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25.02.2021 |  Peter Füssl

Shai Maestro: Human

Lyrische Schönheit und explosive Ausbrüche, Struktur und Dekonstruktion, Sinn für Tradition und unerschöpflicher Forschergeist – im sechsten Album unter seinem Namen, dem zweiten bei ECM, versucht der israelische Pianist Shai Maestro nicht weniger als eine musikalische Zusammenschau dessen, was sein mit verschiedenartigsten Eindrücken gespicktes Leben ausmacht. Es ist das Leben eines 34-jährigen Senkrechtstarters zwischen angesagter New Yorker Szene und seiner Heimat, in die ihn die Pandemie zurückgeführt hat.

Maestro hat ein untrügliches Gespür für eingängige Melodien und Hooks, die den Hörer auf einen Abenteuertrip mitnehmen und in unwiderstehlich schöne, aber auch überraschend fremde musikalische Landschaften führen. Beides auf einem durchaus vergnüglichen Level. Mal mit großer Sensibilität, dann wieder äußerst kraftvoll – Maestro liebt und pflegt Gegensätzlichkeiten und scheut auch nicht die große Pose, wenn sie musikalisch angebracht ist. Sein Landsmann Ofri Nehemya am Schlagzeug und der aus Peru stammende Kontrabassist Jorge Roeder sind Langzeitweggefährten, die auf jede seiner Ideen spontan die passende Antwort finden, sie begleiten, kommentieren und mit klugen Impulsen vorantreiben. Auch mit dem aus Milwaukee stammenden, gleichaltrigen Trompeter Philip Dizack hat Maestro am Big Apple schon sehr oft die Bühne geteilt. Folglich gelingt es ihm perfekt, die Stärken des Amerikaners wirkungsvoll zur Geltung zu bringen – als expressiver, dynamischer, zusätzliche Klangfarben beisteuernder Solist, aber auch in einer für einen Trompeter eher seltenen Begleitfunktion. Beeindruckend sind auch die langen Unisono-Passagen, die Piano und Trompete vereinen. Dass dieses exzellente Quartett selbst einem vielgespielten Standard wie Ellingtons „In a Sentimental Mood“ ein extravagantes neues Gewand verpassen kann, verwundert nicht. Er hatte dabei sowohl John Coltrane als auch „die durch den Raum fliegenden Noten“ des mit ihm befreundeten Vibraphonisten Joel Ross im Kopf. Noch beeindruckender ist aber die kompositorische Vielschichtigkeit Maestros, dessen in der Essenz liedhafte Stücke sich gerne als Wundertüten entpuppen – aber niemals effektheischend oder aufgesetzt wirkend, sondern stets musikalisch stringent. Hier sind besonders das im 13/8-Takt geschriebene, wilde Haken schlagende „The Thief’s Dream“ (ein witziger Verweis auf das 2018-er ECM-Debüt „The Dream Thief“) und „Mystery and Illusions“ zu nennen, die enorm dicht, aber niemals überladen mit jeweils rund acht Minuten Länge zu kreativen Spielwiesen für alle Beteiligten werden und ein enormes Spektrum an unterschiedlichsten Emotionen abdecken. Unter die Haut gehen auch das wunderschöne, romantisch-expressive Solopiano-Stück „Compassion“, das nachdenkliche, filmmusikartige, mit verzweifelten Trompetenstößen gespickte „They Went to War“ oder eine hymnisch groovende Hommage an Hank Jones und Charlie Haden, zwei All-Time-Heroes von Shai Maestro. Ein Album der Superlative!

(ECM/Vertrieb: www.lotusrecords.at / digital: www.universalmusic.at)   

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