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29.09.2020 |  Peter Füssl

Terje Rypdal: Conspiracy

Es war der 22. Juni 1974, als der Verfasser dieser Zeilen vom Terje Rypdal Trio (mit Jon Christensen und Sveinung Hovensjø) im Rahmen der Bregenzer Randspiele an einem wunderschönen open-air-Abend am Gebhardsberg endgültig im Jazz sozialisiert wurde. Damals hatte der Norweger gerade sein zweites Album auf ECM, „What Comes After“, veröffentlicht, und stilistisch war es für einen Fan elaborierter Rock-Musik ein Leichtes, in die musikalischen Dimensionen dieser Nordmänner einzutauchen. Das allein wäre Grund genug, in nostalgischen Gefühlen zu schwelgen, denn „Conspiracy“ kommt dem Sound jener Tage vermutlich näher als der Großteil von Rypdals mittlerweile mehr als zwei Dutzend beim Münchner Label erschienen Platten. Aber sein erstes Studio-Album seit rund zwanzig Jahren ist partout kein Nostalgie-Projekt.

Zwar hatte er zuerst tatsächlich vor, ältere Stücke zeitgemäß zu revitalisieren, aber angesichts des enormen Potentials, das seine Mitstreiter ins musikalische Geschehen einbrachten, wurden dann doch sechs gänzlich neue Stücke eingespielt, die – freilich völlig staubfrei – atmosphärisch an die Erfahrungen der 1970-er Jahre andocken. Irgendwo in intergalaktischen Sphären zwischen Jazz, Rock und Kammermusik angesiedelt, schickt Terje Rypdal mit seiner Stratocaster jene sehnsuchtsvollen, verhallten und verzerrten, einschmeichelnd warmen Soundcluster zu den Sternen, die längst zu seiner unverwechselbaren Signatur wurden. Sensibel und voller spannungsgeladener Eleganz umspielt von Drummer Pål Thowsen und vielschichtigen Keyboard-Farbtupfern Ståle Storløkkens. Beides Altbekannte des Gitarristen, im Gegensatz zum jungen, äußerst gefühlvoll am bundlosen Bass und an der Fender Precision agierenden Endre Hareide Hallre, der seine Tieftöner auch wundervoll melodisch singen lassen kann. Aber der ganz besondere Reiz liegt, wie so oft, im Kontrast, und so wird man nach guten zehn Minuten mit dem hart rockenden Titelstück „Conspiracy“ abrupt von der gemütlichen Klangwolke namens „What Was I Thinking“ gestoßen. Die Drums peitschen den Rhythmus gnadenlos voran, die Keyboards gewinnen an Schärfe, der Bass pulsiert, und Rypdal lässt ungestüm den Hendrix in sich von der Leine. Wenn sich düstere Verschwörungen so anhören, dann bitte mehr davon! Gerade hat man sich in der brodelnden Hexenküche eingerichtet, holt einen Hallres Bass mit einer wunderschönen Melodie ab, unterlegt von hymnisch-schwebenden Orgeltönen und dezenten Percussionseinwürfen, während Rypdals Soundspektrum auf der Gitarre von Hendrix in Richtung singende Säge wechselt. Solche inspirierenden, emotionalen Wechselbäder kann man aber auch innerhalb eines Stückes, etwa dem achtminütigen „Baby Beautiful“, erleben. Wäre ich nicht schon seit 46 Jahren ein alle seine Entwicklungen als Komponist und Musiker interessiert mitverfolgender Terje Rypdal-Fan, dieses von Manfred Eicher in gewohnter Perfektion im Rainbow Studio in Oslo produzierte 35-Minuten-Album ließe mich zu einem werden!

(ECM/Vertrieb: www.lotusrecords.at / digital: www.universalmusic.at)

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