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24.09.2013 |  Gunnar Landsgesell

Blutgletscher

Die Natur dreht durch: Ein Forscherteam in den Alpen wird von Chimären heimgesucht und reibt sich daran auf. "Blutgletscher" ist ein Film wie ein böser Traum - gut dosiert in seinen Creature-Effekten und konsequent der Frage geschuldet, wie man in einer kippenden Umwelt überleben kann.

Blutgletscher ist ein Film wie ein böser Traum. Ohne dem Horrorfilmen oft eigentümlichen Vorspiel einer heilen Welt steigt er schnörkellos in eine düstere Handlung ein. Alpengipfel aus grauem Fels geben eine Kulisse ab, die einem schon aufgrund der Entrücktheit des Ortes signalisiert: etwas ist hier nicht in Ordnung. Dieses dräuende Gefühl, das man schnell erhält, erinnert frappant an den ersten Film Marvin Krens, wo er in „Rammbock“ Zombies als spektakulär unspektakuläre Wesen in Berlin einmarschieren ließ. Die Handlung in jedem Moment von diesem Gefühl begleiten zu lassen, dass hier etwas aus der Bahn geraten sei, könnte man wohl als Markenzeichen Krens verstehen. In „Blutgletscher“ wird die einsame Gipfelstation einer Gruppe von Klimaforschern zum Ort des Grauens. Während sich Gletschereis blutrot färbt, mutieren Tiere zu Chimären (also Mixwesen), die Natur rastet langsam aus und wendet sich gegen den Menschen. Dass das eine Folge der Umgang des Menschen mit dem Planeten zu tun hat, wird klar, aber auch nicht überstrapaziert. Die Effekte der creatures werden in Blutgletscher aber nicht zur Hauptattraktion, sie setzen gewissermaßen die Nadelstiche in einer Dramaturgie, die sich zusehends zuspitzt. Just eine Ministerin wird an diesem Tag mit ihrem Mann auf den Berg geführt, um dort ein paar medienwirksame Fotos zu produzieren. Gerade diese Bilder politischer Repräsentation überdreht Kren regelrecht ins Absurde, während im flotten Schnitt das Drama der Forschergruppe recht ernsthaft abgewickelt wird. Besonders der Konflikt des Technikers Janek (unheimlich: Gerhard Liebmann) mit seiner Ex-Freundin (Edita Malovcic), die in der Entourage der Ministerin ankommt, bringt auf Beziehungsebene spürbare Spannung.

Schlussjoke: eines Cronenberg würdig

Die Erzählung verlässt die düstere Steinwüste konsequenterweise bis zum Ende nicht. Kren führt sein Schauspielteam dabei auf engem Raum und dreht die Schrauben beständig an. Dramaturgisch wirkt das alles recht sicher. Der Einsatz der Chimären bleibt punktgenau und sparsam, während der Sound das Geschehen auf beeindruckende Weise färbt. Er schafft jene paranoide Nervosität für Bilder, die vielleicht nur im eigenen Kopf entstehen, auf der Leinwand aber gar nicht auftauchen. Der Plot selbst erinnert an John Carpenters Remake von „The Thing“, wobei das gesamte Setting des Films auch Anleihen von 50er Jahre B-Monster-Movies hat. Die problematische Nähe zwischen Liebmann und Malovcic ragt, ungewöhnlich für solche Produktionen und ihre oftmals schematischen Figurenkonstellationen, ganz gut an, da wurde eine sehr emotionale Bahn gebaut, auf der das Unheil sich wirksam ausbreiten kann. Konsequent fällt auch das Ende aus, das  nicht vorweggenommen werden soll. Ein bitterer Joke, der jedenfalls auch eines David Cronenberg würdig wäre. „Blutgletscher“ ist abgebrühter Bodyhorror und augenzwinkernde Elitismuskritik (an Wissenschaft und Politik), ein Stück schmutziges, aber penibel entworfenes Genrekino, das (heimisches) Autorenkino und (internationales) Genre überraschend geschickt miteinander verbindet.

Wenn sich Eis blutrot färbt, ist die Natur böse geworden.

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Unsicherheit verwandelt sich dann schnell...

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...in Grauen.

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Selbst Wissenschafter stoßen dann an ihre - menschlichen - Grenzen.

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