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06.10.2020 |  Peter Füssl

Michael Wollny: mondenkind

Genau 46 Minuten und 38 Sekunden lang ist Michael Wollnys erstes Soloalbum, das entspricht exakt jener Zeitdauer, die der Apollo 11-Astronaut Michael Collins am 20. Juli 1969 bei jeder seiner Umrundungen des Mondes im Raumschiff Columbia ohne jeglichen Blick- oder Funkkontakt zur Erde war, während seine Kollegen Neil Armstrong und Edwin „Buzz“ Aldrin die ersten Schritte der Menschheit auf den Erdtrabanten setzten. Die Presse stilisierte Collins damals zum „vermutlich einsamsten Menschen aller Zeiten“, er selbst schilderte seinen damaligen, ausnahmemäßigen Gemütszustand hingegen als „Bewusstheit, Erwartung, Zufriedenheit, Zuversicht, ja beinahe Jubel“. Ähnlich gelagert dürften auch die Erfahrungen des 42-jährigen Pianisten, der die Jazzwelt bislang vor allem mit Alben in Duo- und Trio-Formaten und in Kooperation mit exzellenten europäischen Ausnahmemusikern erobert hatte, bei seiner ersten Soloproduktion gewesen sein.

Zumal Wollny bei den Aufnahmen Anfang April dieses Jahres in Berlin genau in den Höhepunkt des coronabedingten Lockdowns geriet, sich plötzlich auf menschenleeren Straßen bewegte, als einziger Gast in einem Hotel ohne Personal lebte und im Teldex Studio auch nur mit dem drei Zimmer entfernt am Aufnahmepult sitzenden Tobias Lehmann konfrontiert war. Diese Erfahrungen von Einsamkeit, des Auf-sich-selber-zurückgeworfen-Seins scheinen Wollny (wie einst Collins) nicht deprimiert, sondern beflügelt zu haben, und der konzentrierte Blick nach innen führte wohl noch zu einer Erweiterung des ohnehin schon weiten Kosmos‘ an Einflüssen und Wahrnehmungen des Künstlers. Wollny – ganz allein am Flügel, ohne technischen Schnickschnack, nur mit zwei wohlplatzierten Mikrophonen die ganz spezielle Raumakustik des eigentlich auf Klassik spezialisierten Aufnahmestudios einfangend – läuft zur Höchstform auf. In zehn Eigenkompositionen, manche nur kurze, atmosphärische Minitaturen, entfaltet er sein exzeptionelles pianistisches Können und beweist seine Fingerfertigkeit auf den 88 Tasten und auch in den Saiten. Er kreiert Stimmungen und Farben, gibt sich dezent minimalistisch und überwältigt mit enormen Klangtürmen, verzaubert lyrisch und schreckt mit dramatischen Tastengewittern auf. Wie üblich fand Michael Wollny, seit 2014 auch Professor an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig, ergänzend auch passendes Material aus den Federn seiner Lieblings-Neutöner – in diesem Fall Rudolf Hindemith und Alban Berg – und im alternativen Pop-Bereich. Nahtlos ins musikalische Geschehen fügen sich „Father Lucifer“ von Tori Amos exzellentem 1996-er Album „Boys for Pele“ oder „Mercury“ aus dem Album „Planetarium“, das „The National“-Indie-Rocker Bryce Dessner in Kooperation mit dem zeitgenössischen Komponisten Nico Muhly und dem Singer-Songwriter Sufjan Stevens vor drei Jahren veröffentlicht hat. Der Album-Titel „Mondenkind“ verweist übrigens nicht auf Wollny selber, was auch nicht ganz unpassend wäre, sondern ist eine Referenz an Michael Endes „Die unendliche Geschichte“, wo der Protagonist Bastian für die kindliche Kaiserin den Namen „Mondenkind“ findet und damit das vom finsteren Nichts bedrohte Phantásien rettet und neu erschafft. Ebenso mysteriös und zauberhaft ist auch dieses im besten Sinne „klassische“ Solo-Piano-Album geworden!

(ACT)

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