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09.09.2021 |  Peter Füssl

KUU!: artificial sheep

„It’s easier to believe fiction than real life“ lautet die erste Zeile des sechs Minuten lang nervös dahinpreschenden Openers „Crimes That Bring Me Joy“ – und das darf man ruhig als programmatisch verstehen. Der Albumtitel „artificial sheep“ verweist auf den 1968 erschienen Roman „Do Androids Dream of Electric Sheep?” des genialen US-Science Fiction-Autors Philip K. Dick. Das Quartett KUU! wollte die Texte des neuen Albums zwar ohnehin dystopisch anlegen, die Vorgänge um die das gewohnte Leben abrupt ins Wanken bringende Corona-Pandemie machten Themen wie Machtausübung, das Implementieren von Ängsten, Zwang, Kontrolle, Überwachung, Infragestellen von gewohnten Rechten einerseits und Misstrauen, Paranoia, Verschwörungstheorien, Fake-News anderseits aber mit einem Mal alltagstauglich und sorgten für Verunsicherung.

„Global network of the blockheads / spreads around it’s utter nonsense / facebook, twitter nerds are all around us / check the facts, check the facts!“ rät die für die meisten Texte verantwortliche Sängerin Jelena Kuljić im mit dissonanten Klängen und rhythmischen Verschiebungen gespickten „Shepard“. Die als Schauspielerin an den Münchner Kammerspielen engagierte Serbin versteht es perfekt, im Spannungsfeld von Spoken-Word-Performance, vielschichtigem Gesang und vokalem Wahnsinn höchst dramatische Stimmungen zu erzeugen. Nicht weniger unter die Haut gehen aber auch lyrische Stücke wie „E-Major Peace“ oder das von Arcade Fire ausgeborgte „My Body is a Cage“. Dieses Album hat null Schwachstellen, aber jede Menge schräg-genialer Überflieger, wie etwa den schrillen Selbstverwirklichungsdiskurs „Miss Stress“, den aggressiven Beastie Boys-Klassiker „Sabotage“ oder den Albumcloser „Book of Nihil“, der auf den die bürgerliche Kleingeisterei bloßstellenden Jante-Gesetzen des dänisch-norwegischen Schriftstellers Aksel Sandemose basiert. Wie schon das vor drei Jahren erschienene Debüt-Album der Band „Lampedusa Lullaby“ ist auch „artifical sheep“ eine hochenergetische Wundertüte voller musikalischer Überraschungen. Befüllt wurde sie wie auch damals schon vom experimentierfreudigen finnischen Berliner Kalle Kalima, der seine Gitarre einfallsreich und höchst eigenwillig mit jener seines Saiten-Kumpels Frank Möbius verzahnt und dabei gleichzeitig auch noch die Bassfunktion übernimmt. Christian Lillinger treibt das Geschehen mit seinem einzigartigen, ungemein kraftvollen und gleichzeitig sensibel gespielten Dauertrommelfeuerwerk an. Gemeinsam kreieren sie so den perfekt passenden Soundtrack zu den vokalen Eskapaden von Jelena Kuljić. „Eine der krassesten Sachen, die ich je gemacht habe“, lautet Kalle Kalimas Kommentar zu diesem Album – und das mag etwas heißen. Ein höchst intensives und außergewöhnliches Vergnügen!

(ACT)

Konzert-Tipp: KUU! präsentieren das neue Album am 16.9. im Kulturzentrum Altes Kino in Landeck.

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