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27.11.2009 |  Peter Füssl

Pago Libre: Fake Folk

Der russische Horn- und Alphorn-Weltmeister Arkady Shilkloper, der kreative Wiener Geiger Tscho Theissing, der gleichermaßen technisch brillante wie witzige Kontrabassist Georg Breinschmid und der in der Schweiz lebende Pianist irischer Abstammung John Wolf Brennan ergeben zusammen „Pago Libre“, eines der virtuosesten, mit Sicherheit aber das witzigste Kammermusikquartett des europäischen Jazz.

Hier will ich  ausnahmsweise einmal nicht lange kritisieren, sondern die Musiker selbst zu Wort kommen lassen, in diesem Fall Tscho Theissing: „Jeder der vier Musiker von Pago Libre steht in einer musikalischen Tradition, kein von uns jedoch kann in seiner Familie einen archaisch jodelnden Bergbauern oder Balalaika spielenden Kosaken vorweisen. Mit einem Wort: Um unsere volkstümliche Authentizität ist es schlecht bestellt. Wenn wir nun aber von verschiedensten Volksmusiken fasziniert und geprägt sind? Wenn wir seit Jahren unsere Spielweise immer mehr mit volksmusikantischen Praktiken angereichert haben? Wie können wir authentisch sein? Jedenfalls nicht durch Imitation – das Ergebnis wäre das genaue Gegenteil von authentisch. Wir mussten unsere Glaubwürdigkeit schon selbst finden. Also schufen wir unsere individuelle Volksmusik: Anstatt die Musik unserer Vorfahren zu ergründen, betrachteten wir unsere eigene musikalische Geschichte; anstatt die Melodien fremder Länder aufzuzeichnen, erforschten wir die Musik der Völker, die in unseren Eingeweiden, in unseren Herzkammern und unter unseren Schädeldecken hausen.“ Das Ergebnis ist „Fake Folk“ und der Spaß ist wirklich grenzenlos, was aber keinerlei Zweifel an der musikalischen Ernsthaftigkeit des Projekts aufkommen lassen soll. Und auch Theissings Befürchtungen, es handle sich um „eine Volksmusik, deren Volk vorerst nur aus vier Personen besteht“ können zerstreut werden. Denn alle, die diese CD auch nur einmal gehört haben, werden schon automatisch zum Volk gehören. Komplettiert wird die Band übrigens durch den grandiosen französischen Perkussionisten Patrice Héral, der wie gewohnt wundervolle rhythmische Akzente setzt. Da wird der Wunsch wach, dieses Programm auch einmal live zu sehen.
(Zappelmusic ZM0017)

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