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16.04.2021 |  Gunnar Landsgesell

Mank

Die Produktion von Orson Welles' "Citizen Kane" aus der Sicht seines weniger bekannten Drehbuchautors Herman J. Mankiewicz, genannt "Mank", betrachtet. David Fincher inszeniert in zahllosen, schneidigen Vignetten mit geschliffenen Dialogen ein Hollywood der Grabenkämpfe und ideologischen Zersplitterungen. Bei allem Aufwand fehlt dem Film aber eine gewisse innere Spannung.

Der Held, mit einem einbandagierten Bein an das Krankenbett gefesselt, schwitzend, gerahmt von Schnapsflaschen – das kann keine gerade Geschichte werden. Sollte es aber auch nicht, schließlich geht es hier um die (fiktive) Bearbeitung der Produktionshintergründe von „Citizen Kane“, jenem vertracktem Erstlingsfilm, mit dem es Orson Welles noch viele Jahrzehnte später bei Filmkritiker-Umfragen auf den ersten Rang der besten Filme aller Zeiten schafft. Im Mittelpunkt von „Mank“ steht also jener Mann mit dem wässrigen Blick, der vom Bett aus – assistiert von einer jüdischen Krankenschwester und einer Sekretärin – 100 Tage Zeit hat, um das Drehbuch für „Citizen Kane“ zu schreiben. Sein Name ist Herman J. Mankiewicz (mit teigigem Gesicht und einer Brise Verachtung gespielt von Gary Oldman), der, weit weniger bekannt als sein Bruder und Hollywood-Regisseur Joseph, dennoch später einen Oscar für sein Buch bekommt. Und zwar gemeinsam mit Orson Welles, über dessen kreativen Anteil wiederum Jahrzehnte später Kritikerinnen wie Pauline Kael oder etwa der Filmautor und New-Hollywood-Regisseur Peter Bogdanovich unterschiedlicher Meinung waren. Man sieht jedenfalls: Schon ist man mittendrin in den mythenumrankten Hollywood-Geschichten, deren ebenso genüssliche wie detailverliebte Fortschreibung sich „Mank“ auf die Fahnen geheftet hat. Regisseur David Fincher, der mit harten aber durchaus trickreichen Thrillern wie „Fight Club“, „Panic Room“ oder „Zodiac“ bekannt wurde, hat mit „Mank“ das Drehbuch seines Vaters Jack verfilmt. In monochromen Schwarzweißbildern, die mehr vom heutigen Stand der Technik visueller Verfahren erzählen, als ein Gefühl von Retro-Look aufkommen lassen, folgt Fincher quasi dem illuminierten Gehirn des bettlägerigen Mankiewicz in immer neue Ausflüge in die Vergangenheit. So setzt „Mank“ in einer Vielzahl von Vignetten durch eine schillernde Zeit, in der Studiobosse wie „El Bi“, also Louis B. Mayer von MGM noch autokratisch die Regeln einer eigenen Welt diktierten, oder als „lausige Bolschewisten“ wie der Autor Upton Sinclair zu Wahlen in Kalifornien antraten, um die Rechte der Arbeiterschicht gegen ausgefuchste Kapitalisten zu stärken. Fincher folgt einem oft wankenden, körperlich und seelisch gezeichneten Mank durch diese Schauplätze und findet dabei vor allem in L.B. Mayer (ein famoser Aufschneider: Arliss Howard) seinen größten Gegenspieler, von dem er freilich sehr gut bezahlt wird. Orson Welles hingegen taucht nur selten und schemenhaft auf, diesmal ist es eben nicht sein Film, sondern eine komplementäre Erzählachse, durch die sich neue Perspektiven eröffnen sollen. Als Übervater einer Welt der Korrumption, die auch aus den „Guten“ wie Mank hoffnungslose Zyniker macht, taucht hingegen der sagenhafte Milliardär William Randolph Hearst immer wieder, fast verstohlen und recht wortkarg, an den Bildrändern auf. Es war auch Hearst, der Mankiewicz und Welles als Vorbild für die unglückliche Hauptfigur ihres „Citizen Kane“ diente. Hearsts halb so junge Liebes- und Lebenspartnerin, die Schauspielerin Marion Davies, für die er sogar eine eigene Produktionsfirma gründete, wird bei Fincher zur Projektionsfläche ausnahmsweise sonnigerer Gemütszustände. Gary Oldman darf sich dann ein Lächeln auf sein maskenhaft aufgedunsenes Gesicht zaubern. Während sich in Finchers Inszenierung sämtliche aufgebotene Figuren wie Gefangene eines von Erfolgsformeln getriebenen Produktionssystems ausnehmen, wirken Mank und Davies (Amanda Seyfried) wie zwei Außenseiter, die auf jeweils ihre Weise diesen Zwängen zu entkommen versuchen. Wie ein Sinnbild dafür wirkt eine Szene, in der Davies am Set eines „Indianerfilms“ auf einem überdimensionierten hölzernen Scheiterhaufen (!) steht, während Mank zu ihr hinaufsteigt, um ein wenig zu plaudern. Solange es beim Publikum Gewinne einfährt, ist auch Trash ein Teil der Erfolgsformel, die am Ende alle gut ernährt, so die Devise der Produzenten.

