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03.02.2009 |  Walter Gasperi

Der fremde Sohn - Changeling

Nach einem wahren Fall, der sich 1928 in Los Angeles ereignete, erzählt Clint Eastwood von einer Mutter, die sich mit der korrupten Polizei anlegt. Denn einige Monate nachdem Christine Collins ihren neunjährigen Sohn als vermisst meldete, präsentiert die Polizei ihr einen wildfremden anderen Jungen als ihren eigenen.

Es beginnt in Schwarzweiß mit dem Universal-Logo und einem Schwenk über das Los Angeles des Jahres 1928. Erst langsam geht das Bild in Farbe über, wobei die Töne blass und fahl bleiben. So schafft Clint Eastwood, unterstützt durch Kulissen und Kostüme, schon in den ersten Einstellungen Atmosphäre und lässt den Zuschauer in die Welt und die Zeit seines Films eintauchen.
Ein ruhiges Erzähltempo wird angeschlagen, wenn die allein erziehende Christine Collins (Angelina Jolie) und ihr neunjähriger Sohn Walter vorgestellt werden und gleich schon als zentrales, sich durch den Film ziehendes Thema von Verantwortung geredet wird. Liebevoll kümmert sich Christine um ihren Sohn, doch dieser ist, als sie von einer außertourlichen Samstagsschicht bei der Telefongesellschaft, für die sie arbeitet, verspätet zurückkehrt, verschwunden. Die Polizei nimmt die Vermisstenmeldung nur zögerlich auf und gleichzeitig wird ein von John Malkovich gespielter Prediger eingeführt, der gegen die korrupte und verbrecherische Polizei von der Kanzel und über einen Radiosender wettert.
Mit einem Schnitt lässt Eastwood Wochen vergehen und die Polizei meldet die Auffindung des Sohnes. Am Bahnsteig freilich muss die Mutter entsetzt feststellen, dass das ihr präsentierte Kind nicht ihres ist. Sie lässt sich von der Polizei zunächst zwar einschüchtern, doch eindeutige Indizien bestärken sie ebenso in ihrer Meinung wie Zeugenaussagen. Die Polizei, die dringend einen Erfolg benötigt, will ihren Fehler aber nicht eingestehen und weist die Mutter, die nicht locker lässt, bald in eine psychiatrische Anstalt ein.
Hinter dem Etikett „Eine wahre Geschichte“ verbergen sich oft dramatisch aufgeplusterte Filme, die nur von ihrem Wahrheitszertifikat leben. Eastwood geht einen anderen Weg, spielt die Dramatik des Geschehens eher herunter und erzählt gelassen und mit der Souveränität des Altmeisters, der weder sich noch jemandem anderen etwas beweisen muss. Das Wahrheitszertifikat ist angesichts der Ungeheuerlichkeit der Geschichte allerdings unerlässlich, würde man den Film doch ansonsten als völlig unglaubwürdig abkanzeln.
So zeichnet Eastwood nicht nur das Bild einer heldenhaften Frau, die ihre Verantwortung für ihren Sohn bis zum Äußersten Ernst nimmt, sondern ähnlich wie zuvor schon Roman Polanski in "Chinatown", Curtis Hanson in "L. A. Confidential" oder Brian De Palma in "The Black Dahlia"auch ein düsteres Bild des Los Angeles der späten 1920er Jahre. Der Ort der Traumfabrik, des Glamours und der Stars – auch darauf wird mit dem Hinweis auf die Oscar-Verleihung des Jahres 1935 Bezug genommen – erscheint hier als düsterer Ort, an dem die Polizei nicht Verbrechen aufklärt, sondern rücksichtslos nur in eigenem Interesse handelt, und mit Politik und anderen städtischen Einrichtungen unheilvoll verknüpft ist.
Es ist die schon in vielen amerikanischen Filmen erzählte Geschichte vom David gegen Goliath, vom Einzelnen gegen scheinbar übermächtige Institutionen, wobei es zu den Verbrecherischen als Korrektiv immer wieder und immer noch die Presse und die Justiz gibt und letztlich dem Guten – soweit das noch möglich ist – zum Sieg verhilft.
Sind aber hier schon die Behörden zutiefst verdorben und fragwürdig, so wird der Blick auf die USA durch die Einführung eines psychopathischen Kindermörders noch schwärzer. Was als Melodram begann, wird so mit Fortdauer zum Krimi und schließlich zum Gerichtsfilm. Unübersehbar zu viel hat Eastwood hier hineingepackt und im Bemühen mehrere Erzählstränge parallel zu führen verliert „Der fremde Sohn“ sein dramaturgisches Zentrum, wird zwar nicht langatmig, aber doch etwas langfädig und immer wieder wird das Ende aufgeschoben, wird eine weitere Szene und ein weiteres potentielles Ende angehängt.
Mit Meisterwerken wie „Unforgiven“, „Million Dollar Baby“ oder auch dem Iwo-Jima-Diptychon „Flags of Our Fathers“ und „Letters of Iwo Jima“ kann „Der fremde Sohn“ deshalb nicht mithalten, ist aber zweifellos immer noch ein wunderbar rundes und in souverän beherrschtem Rhythmus dahin fließendes, in bestem Sinne altmodisches Kinostück, das meilenweit über dem Großteil der aktuellen Kinoproduktionen steht.


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