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04.08.2022 |  Gunnar Landsgesell

Bullet Train

Ein japanischer Schnellzug wird zum Treffpunkt verschiedenster Auftragsmörder. Brad Pitt ist darunter selbstverständlich der Gute, Sandra Bullock steht ihm als Stimme im Ohrknopf bei. Wer auf variantenreiche Kampf-Choreographien ohne störenden Inhalt steht, wird hier gut bedient.

Angesichts der vielen Actionfilme, die anders als behauptet kaum eine Geschichte anzubieten haben, ist der offenkundige Verzicht auf eine solche als durchaus programmatisch zu sehen. "Bullet Train" versammelt eine illustre Runde an Auftragskillern in einem Zug, der wie ein Geschoss durch Japan rast, während sich drinnen alles im Kreis zu drehen scheint. Nicht, dass es dem Zuseher gelingen würde, immer den Überblick zu wahren, wer hier wem schon früher einmal begegnet ist und mit wem eine Rechnung offen hat. Oder ob sich zwei Herrschaften gerade aus einer akuten Laune heraus in diesem Zug die Schädel einschlagen. Dass das keine Rolle spielt, bestätigt auch die von Manga-Anleihen belebte Inszenierung von "Bullet Train", in der Personen in schrillen Schriftzügen neu eingeführt werden und Rückblenden eher dem schnellen Joke als der Orientierung verpflichtet sind. In "Bullet Train" wird geprügelt, gewitzelt und mitunter leicht gestorben. Ein Messer das über groteske Flugbahnen zum Tod führt, ist hier mit Humor durchaus kompatibel. Tarantino lässt definitiv grüßen. Tatsächlich gab es schon lange kein besseres Beispiel mehr dafür, was Hitchcock einmal als MacGuffin bezeichnet hatte. Ein Gegenstand (oder eine Person), die keinerlei Bedeutung für die Handlung hat, aber diese wie ein unermüdlicher Motor vorantreibt. In diesem Fall ist das ein silberner Aktenkoffer, dem scheinbar alle nachjagen. So geht es auch Brad Pitt, dem Star dieses Actionvehikels, der als Auftragskiller mit dem klingenden Tarnnamen "Ladybug" (Marienkäfer) nach einem kleinen psychischen Durchhänger wieder einen Auftrag übernimmt, sich einen silbernen Koffer schnappen und bei der nächsten Station aussteigen sollte. Denkste. Mit einer weiblichen Stimme (Sandra Bullock) im Ohrstöpsel, die ihn anleitet, reichert "Bullet Train" seinen ideenreichen Kampfsport zusätzlich mit ein bisschen Agentenflair an.

Kampf-Choreographien als Humoreske

Filme, die an einem räumlich begrenzten Ort spielen, man denke an "Phone Booth" ("Nicht auflegen!") oder auch an den Bus in "Speed" vor 30 Jahren (ebenfalls mit Bullock), der nicht langsamer werden durfte, haben immer eine spezifische Note: Sie können sich als turbulentes Kammerspiel ganz den Dynamiken ihres Handlungsraumes widmen. "Bullet Train" basiert auf dem Bestseller des japanischen Autors Kotaro Isaka, der eine Runde von Auftragskillern in einer recht verschachtelten Formation in Beziehung bringt. Regisseur David Leitch, als Stuntman in Hollywood vielbeschäftigt, hat die Figuren des Romans zwar behalten, aber das innere Gefüge radikal gekappt. Physis wird zum obersten Gebot, Kampfszenen werden somit noch einmal auf neue Varianten geprüft, so wie der Zirkus sich am Drahtseil nie zufrieden geben darf. Die Manöver sind knackig choreographiert, immer die Übertreibung von Cartoons als Vorbild, nur der Humor mit Blutspur bleibt Geschmackssache. Dass auch in der Ruhezone des Zuges gefightet wird, wird für die Beteiligten zur Herausforderung. Töten und Buchlektüre müssen hier kunstvoll in Einklang gebracht werden. Brad Pitt inszeniert sich mit Schlapphut und Brille an den Grenzen der altersbedingten Selbstparodie, dabei ist der Mann erst 60. Ein gewisser Witz konnte aus dem Buch in das Arsenal der exaltierten Figuren herübergerettet werden. Das erinnert an ein Variete. Die "Zwillinge" Tangerine (Aaron Taylor-Johnson) und Lemon (Bryan Tyree Henry) als sarkastisch-mörderisches Duo, eine scheinbar harmlose junge Frau im Kostüm namens Prince (Joey King) oder Michael Shannon als White Death. Die Kritik, dass in diesem japanischen Schnellzug komischerweise bis auf Hiroyuki Sanada kaum Japaner zu finden sind, hat eine gewisse Logik. Logik, ist in Hollywood aber eine nicht immer verlässliche Größe.

Ein Alu-Koffer als trickreiche Waffe: "Bullet Train" ist um eine ungewöhnliche Form bemüht, das gelingt nicht immer.

Ein Alu-Koffer als trickreiche Waffe: "Bullet Train" ist um eine ungewöhnliche Form bemüht, das gelingt nicht immer.

Brad Pitt mit Schlapphut und Brille, lotet parodistisch die Grenzen zwischen Action und Rentner aus.

Brad Pitt mit Schlapphut und Brille, lotet parodistisch die Grenzen zwischen Action und Rentner aus.

Einer der "Zwillinge": Brian Tyree Henry als Lemon, nur eine der stets um schräge Töne bemühten Figurenriege.

Einer der "Zwillinge": Brian Tyree Henry als Lemon, nur eine der stets um schräge Töne bemühten Figurenriege.

Ein Manga fast ohne Japaner. Das sorgt auch für Kritik.

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