Hollywood-Selbstbespiegelung 

Obwohl „Mank“ mit seinen geschliffenen Dialogen, in denen oft jeder Satz eine Pointe hat, und mit seiner kunstvoll gewobenen Struktur aus Bonmots, Anspielungen und kleinen trotzig vorgebrachten Wahrheiten durchaus einen stattlichen Film ergibt, vermisst man mit Fortdauer doch irgendwie die innere Spannung. Wer oder was treibt diesen Mank an, wer verleiht ihm jenen Esprit, der die Neuerzählung dieser Figur rechtfertigt? Vieles im Film wirkt artifiziell, die Ironie oftmals bemüht und nicht wirklich dazu angetan, um einen in diesen Kosmos der Hollywood-Dreißiger-Jahre hineinzuziehen. So hat man das Gefühl, dass „Mank“ letztlich ein weiterer Beitrag zum Subgenre Hollywoods ist, dem der Selbstbespiegelung, in der sich Selbstkritik und Glanz auf wundersame Weise zur zahnlosen Unterhaltung hybridisieren. Genau darin liegt aber immer auch die Berechnung, eine „Falle“, der auch Jack und David Fincher nicht auskommen. Oder, wie heißt es einmal im Film: „Wir müssen die Leute ins Kino bekommen – aber wie?“

Begegnung auf einem hölzernen Scheiterhaufen zwischen Mank und Randolph Hearsts Geliebter, Marion Davies. Eine der sinnträchtigsten Szenen des Films.

Begegnung auf einem hölzernen Scheiterhaufen zwischen Mank und Randolph Hearsts Geliebter, Marion Davies. Eine der sinnträchtigsten Szenen des Films.

Orson Welles, das gefeierte Genie, bei einem seiner schmalen Auftritte. Er bleibt hier schattenhaft. Diesmal gehört der Film dem Drehbuchautor Mankiewicz.

Orson Welles, das gefeierte Genie, bei einem seiner schmalen Auftritte. Er bleibt hier schattenhaft. Diesmal gehört der Film dem Drehbuchautor Mankiewicz.

Autokrat und Blender: MGM-Studioboss Louis B. Mayer quasi als Gegenspieler Manks mit geschliffenen Auftritten. "Mank" geht trotz aller Finessen als weitere Selbstbespiegelung Hollywoods durch.

Autokrat und Blender: MGM-Studioboss Louis B. Mayer quasi als Gegenspieler Manks mit geschliffenen Auftritten. "Mank" geht trotz aller Finessen als weitere Selbstbespiegelung Hollywoods durch.

Rechts außen, Milliardär, Anti-Bolschewist, Hitler-Sympathisant und ein weiterer Schattenmann im Film: Randolph Hearst als ambivalenter Kofinanzier

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  • Begegnung auf einem hölzernen Scheiterhaufen zwischen Mank und Randolph Hearsts Geliebter, Marion Davies. Eine der sinnträchtigsten Szenen des Films. Begegnung auf einem hölzernen Scheiterhaufen zwischen Mank und Randolph Hearsts Geliebter, Marion Davies. Eine der sinnträchtigsten Szenen des Films.
  • Orson Welles, das gefeierte Genie, bei einem seiner schmalen Auftritte. Er bleibt hier schattenhaft. Diesmal gehört der Film dem Drehbuchautor Mankiewicz. Orson Welles, das gefeierte Genie, bei einem seiner schmalen Auftritte. Er bleibt hier schattenhaft. Diesmal gehört der Film dem Drehbuchautor Mankiewicz.
  • Autokrat und Blender: MGM-Studioboss Louis B. Mayer quasi als Gegenspieler Manks mit geschliffenen Auftritten. "Mank" geht trotz aller Finessen als weitere Selbstbespiegelung Hollywoods durch. Autokrat und Blender: MGM-Studioboss Louis B. Mayer quasi als Gegenspieler Manks mit geschliffenen Auftritten. "Mank" geht trotz aller Finessen als weitere Selbstbespiegelung Hollywoods durch.
  • Rechts außen, Milliardär, Anti-Bolschewist, Hitler-Sympathisant und ein weiterer Schattenmann im Film: Randolph Hearst als ambivalenter Kofinanzier Rechts außen, Milliardär, Anti-Bolschewist, Hitler-Sympathisant und ein weiterer Schattenmann im Film: Randolph Hearst als ambivalenter Kofinanzier