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03.05.2022 |  Peter Füssl

Jon Balke Siwan: Hafla

Der Pianist, Keyboarder und Komponist Jon Balke zählt nicht nur zu den einfallsreichsten Köpfen der nordischen Musikszene, sondern nunmehr auch schon seit 1975 zu den Aktivposten des renommierten Münchner ECM-Labels, wo er auf mehr als zwei Dutzend Alben vertreten ist. Eines seiner interessantesten, aber auch im besten Sinne schönsten Projekte ist das 2009 gegründete Ensemble Siwan, für das der Norweger aus den unterschiedlichsten Traditionen und Genres stammende Musiker:innen vereint, um der Dichtung und der Musik von al-Ándalus nachzuspüren und ihnen neues, zeitgemäßes Leben einzuhauchen. Er lässt sich viel Zeit zwischen den Produktionen, nach dem Debüt und dem 2017 erschienen „Nahnou Houm“ ist „Hafla“ erst das dritte Siwan-Album in dreizehn Jahren, aber jedes ist ein wahres Kleinod.

Wichtigste künstlerische Ansprechpartnerin und Quelle der Inspiration ist für Balke wieder die algerische Sängerin Mona Boutchebak, die schon beim zweiten Album diese Rolle von der marokkanischen Sängerin Amina Alaoui übernommen hatte. Dieses Mal entführen uns die von Boutchebak auf Arabisch, Spanisch, einmal auch auf Englisch gesungenen Verse der Ummayad-Prinzessin Wallada bint al-Mustakfi, ihres Geliebten Ibn Zaydun, von Ibn Sara As-Santarini und anderen Poeten in das Andalusien des 11. Jahrhunderts. Sie handeln von Liebe, Sehnsucht, Verrat und Eifersucht, von Zuversicht und Verzweiflung, sind melancholisch, dramatisch, geheimnisvoll, manchmal auch ziemlich unverblümt. Jon Balke setzt auf höchst kreative Weise die sprachliche Ausdrucksstärke und den verblüffenden Bilderreichtum dieser Gedichte in ebenso farbenreiche, expressive und unterschiedlichste Stimmungen widerspiegelnde Musik um. Dabei spannt er elegant eine Brücke zwischen Orient und Okzident, lässt den Schlagzeuger Helge Norbakken und die von Bjarte Eike geführten acht Barokksolistene aus Norwegen auf den Türken Derya Turkan an der Kastenhalslaute Kemençe, den persischen Tombak-Trommler Pedram Khavar Zamini und Sängerin Mona Boutchebak, die auch die algerische Oud Kwitra spielt, treffen. Mit seinen einfallsreichen, durch emotionsgeladene Streicher-Passagen und rhythmische Feuerwerke gekrönten Arrangements gelingt es ihm, die Stärken und Raffinessen der unterschiedlichen musikalischen Traditionen stimmig zusammenzuführen und in ihrer Wirkung zu potenzieren. Das gilt natürlich auch für die wundervoll reduzierte Ballade „Mirada Furtiva“, das einzige Stück, das nicht von Balke, sondern von Boutchebak komponiert wurde. Es mag sich teilweise um sehr alte musikalische Elemente handeln, oder um Reminiszenzen an die großen ägyptischen Orchester aus der Zeit Oum Kalthoums in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, aber das Ergebnis ist absolut heutig und Lichtjahre entfernt von jeglichem Ethno-Kitsch. In Summe ist „Hafla“ also wieder eine gelungene Annäherung an die durch Offenheit und Toleranz geprägte Gedankenwelt von al-Ándalus, wo unterschiedlichste Religionen und Ethnien harmonisch zusammenlebten, als rundum noch das finstere Mittelalter tobte. Kein Wunder, dass diese Welt in unserer zunehmend deprimierenden Gegenwart längst zu einem – möglicherweise auch etwas verklärten – Sehnsuchtsort geworden ist. Die Produktionsverhältnisse für dieses Album waren Corona-bedingt hingegen alles andere als einfach: zweimal mussten die Aufnahmen verschoben werden, dann wurde schließlich im Schichtbetrieb aufgenommen, weil nicht alle Musiker:innen gleichzeitig ins Studio durften, und der Perser Zamini durfte überhaupt erst ganz zum Schluss das fast fertige Produkt noch veredeln, als endlich auch seine Reisebeschränkungen aufgehoben worden waren. Große Mühe, noch größerer Hörgenuss!

(ECM/Universal)

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