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01.07.2021 |  Walter Gasperi

Aktuell in den Filmclubs (2.7. - 8.7. 2021)

Die Open-Air-Saison startet am Spielboden Dornbirn mit Jim Jarmuschs minimalistischem Episodenfilm "Coffee and Cigarettes". Der FKC Dornbirn zeigt als österreichische Vorpremiere "Papicha", in dem Mounia Meddour von jungen Algerierinnen erzählt, die in den 1990er Jahren für Selbstbestimmung und Freiheit kämpfen

Coffee and Cigarettes: Schwarze Schrift auf weißem Grund der erste Vorspanntitel, weiße Schrift auf schwarzem Grund der folgende. Vom ersten bis zum letzten Bild spielt der Altmeister der amerikanischen Independent-Regisseure Jim Jarmusch diesen Gegensatz durch und er ist auch schon im Titel präsent: schwarz ist der Kaffee, weiß der Zigarettenqualm.
Von 1986 bis 2003 drehte Jarmusch in unterschiedlichen Abständen elf Kurzfilme, in denen sich jeweils zwei Personen in einem Café oder einem Restaurant treffen. 2003 wurde die Sammlung dieser flüchtigen Begegnungen dann zu einem abendfüllenden Film zusammengefügt.
Es gibt kaum eine Kamerabewegung, Reduktion bestimmt die formale Gestaltung. Jarmusch schaut den Leuten bei ihren Gesprächen zu, die von Missverständnissen und beabsichtigten oder unbeabsichtigten Beleidigungen gekennzeichnet sind: In „Somewhere in California“ greifen sich Tom Waits und Iggy Pop in einem Café gegenseitig versteckt an, in „Cousins“ reden der von Cate Blanchett gespielte blonde Filmstar und ihre ebenfalls von Blanchett gespielte schwarzhaarige Cousine in einer Hotel-Lounge stets aneinander vorbei und verkrampft und nur mit Blick auf den eigenen Vorteil verläuft die Konversation zwischen Alfred Molina und Steve Coogan in „Cousins?"
Meisterstücke der kleinen Form sind diese minimalistischen Episoden. Viel zu sehen gibt’s nicht, denn Jarmusch zeigt keine Handlungen, sondern die Pausen dazwischen, die alltäglichen banalen Gespräche. Doch die Dialoge sitzen und die gelöste und lakonische Inszenierung, sowie die unübersehbare Spielfreude der Darsteller machen "Coffee and Cigarettes" zu einem witzig-geistreichen Vergnügen.
Spielboden Dornbirn: So 4.7., 21.30 Uhr (Open-Air-Kino)

Papicha: Im Algerien der 1990er Jahre sagen Islamisten auch mit Anschlägen westlichen Einflüssen den Kampf an und fordern die Verschleierung der Frau. Eine Modedesign-Studentin will sich davon aber nicht einschüchtern lassen und beschließt eine Modeschau zu organisieren.
In jeder Sekunde von Mounia Meddours vibrierendem Langfilmdebüt, dessen Titel "Papicha" fröhliche junge Frauen bezeichnet, spürt man, dass hier persönliche Erfahrungen eingeflossen sind. Hautnah ist die Kamera von Léo Lefèvre an der jungen Nedjma (Lyna Khoudri) und ihrer Freundin Wassila (Shirine Boutella), wenn sie nachts aus dem Uni-Wohnheim abhauen, um in einer Disco ausgelassen zu Pop-Musik zu tanzen und auf der Damentoilette anderen Frauen selbst entworfene Kleider zu verkaufen.
Die Nähe zu den Figuren, von denen man vielfach nur die Gesichter oder die Hände bei alltäglichen Arbeiten sieht, die bewegte Handkamera und ein dynamischer Schnitt erzeugen nicht nur enormen Drive und große Sinnlichkeit, sondern lassen auch den Elan und die Lebensfreude dieser beiden jungen Frauen und ihrer Freundinnen intensiv spüren. Gleichzeitig macht schon am Beginn eine Polizeikontrolle deutlich, wie angespannt die Lage im Land ist und wie sehr man auf der Hut sein muss.
Konsequent zieht Meddour dieses Spannungsfeld von Lebenslust und Repressionen durch die Islamisten durch und steigert die Repressionen und den Terror sukzessive. Ausgelassen sieht man auf der einen Seite die Freundinnen tanzen oder im Meer baden, andererseits wird im Fernsehen immer wieder von Anschlägen berichtet, werden die Frauen mittels Plakaten zur Verschleierung mit Hidschab aufgefordert oder eine Vorlesung von verschleierten Frauen gestürmt, weil der Professor auf Französisch und nicht auf Arabisch unterrichtet.
Es ist der Reichtum der Schattierungen, der sich von der Figurenzeichnung über einen Anschlag auf eine Videothek im Hintergrund bis zur Veränderung eines Kleidergeschäfts spannt, der "Papicha" so stark macht. Ein prägnantes Bild für die Einschränkung der Freiheit ist hier auch, wie sich die Umzäunung des Wohnheims ändert.
FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 7.7., 18 Uhr + Do 8.7., 19.30 Uhr

Weitere Filmkritiken, Streamingtipps, DVD-Besprechungen und Regisseur-Porträts finden Sie auf meiner Website https://www.film-netz.com.

Coffee and Cigarettes

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