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11.03.2021 |  Peter Füssl

Joachim Kühn: Touch the Light

Der 77-jährige Joachim Kühn bewegte sich seit mehr als einem halben Jahrhundert in den unterschiedlichsten Konstellationen und Formationen souverän im Spannungsfeld zwischen Bach und Free Jazz, Fusion und Ethno-Jazz. Er kann auch auf ein Dutzend exzellenter Solo-Alben verweisen – zuletzt etwa auf das 2019 erschienene „Melodic Ornette Coleman“, eine spannende Auseinandersetzung mit dem Free Jazz-Titanen und seinen nicht immer ganz leicht verdaulichen „Harmolodics“. Während er damals auf faszinierende Weise mit unglaublicher Intensität und teils wahnwitziger Piano-Artistik den melodischen Reichtum innerhalb der komplexen Strukturen freilegte, geht Kühn auf der neuen Produktion gänzlich andere Wege.

Auf den 13 Titeln seines ersten Balladen-Albums glänzt er – für ihn ziemlich ungewöhnlich – durch absolute Reduktion und eine warme, in die Tiefe gehende Ruhe. Sie sind im Münchner ACT-Headquarter aus insgesamt 40 Stücken ausgewählt worden, die der Pianist hauptsächlich während der Corona-Pandemie mittels seines DAT-Recorders im Heimstudio auf Ibiza an seinem Steinway mit Blick aufs Meer aufgenommen hatte. Das sonnendurchflutete Titelstück „Touch The Light“ und das nachdenkliche Portrait der alten portugiesischen Königsstadt Sintra stammen aus Kühns Feder, zu den aus unterschiedlichsten Genres stammenden Fremdkompositionen bestehen meist biographische Bezüge. So war Joe Zawinul, dessen hoffnungsfroh-lyrisches „A Remark You Made“ er interpretiert, 1966 ein Juror beim Gulda-Wettbewerb in Wien, den Kühn als 22-Jähriger für die Flucht aus der DDR nutzte. Schon bei Gato Barbieris Einspielung des berühmten Filmmusik-Themas zu „Der Letzte Tango in Paris“ 1972 saß Joachim Kühn am Piano – selbst in der Solo-Version spürt man noch das Knistern zwischen Brando und Schneider. Cineasten dürften sich auch an Bobby Vintons 1961er-Version von „Blue Velvet“ erinnern, die David Lynch 25 Jahre später in seinem gleichnamigen Mystery-Thriller einbaute. Manche Mitmusiker nennen Kühn wegen seines ähnlichen Aussehens „Beethoven“, wie er das Allegretto aus dessen siebter Sinfonie interpretiert, dürfte aber auch auf eine musikalische Wahlverwandtschaft hinweisen. Der auch von Wayne Shorter bekannt gemachte Milton Nascimento-Evergreen „Ponta de Areia“ lädt dazu ein, die Gedanken in weite Fernen schweifen zu lassen, während der Prince-Hit „Purple Rain“ und Bob Marleys „Redemption Song“ wunderbar stimmungsvolle Hommagen an zwei unsterbliche Ikonen der populären Musik sind. Eingerahmt wird das Album von Mal Waldrons „Warm Canto“, das seinem Titel mehr als gerecht wird, und Bill Evans‘ bezauberndem „Peace Piece“. Bei Davenport/Cooleys „Fever“ geht es ausnahmsweise einmal ziemlich funky zur Sache, aber in Summe betont dieses wohltuend gelassene Album erstmals ausschließlich die sensible, beseelte Seite eines großartigen Pianisten, der bislang als freigeistiger Avantgardist mit ungestüm-expressiven Improvisationen und waghalsigen Harmoniesprüngen Furore machte. Eine Seite, die es in dieser Konsequenz erst noch zu entdecken galt.

(ACT)

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