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26.08.2016 |  Gunnar Landsgesell

Die fast perfekte Welt der Pauline

Eine Komödie, die vor allem durch ihre Darstellerin Isabelle Carré zu einer komischen Qualität findet. Sarkastisch-böse-fröhliche Anklänge werden aber bis zum lieblichen Ende zunehmend geglättet.

Eine/r bleibt immer über. So ist das bei dem Gesellschaftsspiel, das bei uns unter dem eigentümlichen Titel „Reise nach Jerusalem“ oder auch „Sesseltanz“ bekannt ist. Kinder laufen um die leeren Stühle, und wenn die Musik verstummt, kommt einer zu kurz. In Frankreich firmiert dieses häufig an Geburtstagen ausgeübte Spiel unter dem Namen „Les chaises musicales“, und so heißt – in einer sarkastisch-komischen Allegorie auf das Leben – auch dieser Film. Der deutsche Titel hingegen ist banal: „Die fast perfekte Welt der Pauline“ soll wohl eine Assoziation zu „Die fabelhafte Welt der Amelie“ herstellen. Tja. Zudem wird jeder, der die Möglichkeit hat, den Film im Original mit deutschen Untertiteln zu sehen, irritiert feststellen, dass die Protagonistin gar nicht Pauline sondern Perrine heißt. Da muss man erstmal draufkommen, aber die Verleihe werden wissen warum. Mit Isabelle Carré in der Titelrolle hat Regisseurin Marie Belhomme zum Glück aber keinen Audrey-Tautou-Typus gewählt, sondern eine Darstellerin, die den spezifischen Qualitäten einer Komödiantin wie Amy Schumer kaum nachsteht. Carré lotet den schmalen Spalt zwischen arglos banalen Momenten und den kleinen Tragödien des Lebens gekonnt auf eine stumm-leidende, ins Groteske verlängerte Weise aus.

Sie ist die Frau im überdimensionalen Hühnerkostüm, die freche Kinder ebenso auf Billig-Honorarbasis unterhalten muss wie andere Gesellschaftsveranstaltungen, die sie „gebucht“ haben. Der gehetzte Modus, in den sie durch dieses Leben geraten ist, die Dankbarkeit für jeden Auftrag, die neurotischen Züge, die über die Jahre wuchern, das alles sind Pointen in diesem Film, denen Carré als Perrine eine Gestalt verleiht. Wieder einmal zu spät, möchte sie sich in einer Szene bei einem Mann nach dem Weg erkundigen, der gerade am Rand einer Müllkippe steht. Erschrocken durch die hektische Kontaktaufnahme stürzt er blöd und es ist nicht klar, ob Perrine, die von Existenzängsten getrieben, keine Zeit mehr findet, den Mann zu versorgen, nun einen Mord begangen hat. Eine Pointe, die „Les chaises musicales“ in ihren verunsichernden Konsequenzen noch eine Zeitlang auszuspielen weiß. Danach gleitet die Inszenierung aber zunehmend in biedere Gewässer, in denen kein dramatischer Wellengang mehr zu erwarten ist, sondern nur noch beschwichtigt wird. Daran kann auch eine Isabelle Carré nichts ändern, die sich in ihrer Rolle ebenso tapfer schlägt, wie dieser Film auf konsequente Weise sein Interesse an realistischen Bezügen verliert.

Streifenhörnchen und wie man sich noch zum Narren machen kann.

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Isabelle Carré in einer tapferen, komischen Interpretation einer Frau, die dem Leben hinterherhetzt

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Das Ende einer Tragikomödie; hat Perrine das verdient?

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