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13.07.2021 |  Peter Füssl

Julian Lage: Squint

Der 33-jährige Kalifornier Julian Lage hat längst das Gitarren-Wunderkind-Image des Achtjährigen, der mit Carlos Santana auf der Bühne stand und in einem Aufsehen erregenden Dokumentarfilm porträtiert wurde, hinter sich gelassen und ist mit elf Alben unter seinem Namen und unzähligen Engagements bei prominenten Kollegen zu einer der herausragenden Persönlichkeiten auf seinem Instrument geworden. Diesen Ruf wird er nun auch mit seinem exzellenten Blue-Note-Debüt zementieren, das er gemeinsam mit seinem Langzeit-Bassisten Jorge Roeder und The Bad Plus-Drummer Dave King aufgenommen hat. Eigentlich sollte es schon nach einem sechstägigen Engagement im legendären Village Vanguard im Jänner 2020 ins Studio gehen, aber corona-bedingt trat eine längere Zwangspause ein, die laut Lage dazu führte, dass das Ausgangsmaterial unter dem Eindruck der Pandemie, aber auch der Black-Lives-Matter-Bewegung manches von seiner unbeschwerten Schönheit verlor und an Tiefe gewann, bis es dann letzten August endlich ins Studio in Nashville ging.

Das Trio hat bereits vor zwei Jahren ein erfolgreiches Album mit lauter Cover-Stücken eingespielt und ausgiebig getourt, folglich verstand man sozusagen im kollegialen Blindflug intuitiv aufeinander einzugehen, als es darum ging, den neun Eigenkompositionen von Julian Lage, sowie Mandel/Mercers „Emily“ und Billy Hills Cowboy-Schnulze „Call of The Canyon“ musikalisches Leben einzuhauchen. Lage gelingt es perfekt, seine ausgeprägten Neigungen für eingängiges Song-Writing und inspirierte Jazzimprovisationen unter einen Hut zu bringen. Alles klingt irgendwie ausgefeilt und geht leicht ins Ohr, dennoch steckt hinter allem auch eine gewisse Komplexität, und es stellt sich niemals der Eindruck von Oberflächlichkeit oder gar saitenartistischem Imponiergehabe ein. Klarerweise mangelt es Julian Lage keineswegs an virtuosem Können, aber wie auch sein Mitwirken an diversen Projekten seines unkonventionellen Gitarristen-Kollegen Nels Cline oder des Saxophonisten Charles Lloyd (ebenfalls bei Blue Note) darauf schließen lässt, kommt es ihm immer auch auf einen gewissen musikalischen Tiefgang an. Lage hat sich mehr als ein Jahrzehnt eingehend mit der US-Musikgeschichte befasst und integriert in seinen abwechslungsreichen Mix Elemente aus Rock („Saint Rose“, „Twilight Surfer“) und Blues („Boo’s Blues“), sophisticated Hard-Bop und diverse Americana-Spielarten wie Country oder Bluegrass („Call of The Canyon“). Am Anfang des Albums steht „Etude“, ein solistisch dargebotenes kammermusikalisches Kleinod, wohingegen das Titelstück „Squint“ ziemlich rockig beginnt und dann in rasant swingenden Bop übergeht. Zu besonderen Gustostücken geraten aber auch Balladen wie das gefühlvolle „Emily“, das sich zu einem ekstatischen Höhepunkt erhebende „Day & Age“, oder das düster unterlegte „Quiet Like A Fuse“. Ein konsensfähiges Gitarren-Album, das über alle Stilgrenzen hinweg Freunde finden wird.

(Blue Note)

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