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16.06.2016 |  Gunnar Landsgesell

Demolition

Der Investmentbanker Davis (Jake Gyllenhaal) hat eben seine Ehefrau verloren, vermag aber nicht zu trauern. Also beginnt er ein Werk der Zerstörung, um sich selbst doch wieder zu begegnen, vielleicht andernorts. Naomi Watts begleitet ihn in dieser kunstvoll ausgedachten Metapher auf das Leben.

Als ein Schokoriegel nicht aus einem Automaten herauskommt, schreibt der Wallstreet-Banker Davis (Jake Gyllenhaal) der Betreiber-Firma einen Brief: Da war ich traurig, weil ich sehr hungrig war und meine Frau zehn Minuten zuvor gestorben ist. – Man merkt schon, mit diesem Mann stimmt etwas nicht. Davis, perfekt mit Gyllenhaal als einem Meister ambivalenter Stimmungslagen besetzt, hat ein emotionales Problem: Er verspürt keinen Schmerz, obwohl er eben seine Frau bei einem Autounfall verloren hat. In weiteren Briefen an die Automatenfirma gesteht er, dass ihm seine Frau immer fremd war und dass er seinen Reichtum, das Designer-Haus, die teuren Autos, eigentlich als Schuld empfindet. Karen (Naomi Watts), eine Mitarbeiterin des Kundenservice, die mit der Beantwortung dieser Briefe befasst ist, beginnt sich für den Mann zu interessieren. Nach einiger Zeit hat sich eine Freundschaft zwischen Davis, Karen und ihrem pubertierenden Sohn mit den schwarzen Fingernägeln entwickelt. Eine emotional durchtränkte Love-Story wird daraus dennoch nicht. Regisseur Jean-Marc Vallée (Dallas Buyers Club, Wild) hält die Teile lieber getrennt, anstatt sie zu verschmelzen. „Demolition“ funktioniert wie der Ratschlag, der Davis im Film gegeben wird. Darin heißt es, das Herz sei wie ein Automotor, man müsse ihn nur in alle Bestandteile zerlegen und wieder neu zusammensetzen, dass er funktioniert.

Spiel mit Konventionen


Es ist offensichtlich, dass Regisseur Vallée vermeidet, in das Innere seines gebeutelten Protagonisten vorzudringen, um dieses dann vor dem Publikum herauszustülpen. Ihn interessiert schon eher, was der Zustand dieses Mannes, sprechen wir von einem emotionalen Stau, eigentlich mit ihm macht. Die Disparatheit der Gefühle sorgt für paradoxe, widerstreitende Momente. Da gibt es Aggressionen, die Davis gar nicht bewußt sind, die aber manifeste Auswirkungen haben. Das noble Haus des Bankers wird zerstört, um Platz zu schaffen, wofür auch immer. Zugleich übt sich Davis in Konventionen, die die Gesellschaft von ihm verlangt. Er, dessen Emotionen eingefroren sind, übt vor dem Spiegel, wie man richtig weint, um sich für das Begräbnis fit zu machen. Zugleich wird er von Karen begleitet, einer Frau, deren Fürsorge mit einem wohlüberlegten Selbstschutz kombiniert ist. Gut möglich, dass all diese Teile in „Demolition“ nicht zusammenfinden wollen, dass diese Geschichte mehr einer versponnenen Metapher auf ein entfremdetes Leben gleicht als den Dramaturgien, in denen man gemeinhin von Lebensepisoden wie dieser erzählt bekommt. Etwas kunstvoll vielleicht, aber mit Gyllenhaal und Watts spannend genug.

Davis (Jake Gyllenhaal) demoliert sein Haus, um sich - zu befreien. Warum nicht?

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Wie lacht man, wie weint man, wenn das von einem verlangt wird? Naomi Watts assistiert.

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Investmentbanker im Taumel, ganz privat.

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