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24.07.2011 |  Walter Gasperi

Brautalarm

Wenn eine Frau heiraten will, sind ihre „besten“ Freundinnen bei den Hochzeitsvorbereitungen gefragt. – Frauenfilm und derber Humor der Männerkomödien von Judd Apatow fügen sich dank lustvoll agierender Schauspielerinnen, warmherzigem Blick auf eine frustrierte Protagonistin und treffender Abrechnung mit dem amerikanischen Hochzeitszirkus zu einer gelungenen Komödie.

Chick-Flicks sind Komödien, in deren Mittelpunkt Frauen, ihre Beziehungsprobleme und die Suche nach dem idealen Ehemann stehen. „Sex and the City“, „Verliebt in die Braut“, „Ein Chef zum Verlieben“ oder „27 Dresses“ sind Beispiele für dieses in den letzten Jahren sehr erfolgreiche Subgenre. Vom Inhalt her gehört auch Paul Feigs „Brautalarm“ zu den Chick-Flicks, setzt aber weniger auf Romantik als vielmehr auf den derben Humor der Männer-Komödien aus der Werkstatt von Judd Apatow und präsentiert sich als weibliche Variante zu „Hangover“.

Sympathische Loserin

Da gehen eben nicht Männer, die für einmal in einem Hollywoodfilm nur Nebenrollen spielen, auf einen Polterabend, sondern fünf Frauen werden für die Hochzeitsvorbereitungen einer Freundin beziehungsweise Verwandten eingespannt. Nicht die Braut steht aber im Mittelpunkt, sondern ihre beste Freundin Annie. Gespielt wird sie von Kirsten Wiig, die auch zusammen mit Annie Mumolo das sichtlich von persönlichen Erfahrungen inspirierte Drehbuch schrieb.
Nichts läuft in Annies Leben momentan nach Plan. Mit der eigenen Bäckerei erlitt sie Schiffbruch, der langjährige Freund hat sie verlassen, sodass nur Sex mit einem Gelegenheits-Lover (Jon Hamm) bleibt, bei dem sie Nummer drei oder vier ist und am Morgen wieder schnell abserviert wird. Aussprechen kann sie sich nur mit ihrer Freundin Lillian, die ihr allerdings mitteilt demnächst Freund Dougie zu heiraten. Annie soll Trauzeugin sein und zusammen mit vier Freundinnen und Verwandten Lillians Hochzeit vorbereiten.

Mitfühlender Blick auf Frauen

Vorzüglich gecastet und prägnant charakterisiert sind diese fünf Brautjungfern. Die schwer übergewichtige, aber selbstbewusste und ungemein direkte Schwester des Bräutigams (Melissa McCarthy) gibt es da ebenso wie die völlig unerfahrene und naive frischverheiratete Becca (Ellie Kemper) und die von ihren Kindern im Teenageralter schwer genervte blonde Rita (Wendi McLendon-Covey), die jede Gelegenheit nützt, Auszeit von der Familie zu nehmen. Im Zentrum stehen aber Annie und Helen (Rose Byrne), zwischen denen bald ein heftiger Zickenkrieg ausbricht, da die neureiche und alles perfekt organisierende Helen der Loserin Annie bei Lillian die Rolle der „besten Freundin“ streitig zu machen droht.
Wunderbar treffend, aber immer auch mitfühlend ist der Blick auf diese Frauen und ihre Probleme. Gemeinsame Lebensgeschichte und –erfahrungen von Annie und Lillian stehen da dem verführerischen Materialismus und Glamour gegenüber, den Helen ins Spiel bringt. Man kämpft bei der Verlobungsfeier ums letzte Wort, liefert sich ein beinhartes Tennisspiel, streitet sich im Haute-Couture-Laden beim Kauf des Hochzeitskleids.

Fäkalhumor und menschliche Wärme

Was Feig von diesen edlen Roben hält, macht er deutlich, wenn sich gerade hier die Folgen eines Lebensmittelvergiftung zeigen. Recht unappetitlich geht es da auf der Toilette zu und die Braut schafft es im weißen Brautkleid nicht mehr über die Straße zum nächsten stillen Örtchen, sondern sitzt schließlich wie ein weißer Schwan mitten auf der Fahrbahn, um ihre Gedärme zu entleeren. Solch derbe Szenen lassen aber nie den „Human Touch“, der sich durch „Brautalarm“ zieht und der diese Komödie sympathisch macht, in den Hintergrund treten.
Denn im Zentrum steht eben die frustrierte Annie, die erkennen muss, dass es, auch wenn man sich am Tiefpunkt wähnt, immer noch weiter abwärts gehen kann. So einfühlsam und warmherzig, wie Kirsten Wiig diese Enddreissigern spielt, leidet man mit ihr und wünscht ihr einen Ausweg aus ihrer Krise.
Dafür dass trotz des Zickenkriegs und der Abrechnung mit dem Hochzeitszirkus die Romantik nicht ganz auf der Strecke bleibt, sorgt ein Polizist, den Annie bei einer Fahrzeugkontrolle kennenlernt. Ohne Brüche kann sich diese Beziehung in einem Film, der in seinem Herz für die Unvollkommenen und Schwachen auch deutliche Kritik an der amerikanischen Erfolgsgesellschaft und den versnobten Neureichen übt, freilich nicht entwickeln und muss bis zum Ende noch einige Hürden überwinden.

Ungewohnt für Hollywood: Sechs Frauen unter sich, nur Nebenrollen für Männer

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Zickenkrieg zwischen der frustrierten Loserin Annie (Kirsten Wiig) und der neureichen Perfektionistin Helen (Rose Byrne)

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Ein Cop (Chris O´Dowd) bringt Romantik und Hoffnung für Annie (Kirsten Wiig) ins Spiel

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