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10.06.2021 |  Peter Füssl

Paolo Fresu: P60LO FR3SU

Der sardische Trompeter und Flügelhornist Paolo Fresu hat sich zum 60. Geburtstag selbst ein beeindruckendes Geschenk gemacht: ein aufwändig ausgestattetes und sehr geschmackvoll gestaltetes drei CD-Set auf seinem eigenen Label Tǔk Music. 1961 im kleinen Dorf Berchidda zur Welt gekommen, begann er mit 12 Jahren Trompete zu spielen, studierte in Bologna unter anderem beim italienischen Star-Trompeter Enrico Rava und eroberte ab Mitte der 1980-er Jahre zuerst die italienische, dann die europäische Jazzszene, mit deren Crème de la Crème er ebenso musizierte wie mit US-Jazzikonen à la Carla Bley, David Liebman oder Ralph Towner.

„Heartland“, die erste CD des Dreierpacks, ist die Wiederveröffentlichung eines kaum mehr erhältlichen Albums aus dem Jahr 2001. Ein kammermusikalisches Kleinod mit dem belgischen Vokalisten David Linx, seinem Landsmann Diederik Wissels am Piano, dem exzellenten norwegischen Rhythmusgespann Palle Danielsson am Kontrabass und Jon Christensen an den Drums, sowie einem Streichquartett. Die wundervoll melancholischen Kompositionen stammen großteils von den Belgiern, geschmackvoll arrangierter Chamber-Jazz, den Paolo Fresu mit seinen von Miles Davis und Chet Baker inspirierten Tönen veredelt. Das zweite Album des Dreierpacks „The Sun on The Sea“ ist zwar neu, bringt aber ein Wiederhören mit guten alten Bekannten, mit denen Fresu schon vielfach musiziert und aufgenommen hat. Zusammen mit dem italienischen Bandoneon-Spieler Daniele di Bonaventura und dem brasilianischen Cellisten Jaques Morelenbaum spielt sich der Sarde durch melodien-verliebte Originals und Latin-Klassiker von Antonio Carlos Jobim, Baden Powell, Armando Manzanero, Fito Páez oder Victor Jara. Ein stimmungsvolles und farbenreiches Vergnügen, an dem vor allem auch die Fans von Paolo Fresus grandiosem und ungemein erfolgreichen Mare Nostrum-Trio mit Richard Galliano und Jan Lundgren Gefallen finden werden. Völliges Neuland betritt Fresu dann aber mit dem dritten Album, einer Hommage an David Bowie, die mit bekannten Hits aus den vielfältigen Schaffensperioden des vor fünf Jahren verstorbenen Engländers aufwartet – von „Space Oddity“ und „Life on Mars“ über „Rebel Rebel“ und „Heroes“ bis zu „Let’s Dance“ und „This is Not America“. Hier geht’s naturgemäß ziemlich funky und jazzrockig inklusive elektronischer Effekte zur Sache – ein Idiom, in dem sich Paolo Fresu überraschend sicher bewegt, waren seine ersten Einflüsse doch der Miles Davis in dessen Jazzrock-Phase oder der schottische Trompeter und Rockjazz-Pionier Ian Carr (Nucleus). In Gitarrist Francesco Diodati, Bassist Francesco Ponticelli, Drummer Christian Meyer und Posaunist Gianluca Petrella hat Fresu die passenden Genre-Hopper gefunden, die es durchaus auch einmal krachen lassen können, Sängerin Petra Magoni scheint aber mitunter an ihre Grenzen zu stoßen. Auch wenn man manchmal das Gefühl hat, weniger wäre unter Umständen mehr gewesen – etwa angesichts von zehn Minuten „Space Oddity“ – ist dieses Bowie-Projekt in Summe doch eine spannende Abrundung im Gesamtwerk des großartigen Trompeters und Flügelhornisten. Schön, dass uns Paolo Fresu an diesem Geburtstagsgeschenk an sich selber partizipieren lässt.  

(Tǔk Music/Edel) 

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