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13.10.2022 |  Walter Gasperi

Aktuell in den Filmclubs (14.10. - 20.10. 2022)

Im Skino Schaan läuft diese Woche „Mi país imaginario", in dem der chilenische Dokumentarfilmer Patricio Guzmán von einem gesellschaftlichen Wandel seines Heimatlandes träumt. Und ebenfalls in Schaan steht der Essayfilm „Wer wir waren" auf dem Programm, in dem sechs Wissenschaftler:innen über Zustand und Zukunft der Welt reflektieren.

Mi país imaginario: Im Oktober 2019 löst eine im Grunde eher geringe Erhöhung der Metro-Fahrpreise in Santiago de Chile eine Protestbewegung aus. Patricio Guzmán ist mit seiner Kamera hautnah dran. Er filmt die Kochtopfkonzerte, Sprechchöre und Steinwürfe der Demonstrant:innen, bei denen junge Menschen und Frauen den Ton angeben, ebenso wie das brutale Vorgehen von Polizei und Militär, das Wasserwerfer und Tränengas einsetzt und auch auf Flüchtende einschlägt.
Unterbrochen werden diese Szenen durch Interviews, in denen ausnahmslos Frauen zu Wort kommen. Eindrücklich berichten sie nicht nur von der Brutalität der Einsatzkräfte, sondern erzählen auch von den minimalen Renten, die die Pensionist:innen in die Armut treiben, von Schulkosten, die für die Durchschnittsbevölkerung nicht leistbar sind, Diskriminierung der indigenen Bevölkerung und Homosexueller sowie patriarchalen Strukturen.
Mitgerissen ist Guzmán sichtlich von dieser Aufbruchsstimmung und von der Wut des Volkes, das nicht von politischen Parteien oder einem Anführer gelenkt wird, sondern sich selbst organisiert und protestiert, bis es schließlich sein Ziel erreicht.
Voll Empathie beschwört er den Wandel, wenn das Nationalstadion, das in vielen seiner Filme vorkommt und das zur Zeit Pinochets das größte Konzentrationslager des Landes war, nun eine der Wahlstätten der demokratischen Abstimmung über die Schaffung einer Verfassunggebenden Versammlung ist.
Vom wütenden Protest bewegt sich der Film so zur Wahl des linken 35-jährigen Gabriel Boric zum Präsidenten (März 2022) und den demonstrierenden Massen am Beginn steht am Ende eine nahezu unüberschaubare jubelnde Masse gegenüber, die wiederum mit Drohnenflug eingefangen wird. – Einen schweren Dämpfer hat diese Hoffnung inzwischen aber mit der Abstimmung vom 4. September erlitten, bei der die vom Verfassungskonvent ausgearbeitete soziale und liberale Verfassung vom Volk abgelehnt wurde.
Skino Schaan: Mo 17.10., 18.15 Uhr

Wer wir waren: Ausgehend von Roger Willemsens titelgebendem Buch lässt Marc Bauder in seinem Essayfilm sechs Wissenschaftler:innen über Zustand und Zukunft der Welt reflektieren. So blickt der Astronaut Alexander Gerst von der Raumstation ISS auf die Erde, erinnert daran, dass sich die ganze Menschheitsgeschichte auf diesem kleinen Planeten abspielte und wir nur diesen einen Planeten haben.
In assoziativer Montage wechselt Bauder zwischen Bildern der Schwerelosigkeit in der Raumstation und Blicken aus dem All auf die Erde, die auch erschreckend die fortschreitende Vernichtung des Regenwalds aufdecken, zur Meeresbiologin Sylvia Earle, die seit 65 Jahren die Tiefsee erforscht. Nicht nur in Worten, sondern mehr noch in Bildern von Tauchgängen mitten zwischen Fischschwärmen wird die Schönheit des Meeres erfahrbar, gleichzeitig klagt Earle aber auch darüber, dass man zwar für die Raumfahrt große Geldsummen investiere, kaum aber für die Erkundung der Tiefsee.
In stimmigem Rhythmus verbindet Bauder, der sich selbst zurücknimmt und den Raum ganz seinen Protagonist:innen überlässt, die Statements mit starken Bildern, die durch das Sounddesign noch intensiviert werden. Viel Raum zum Nachdenken lässt er dabei mit wortlosen Bildern der Schönheit und Einzigartigkeit dieses Planeten auf der einen Seite und Bildern der Zerstörung auf der anderen.
Diese Arbeit mit Antithesen bestimmt den ganzen Film. Denn da treffen eben nicht nur Schönheit der Erde und Zerstörung sowie Weltall und Tiefsee aufeinander, sondern eben auch Afrika und die reiche westliche Welt. Das Spiel mit Gegensätzen macht dabei auch bewusst, dass alles miteinander verbunden ist und dass nur ein Blick aufs Gesamte und Kooperation die Lösung des globalen Problems bringen kann.
Pessimistisch wird dieser Dokumentarfilm dabei nie, sondern macht mit dem Engagement der Protagonist:innen vielmehr Hoffnung, dass es noch nicht zu spät ist, zeigt aber auch klar auf, dass es an uns selbst liegt umzudenken und aktiv zu werden.
Skino Schaan: Do 20.10., 18 Uhr

Weitere Filmkritiken, Streamingtipps, DVD-Besprechungen und Regisseur-Porträts finden Sie auf meiner Website https://www.film-netz.com

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