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10.10.2010 |  Walter Gasperi

Aktuell in den Filmclubs (11.10. - 17.10. 2010)

Aus der Zeit: Am Anfang wird der Laden eines Geschäfts hochgezogen: Lederwaren Jentsch beginnt einen Arbeitstag. - Am Ende werden die Läden in einer Fleischerei, einer Drogerie, dem Lederwaren- und einem Knopfgeschäft heruntergelassen. Während aber die  Fleischerei und Drogerie für immer schließen und an die Stelle des Knopfgeschäfts eine Confiserie treten wird, wird im Lederwarengeschaft am nächsten Tag der Laden wieder hochgezogen werden und ein neuer Arbeitstag beginnen.
Warmherzig blickt Harald Friedl in seinem Dokumentarfilm auf die alten Menschen in ihren Geschäften, mit denen sie groß geworden sind und von denen sie sich nicht trennen können, obwohl sie in Zeiten moderner Shopping-Center längst überflüssig und unrentabel geworden sind. – Trotz der Nähe der Kamera und des intimen Blicks kommt das Gefühl von Voyeurismus nur auf, als der Drogist sich mit Tränen in den Augen an seine Frau erinnert oder die Knopfkönigin über ihren inzwischen an Alzheimer erkrankten Mann, der ihr das Leben gestohlen habe, herzieht.
Auf Off-Kommentar verzichtet Friedl. Er beschränkt sich auf die Beobachtung der vier Geschäftleute und ihres engsten Umfelds sowie räumlich auf das jeweilige Geschäftslokal. Nur ganz wenige Blicke gehen darüber hinaus, die spärlichen Kunden kommen kaum ins Bild.
Im langsamen und ruhigen Erzählrhythmus, im genauen und geduldigen Blick auf die alltäglichen Verrichtungen, die mit Liebe und Bezug zum Objekt ausgeführt werden, sowie dem persönlichen Umgang mit den Kunden wird die Entrücktheit von der heutigen Zeit erfahrbar. Spürbar wird hier, dass mit dem Aussterben dieses Kleingewerbes auch ein Stück Menschlichkeit verloren geht. In warmen goldgelben Bildern wird nostalgisch die verschwindende Wärme beschworen und die Redundanz des Films korrespondiert mit den Wiederholungen und dem ruhigen Trott dieses Geschäftslebens, das in totalem Gegensatz zum rein auf schnellen Verkauf ausgerichteten, unpersönlichen Treiben in großen Einkaufszentren steht.
Spielboden Dornbirn: Di, 12.10., 20.30 Uhr.


Workingman´s Death: In fünf Kapiteln dokumentiert Michael Glawogger Beispiele körperlicher Schwerarbeit in der heutigen Zeit. Der Bogen spannt sich von den engen und halbverfallenen Bergwerken der Ukraine, über Schwefelabbau in Indonesien, einen gewaltigen Schlachthof in Nigeria, die Verschrottung von Öltankern in Pakistan bis zu den Hochöfen im "Zukunftsland" China.
Die Kamera von Wolfgang Thaler ist immer nah an den Arbeitenden, führt diese aber nie voyeuristisch vor. Jeden Handgriff hält Glawogger in monumentalen Bildern fest und vermittelt so einen intensiven Eindruck von der körperlichen Arbeit an sich, ohne diese zu verherrlichen oder zu beschönigen. Nüchtern und kommentarlos fängt der österreichische Dokumentarfilmer Realität ein, überhöht diese aber gleichzeitig durch die visuelle Gestaltung und das Sounddesign aus Originaltönen und elektronischen Klängen des Avantgarde-Musikers John Zorn. Hintergründe wie Ausbeutung, Entlohnung und Lebensbedingungen bleiben ausgespart und auch nicht thematisiert wird in dieser bildgewaltigen Bestandsaufnahme, wie die Schwerarbeit in den Ländern des Südens und das Verschwinden körperlicher Arbeit in der westlichen Dienstleistungsgesellschaft zusammenhängen.
Spielboden Dornbirn: Sa, 16.10., 20.30 Uhr

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Workingman´s Death

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