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19.12.2021 |  Peter Füssl

SWR Big Band – Magnus Lindgren – John Beasley: Bird Lives. The Charlie Parker Project

Am 29. August 2020 hätte in der Jazz-affinen Welt der 100. Geburtstag von Charlie „Bird“ Parker gefeiert werden sollen, die Corona-Pandemie hat aber vielerorts einen Strich durch die Rechnung gemacht. So auch dem schwedischen Saxophonisten/Flötisten Magnus Lindgren und dem amerikanischen Pianisten John Beasley, die zu diesem Anlass ein Großprojekt in der berühmten Hollywood Bowl geplant hatten. Der eine in Stockholm, der andere in Los Angeles stationiert, schickten sie via Internet Files mit Ideen und Entwürfen für Arrangements von Parker-Klassikern und gerne von Bird gespielten Standards hin und her, verfeinerten, spannen weiter und perfektionierten so lange, bis für beide das Ergebnis passte. Und das ist – nicht nur für Parker-Fans, Bebop-Gläubige und Big-Band-Fanatiker – schlicht und einfach fantastisch!

„Bird Lives“ nennt sich das Album, das Lindgren und Beasley mit der renommierten, um zehn Streicherinnen erweiterten SWR Big Band und prominenten Gastsolist:innen aufgenommen haben. Beasley und Lindgren erweitern Feuer, Kraft und Brillanz des Bebop und sorgen für neue Akzente, indem sie auf stimmige Weise zeitgemäße harmonische Ideen, ungewöhnliche Rhythmen oder Funk- und Latin-Elemente einfließen lassen. Die Stücke sind zum Teil über acht Minuten lang, das lässt viel Zeit für atemberaubende Twists und Turns der Bläser-Sections und natürlich auch für mitreißende Soli. So wird der furiose Opener, eine Kombination aus den Parker-Klassikern „Cherokee“ und „Koko“, durch den exzellenten Scat-Gesang der französischen Ausnahme-Solistin Camille Bertault und ein atemberaubendes Tenor-Sax-Solo von Chris Potter veredelt. Gershwins „Summertime“ entwickelt sich mit dem soul-getränkten Alt-Sax Tia Fullers und der schmeichelzarten Gitarre von Klaus-Peter Schöpf zum opulenten R’n’B-Orchesterstück, während „Confirmation“ unter anderem mit einem Flötensolo Magnus Lindgrens (wie man es von ihm aus Nils Landgren’s Funk Unit gewohnt ist) einen funky Drive entwickelt. Die Kombi aus den Parker-Originals „Scrapple From The Apple“ und „Ah Leu Cha“ entwickelt dank afrokubanischer Metren mitreißendes Latin-Feeling, das eine ideale Basis für Martin Auers heiße Trompete und Lindgrens brodelndes Tenorsax bildet, unterbrochen durch eigenwillige Orchester-Interludes. In eine ähnliche Richtung geht „Donna Lee“ mit dem puertorikanischen Altsaxophonisten Miguel Zenón als Gast. Joe Lovano schwelgt in „I’ll Remember April“ mit seinem Tenorsax über einem großorchestralen Balladenteppich, nicht weniger leidenschaftlich gerät Charles McPhersons Alt-Sax-Solo im Soundtrack-Klassiker „Laura“. Witzigerweise kommt erst als Finale die „Overture to Bird“, in die Lindgren und Beasley in gute vier Minuten insgesamt 20 von Charlie Parker komponierte oder gespielte Stücke verbraten haben. Ein wundervolles musikalisches Ratespiel für einschlägige Fans und das letzte Highlight einer exzellenten Hommage an einen der ganz Großen des Jazz, dessen epochales musikalisches Erbe – wohl ganz in Sinne Charlie Parkers – mit Bedacht auf die Bebop-Tradition, aber mit unkonventionellen Ideen gespickt stimmig in die Jetztzeit transformiert wurde.     

(ACT)

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