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15.07.2021 |  Walter Gasperi

Aktuell in den Filmclubs (16.7. - 22.7. 2021)

Filmkulturclub Dornbirn und Filmforum Bregenz zeigen diese Woche den Essayfilm "Epicentro", in dem Hubert Sauper ein vielschichtiges Bild Kubas zeichnet. Im Alten Hallenbad in Feldkirch steht dagegen im Rahmen des Poolbar-Festivals mit "Oh Boy" Jan-Ole Gersters Tragikomödie über einen ziellosen Berliner Endzwanzigers auf dem Programm.

Epicentro: Hubert Sauper zeichnet in seinem Essayfilm ein vielschichtiges Bild der Inselrepublik Kuba zwischen Paradies und Dystopie, feiert die Stärke der Einwohner Kubas und rechnet mit dem amerikanischen Imperialismus ab.
Im fulminanten Auftakt schließt Sauper den Beginn des amerikanischen Imperialismus im Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 mit den Anfängen des Kinos kurz. Einerseits beschwört er mit Ausschnitten aus frühen Stummfilmen wie Georges Méliès "Le voyage dans la lune" die Macht des Kinos als Phantasie-Maschine, andererseits deckt er auch dessen Macht als Propaganda-Maschine auf. Einen Film von der Sprengung der USS Maine in diesem Krieg entlarvt er ebenso als nachinszeniert, wie einen angeblichen Dokumentarfilm über eine Exekution von Amerikanern.
Misstrauen gegenüber den Bildern weckt der gebürtige Kitzbüheler so und spielt auch später damit, wenn sich eine Szene, in der eine Mutter und ihre kleine Tochter scheinbar heftig streiten und sich gegenseitig schlagen, als Schauspielprobe entpuppt. Schauspielerin möchte nämlich eines der Mädchen werden, denen Sauper immer wieder durch ihren Alltag folgt.
Nah dran ist seine Kamera an diesen Kindern, beutet sie aber nie aus, sondern schlägt sich ganz auf ihre Seite, verbrüdert sich quasi mit ihnen und vermittelt eindrücklich ihre Lebensfreude und ihre Kraft, denen wiederum die bedrückenden sozialen Verhältnisse gegenüberstehen. Denn in desolatem Zustand sind die Wohnungen, die Häuserfassaden, bei denen Hotels mit Namen wie "Roosevelt" noch an die US-Präsenz erinnern, zerbröckeln.
Konsequent arbeitet Sauper mit dem Widerspruch zwischen dem Paradies, als das Kolumbus die Insel sah und Thomas Morus´ klassischer Staatsutopie "Utopia", die praktisch zeitgleich mit der Entdeckung Amerikas entstand, und der Dystopie der historischen Sklaverei, des Kolonialismus und der Globalisierung.
Eine konsistente Erzählung stellt sich dabei zwar nicht ein, aber die Fülle der assoziativen Abfolge von Eindrücken fügt sich zu einem beeindruckend vielschichtigen Bild dieser Inselrepublik, die eben ein Paradies sein könnte, in der die Utopie aber aufgrund der militärischen Einmischung und wirtschaftlichen Repression der USA nie verwirklicht werden konnte.
Filmkulturclub Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 21.7., 18 Uhr + Do 22.7., 19.30 Uhr
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Mi 21.7., 20 Uhr


Oh
Boy: Mal ist der Jazz melancholisch, mal beschwingt, immer aber unterstützt er in seiner Leichtigkeit und Freiheit den Erzählton von Jan-Ole Gersters Regiedebüt. Selten findet man einen deutschen Film, der so leicht und verspielt daher kommt, nie ins Klamaukige abgleitet, dafür sehr präzise das Lebensgefühl des Endzwanzigers Niko einfängt, dem der Film durch einen Tag und eine Nacht folgt.
Für Niko ist das wahrlich nicht sein Tag, denn am Morgen macht seine Freundin mit dem Zögerer Schluss, dann verweigert ihm ein Psychologe, zu dem er wegen Alkohol am Steuer muss, wegen „emotionaler Unausgeglichenheit“ den Führerschein, und statt Geld auszuspucken, zieht der Bankomat die Karte ein. Eine Tasse Kaffee könnte wenigstens ein bisschen über den Frust hinweghelfen, doch jeder Versuch, eine solche zu bekommen, scheitert...
Gerster entwickelt keine stringente Handlung, sondern reiht Szenen aneinander, die den von Tom Schilling großartig gespielten Niko vielleicht langsam zum Nachdenken über sein Leben bringen. Er selbst wird kaum aktiv, mischt sich nicht ein, gibt nichts von sich preis, während die anderen auf ihn einreden, ihm ihr Herz oder Leben ausschütten.
Hinreißende Szenen gelingen Gerster bei dieser in ihrer bestechenden Schwarzweißfotografie an Woody Allens „Manhattan“ erinnernden Tragikomödie auch dank eines exzellenten Ensembles. Das beginnt schon beim aberwitzigen und hintersinnigen Gespräch mit dem Psychologen, setzt sich fort in der Begegnung mit dem von Ulrich Noethen lustvoll gespielten Vater, der die Nase voll hat von seinem Sohn. Als Gegenpol zu Niko erscheint dann die in der Schule gemobbte Julika, die Friederike Kempter als temperamentvolle, selbstbewusste junge Frau spielt, einen großen Auftritt und starken Abgang hat Michael Gwisdek, während Justus von Dohnany Nikos Nachbar in wunderbarer Balance zwischen zum Schreien komischer und tragischer Figur hält.
Altes Hallenbad, Feldkirch: Di 20.7., 21 Uhr


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Epicentro

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