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07.02.2020 |  Gunnar Landsgesell

J'accuse - Intrige

Roman Polanskis "J'accuse" zeichnet sehr geradlinige die Affäre Dreyfus nach. Ein Film, der weniger um die Psychologie seiner Figuren bemüht ist, als zeigt, wie versponnen die Akteure in ein verschwörerisches System sind, das die französische Armee aufgebaut hat. Boykott-Rufe wegen alter und neuer Vergewaltigungsvorwürfe gegen Polanski begleiteten den Filmstart in Frankreich.

„Es lebe Frankreich! Es lebe die Armee!“, ruft Alfred Dreyfus (Louis Garrel), als man ihm die Orden, die Streifen an der Hose, die Insignien des Offiziers abreißt, und seinen Degen über dem Knie zerbricht. Eine öffentliche Demütigung, die im Film von antisemitischen Tönen sowohl bei den Obersten der Armee wie auch beim schaulustigen Volk begleitet wird. Dreyfus, das war jener jüdische Offizier, der 1895 als Verräter ins Gefängnis geworfen wurde, während er in Wahrheit einer antisemitischen Verschwörung zum Opfer fiel. Die Generäle, die Politiker, die Minister, alle machten mit. Roman Polanski verfilmt die Geschichte als Chronologie einer zum Himmel schreienden Ungerechtigkeit aus der Sicht eines anderen Offiziers, der sich nicht schuldig machen will. Mit Marie-George Picquart (Jean Dujardin) folgt Polanski in einer schnörkellosen Erzählung einem Mann, der in detektivischer Kleinarbeit die Verschwörung gegen Dreyfus aufdeckt. Als Held wird Picquart nicht gezeigt, eher als Mann, der gegen das Anraten seiner Anwälte der eigenen Ethik folgt und sich lieber einsperren lässt, als dem Druck der Generäle zu weichen. Also landet auch er in einem dreckigen, dunklen Loch im Kerker. Polanskis Inszenierung fällt vor allem durch ihre Geradlinigkeit auf, die besondere Raffinesse oder psychologische Dimension früherer Arbeiten fehlt hier. Dennoch versteht sich der mittlerweile 87-jährige Filmemacher darauf, aus den inneren Dynamiken dieses Staatsapparates spürbar Spannung zu erzeugen. Er zeigt die Armee als unantastbares Heiligtum und eigene Kaste im Staat, die über der Politik steht und alle in ihrem System einspinnt. Erst durch diesen Film wird einem klar, worin ein Teil der Bedeutung der Affäre Dreyfus in Frankreich bis heute liegt. Auch wenn Dreyfus selbst in „J’accuse“ eher eine Randfigur ist, wirft Polanski mehrmals Schlaglichter auf den Antisemitismus der französischen Republik. Als ein Mob zu sehen ist, der auf Auslagen jüdischer Geschäfte „Tod den Juden“ schmiert, so passiert das 40 Jahre vor der Reichspogromnacht in Deutschland. Und auch Picquart ist „kein Freund der Juden“, wie er sagt. Mit der Hilfe von Emile Zola – sein Zeitungsartikel über den Skandal, der die Republik erschüttert, heißt „J’accuse“ – wird Picquart am Ende doch so etwas wie ein Held. Polanski hat als filmische Vorlage den Roman „An Officer and a Spy“ des britischen Schriftstellers Robert Harris gewählt, der vor sieben Jahren erschienen ist.

Der Diskussion müde

Überschattet wurde der Kinostart von „J’accuse“ in Frankreich erneut von der Vergangenheit Polanskis. Fast ein halbes Jahrhundert bereist der Mann mit der französischen Staatsbürgerschaft nicht die USA und solche Länder, die ein Auslieferungsabkommen haben. Vor ein paar Jahren hatte man ihn in der Schweiz inhaftiert, Regiekollegen wie Woody Allen und Martin Scorsese setzten sich für seine Freilassung ein. 1977 war Polanski wegen Vergewaltigung einer 13-Jährigen in den USA angeklagt worden, er entzog sich dem Verfahren und verließ das Land. Auch in den vergangenen Jahren meldeten sich Frauen bei der Polizei, die angaben, von Polanski vergewaltigt worden zu sein. Unter anderem die heute 62-jährige Fotografin Valentine Monnier, die detailliert beschreibt, wie Polanski sie nackt in einem Zimmer empfing, verprügelte und vergewaltigte. Polanski streitet das kategorisch ab und befindet sich damit in „guter“ Gesellschaft von Intendanten, Schauspielern oder auch Hollywood-Produzenten. Die Frage, ob „J’accuse“ die 12 Cesars verdient, für die er in Frankreich nominiert wurde, ist damit auch bei diesem Film virulent. Verschärft wird die Diskussion wohl auch dadurch, dass Polanski in Interviews mit französischen Zeitungen die ungerechtfertigten Vorwürfe gegen Dreyfus auch auf seine Person bezog. Und der Picquart-Darsteller Jean Dujardin meinte, er sei der Debatte bereits müde. Die Suche nach Gerechtigkeit, im Film findet sie jedenfalls statt.

Kühle Beziehung: Dreyfus und Picquart, der erklärt, er möge Juden auch nicht.

Kühle Beziehung: Dreyfus und Picquart, der erklärt, er möge Juden auch nicht.

Ein Seitenstrang: Emmanuelle Seigner, Ehefrau von Polanski, in der Rolle von Pauline Monnier, mit der Picquart eine Affäre hat.

Ein Seitenstrang: Emmanuelle Seigner, Ehefrau von Polanski, in der Rolle von Pauline Monnier, mit der Picquart eine Affäre hat.

Der Filmtitel bezieht sich auf Emile Zola, der die Affäre Dreyfus in der Zeitung aufdeckte und dafür selbst eingesperrt wurde.

Der Filmtitel bezieht sich auf Emile Zola, der die Affäre Dreyfus in der Zeitung aufdeckte und dafür selbst eingesperrt wurde.

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  • Kühle Beziehung: Dreyfus und Picquart, der erklärt, er möge Juden auch nicht. Kühle Beziehung: Dreyfus und Picquart, der erklärt, er möge Juden auch nicht.
  • Ein Seitenstrang: Emmanuelle Seigner, Ehefrau von Polanski, in der Rolle von Pauline Monnier, mit der Picquart eine Affäre hat. Ein Seitenstrang: Emmanuelle Seigner, Ehefrau von Polanski, in der Rolle von Pauline Monnier, mit der Picquart eine Affäre hat.
  • Der Filmtitel bezieht sich auf Emile Zola, der die Affäre Dreyfus in der Zeitung aufdeckte und dafür selbst eingesperrt wurde. Der Filmtitel bezieht sich auf Emile Zola, der die Affäre Dreyfus in der Zeitung aufdeckte und dafür selbst eingesperrt wurde.