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28.01.2021 |  Peter Füssl

Susanna Ridler: Geometrie der Seele

Wer jemals das Glück hatte, Gert Jonke live zu erleben, war fasziniert, wie genial er Sprachskepsis und Sprachkritik, Sprachwitz, Ironie und Gesellschaftspolitisches, tiefsinnige Gedankengänge und phantasievolle, oft bis ins Surreale hineinreichende Spracherkundungen voller Poesie mit- und ineinander verwoben hat. Dabei entpuppte sich der vor- und nachher stets sympathisch zurückhaltend und freundlich agierende, zu den Großmeistern unter Österreichs Schriftstellern zählende Kärntner während der Lesung als ein sich rückhaltlos und impulsiv in seine mitunter schwindelerregenden Texte hineinlebender Interpret seiner selbst, dem man mit offenem Mund und größtem Vergnügen lauschte. Gert Jonkes Stimme aus Originalmitschnitten von Lesungen, Gesprächen und Interviews sozusagen als viertes Instrument neben Wolfgang Puschnig an Flöte/Altsaxophon, Peter Herbert am Kontrabass und ihre Stimme/Elektronik einzubauen, war folglich eine glänzende Idee Susanna Ridlers, die sich schon seit 2013 in unterschiedlichsten Projekten und Formationen eingehend mit dem tiefsinnigen Querdenker beschäftigte.

Dessen in vielen Werken durchaus auch realisierte Aussage „Ich möchte mit der Sprache nicht nur erzählen, sondern auch Musik machen“ weckte das Interesse der mit dem elektroakustischen Ensemble {koe:r} im Grenzbereich von Jazz, Elektronik und Neuer Musik bekannt gewordenen Avantgardistin, die nun zum 75. Geburtstag Jonkes (1946 – 2009) eine vielschichtige, mutige, Emotionen und Intellekt gleichermaßen ansprechende Hommage vorlegt. In der fast 44 Minuten langen Tondichtung „Der Sprachkomponist“ fügen sich 20 mehr oder weniger lange Sprach/Musikschnipsel wie ein Puzzle zu einem Gesamteindruck zusammen und lassen die Dimension von Jonkes musikalisch-dichterischem Gedankengebäude erahnen. Vom schreibenden „Weltentdecker“, der sich schon als Fünfjähriger von seiner klavierspielenden Mutter von Ravel verzaubern ließ, der schreibend seinen Platz in der Welt suchte, einen surrealistisch-witzigen Kampf mit seinem anarchistisch agierenden Mund ausfocht, sich im Rahmen seiner Heimatfantasien aus Sprache ein Haus, eine Heimat bauen wollte, sein Misstrauen gegenüber „normalen“ Erzählungen ausdrückte oder über Schreiben und Kunst als Wissenschaft räsonierte. Dabei wirkt die vielgestaltige, stilübergreifende Musik – frei Improvisiertes, Jazziges, Vokalartistisches bis hin zu elektronisch generiertem Orchestralem – keineswegs nur untermalend, sondern vielmehr kommentierend, interpretierend und in gewisser Weise auch die Worte erhellend. Im besten Falle gelingt ein sich wechselseitiges Emporschrauben der Deutungsebenen. Nicht weniger eindrucksvoll sind die dreisätzige Sonate „Radio Jonke“ – in der er sich als „heimlicher Musiker“ outet – und das 15 Minuten lange viersätzige, ungemein schräge Melodrama „Chlorophyllklangpulverstaub oder Die Erforschung des botanischen Tongewebes“. Für aufgeschlossene Musikfreunde ist dieses Album eine wahre Wundertüte, aber auch Jonke-Kennern bietet sie Überraschendes, da Susanna Ridler von der Gert-Jonke-Gesellschaft die Möglichkeit erhielt, im Arbeitszimmer des großen Dichters herumzustöbern, wo sie auf großartige, bislang unveröffentlichte Trouvaillen gestoßen ist, die sie für ihr faszinierendes, Aufmerksamkeit forderndes und verdienendes Meisterwerk verwenden durfte.

(Electroland Records Vienna / Vertrieb: www.lotusrecords.at)

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