritt der um vierzig Jahre jüngere Pole in große Fußstapfen, aber mit generationenüberspannenden Projekten hat Joachim Kühn schon öfters reüssiert – man erinnere sich etwa an sein 2014er-Duo-Album „Moscow“ mit dem jungen russischen Saxophonisten Alexey Kruglov. Der im renommierten Turtle Island String Quartet und im Atom String Quartet ohnehin schon längst als musikalischer Grenzsprenger sozialisierte Mateusz Smoczyński verfügt aber zusätzlich noch über ganz spezielle Berührungspunkte mit dem Pianisten. So hat er etwa mit seinem polnischen Quartett 2017 ein Album mit Kompositionen des wegweisenden, jung verstorbenen polnischen Jazzgeigers Zbigniew Seifert eingespielt, mit dem Kühn schon in den 1970er-Jahren mehrere großartige Projekte realisiert hat. Kühn und Smoczyński beherrschen die Idiome der Klassik, der zeitgenössischen Kammermusik und diverser Spielarten des Jazz, sind virtuose Techniker und leidenschaftliche Improvisatoren mit einem Hang zum Unkonventionellen. Aus der Feder des Pianisten stammen fünf der neun Kompositionen, etwa der wunderschöne, zwischen süßer Melancholie und dramatischen Einwürfen pendelnde Opener „Epilog der Hoffnung“, das auf der Baritonvioline realisierte und ebenso wie das klangmalerische „After The Morning“ in freie Gefilde ausbrechende „Love And Peace“, oder das – nomen est omen – exzentrische „Paganini“. Melodische Schönheit und Eingängigkeit reiben sich genussvoll an Vertracktem und Experimentellem. Zusätzliche Farbtupfer liefern je eine Komposition des auch von Keith Jarrett verehrten charismatischen Esoterikers Georges I. Gurdjieff und des Oud-Virtuosen Rabih Abou-Khalil, die sanft ins Orientalische verweisen, während Vincent Peiranis düster-dramatisches „Schubertauster“ auf zeitgenössischer Konzertmusik basiert. Joachim Kühn und Mateusz Smoczyński treiben nicht zuletzt auch im wohl aus einer gemeinsamen Improvisation entstandenen „Maria“ ihre Dialogkunst zur Höchstform und wechseln nahtlos zwischen Gefühlvollem und Exzessivem, expressiven Ausbrüchen und zarter Verträumtheit.

(ACT)

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