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09.06.2022 |  Walter Gasperi

Aktuell in den Filmclubs (10.6. - 16.6. 2022)

Filmforum Bregenz und das Heerbrugger Kinotheater Madlen zeigen diese Woche Mike Mills´ berührendes Road-Movie „Come on, Come on“. Im Skino Schaan wird dagegen in der Reihe „Gutenberg im Kino" mit „Die Akte Grüninger“ nochmals an den St. Galler Polizeihauptmann erinnert, der in den späten 1930er Jahren zahlreiche jüdische und andere Flüchtlinge vor den Nationalsozialisten rettete, indem er ihre Visa vordatierte und ihnen so die Einreise in die Schweiz, die die Grenzen offiziell geschlossen hatte, ermöglichte.

Come on, Come on: Ein Radiojournalist (Joaquin Phoenix) soll sich um seinen neunjährigen Neffen Jesse (Woody Norman) kümmern, während er gleichzeitig an einer Reportage arbeitet, für die er durch die USA reist und Jugendliche über ihre Vorstellungen vom Leben und über ihre Ängste und Träume interviewt. Auch Jesse wäre ein idealer Interviewpartner, doch dieser will nicht ins Mikrofon sprechen, fängt lieber selbst am Strand von Los Angeles Töne und Stimmen ein, vor allem aber löchert er seinen Onkel immer wieder mit Fragen.
Nur in der Grundstruktur erzählt Mike Mills in seinem vierten Spielfilm die altbekannte Geschichte von zwei Menschen, die sich am Beginn fremd sind und sich im Laufe des Kontaktes langsam näher kommen, denn an einem dramatischen Handlungsaufbau ist er nicht interessiert, sondern bleibt ganz im Alltäglichen.
Da nervt, der von Woody Norman großartig gespielte altkluge Junge, seinen Onkel immer wieder nicht nur mit seinen Fragen, sondern auch mit seinen Versteckspielen, treibt ihn fast zur Verzweiflung, bringt ihn aber auch zum Nachdenken über sein eigenes Leben. Kein Gefälle zwischen Onkel und Neffe gibt es hier, auf Augenhöhe begegnen sie sich und jeder von beiden kann vom anderen lernen.
Nichts Dramatisches passiert, aber durch Mills´ liebevollen und zärtlichen Blick auf seine beiden Protagonisten und die großartige Montage von Bildern und Tönen entwickelt „Come on, Come on" nicht nur einen suggestiven, sehr musikalischen Fluss, sondern macht auch die Bedeutung der emotionalen Zuwendung, des aufeinander Zugehens und des Zuhörens erfahrbar. Und schon mit seinem Titel fordert diese herzerwärmende filmische Perle empathisch auf, ständig weiter zu machen und ständig weiter an sich selbst und seinen Beziehungen zu arbeiten.
Kinotheater Madlen, Heerbrugg: Mo 13.6., 20.15 Uhr
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Mi 15.6., 20 Uhr

Akte Grüninger: Alain Gsponer fackelt nicht lange, sondern wirft den Zuschauer mitten in eine Fluchtszene an der vorarlberg-schweizerischen Grenze hinein. Unterstützt werden die flüchtenden Juden vom Schweizer Vizekonsul in Bregenz, der großzügig Visa ausstellt. Am 19. August 1938 machten die Schweizer aber die Grenze dicht, dennoch brach der Flüchtlingsstrom nicht ab.
Die Verhaftung von zwei Polizisten lenkt die Spur auf den St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger. Vom Chef der Eidgenössischen Fremdenpolizei erhält der junge Polizeiinspektor Robert Frei (Max Simonischek) den Auftrag, Grüninger (Stefan Kurt) zu verhören und Bericht zu erstatten.
Dass die fiktive Figur des Ermittlers Frei vor Grüninger auftritt und ihr auch die letzte Szene des Films gehört, wirft ein bezeichnendes Licht auf „Akte Grüninger“. Leichter als mit den historischen Figuren, die blass bleiben, tut sich Gsponer sichtlich mit dem erfundenen Charakter. Ihm kann er Facetten und Ambivalenzen verleihen, kann ihn sich langsam vom Beamten, der widerspruchslos Befehle ausführt, zum mitfühlenden Menschen wandeln lassen, der schließlich wie Grüninger Menschlichkeit über Verordnungen und Gesetze stellt.
Aus dem Aufeinandertreffen von Grüninger und Frei, dem Kontrast von Gewissensentscheidung und Pflichterfüllung bezieht der Film so auch seine Spannung.
Ganz in den Griff hat Bernd Lange, der bekannt ist für seine vorzüglichen Drehbücher für Hans-Christian Schmid, die Geschichte aber doch nicht bekommen. Abrupt werden mehrfach jüdische Einzelschicksale vorgestellt, sogleich aber auch wieder aus den Augen verloren. Etwas unübersichtlich ist auch das kurzatmige Finale, wirklich missglückt ist aber der didaktische Einsatz von Archivmaterial, das Hintergrundinformationen liefern soll.
Insgesamt bietet „Akte Grüninger“ aber dennoch eine ehrenwerte Geschichtsaufarbeitung, die ein größeres Publikum mit dem Schicksal dieses „Schweizer Oskar Schindlers" vertraut machen kann.
Skino Schaan: Do 16.6., 18 Uhr

Weitere Filmkritiken, Streamingtipps, DVD-Besprechungen und Regisseur-Porträts finden Sie auf meiner Website https://www.film-netz.com.

Come on, Come on

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Akte Grüninger

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