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30.07.2021 |  Gunnar Landsgesell

Old

Der Urlaub auf einem Traumstrand gerät zum Alptraum für eine Urlaubergruppe. Auf merkwürdige Weise setzt ein rasanter Alterungsprozess ein, vom Strand gibt es kein Entkommen. M. Night Shyamalan macht das zum Anlass für ein Gruppenexperiment zwischen Vertrauensverlust, psychologischer Not und der Frage, wer hinter diesem Leben steht.

„Willkommen in unserer Vorstellung vom Paradies“ – wenn Ressortmanager Gästen solcherlei versprechen, sollte man bereits hellhörig werden. Zumal es das angesprochene Paar, Guy (Gael Garcia Bernal) und Prisca (Vicky Krieps), selbst nicht glauben kann – was für ein Preis-Leistungs-Verhältnis! Die Urlaubsinsel mit dem üppigen Regenwald, der gemeinsam mit hohen Felsen einen abgelegenen Strand eingrenzt (ein Geheimtipp!), wird dann tatsächlich zur besonderen Erfahrung.
Einmal mehr bietet der US-amerikanische Mystery-Großmeister M. Night Shyamalan eine Tour de force, die sich in „Old“ in ein geradezu wahnwitziges Gruppenexperiment steigert. 12 Urlauber finden sich an einem Strand wieder, wo der Alterungsprozess rasend vonstatten geht. Selbst Wunden heilen innerhalb von Sekunden zu. Kinder, die vor wenigen Minuten noch solche waren, werden von ihren Eltern nicht mehr wiedererkannt, weil sie schon wieder um Jahre gealtert sind, so wie im Fall von Guy und Prisca und deren sechsjährigem Sohn Trent (Nolan River) und 11-jährigen Tochter Maddox (Alexa Swinton). Die Kids wundern sich nur, warum ihre Schwimmsachen plötzlich so eng geworden sind. Neben der Familie weilen ein schwarzer Rap-Star (Aaron Pierre), ein eigentümlicher Chirurg (Rufus Sewell) und seine Starlet-ähnliche Frau (Abbey Lee), ein Krankenhelfer, eine Psychologin und noch ein paar Leute am Strand. Man erkennt schon an der Zusammensetzung: Die Gruppendynamik ist in „Old“ mindestens so wichtig wie jeder einzelne Charakter. Der Horror des Alterns und die Frage, was in der verbliebenen Lebenszeit bleibt, sind aber nur ein Parameter, mit dem Shyamalan sein Spiel vorantreibt. „Old“ funktioniert ähnlich wie die Versuchsanordnungen von Krimis, in denen ein unerkannter Mörder eine Partygesellschaft vor sich hertreibt. Da schwindet das Vertrauen in den Menschen rasch, der Hang zur Hysterie wächst, Ressentiments wie Rassismus brechen durch, während Shyamalan auch die Gesetze der Natur aushebelt. Wie durch einen Fluch ist diese kleine Gesellschaft auf Gedeih und Verderben sich selbst ausgeliefert.

Ein Film als Rätsel 

Als Vorlage für „Old“ diente die Graphic Novel „Sandcastle“ von Pierre Oscar Lévy und Frederik Peeters. Eine visuelle Entsprechung findet man in der Kamera von Mike Gioulakis, der schon für „Glass“ oder zuletzt für Jordan Peeles „Us“ die Wahrnehmung des Publikums irritiert hat. „Old“ ist kein Horrorfilm im eigentlichen Sinn, Splatter-Elemente spielen hier eine untergeordnete Rolle, dafür findet man hier einmal mehr den unverkennbaren Mix, mit dem Shyamalan seine Filme zusammensetzt. Er setzt seine Akteure gerne Situationen aus, in der man mit der Alltagserfahrung nicht mehr weiterkommt. Der Blick auf die Welt erhält dabei etwas Naives, Kindliches, die Vernunft muss erst das Übersinnliche akzeptieren, um doch noch zu einer Lösung zu kommen. Dazu inszeniert Shyamalan zwar intensiv und präzise (jede Begegnung in „Old“ kann es mit dem Suspense von Hitchcock aufnehmen), er verlangt zugleich aber auch ein großzügiges Publikum, was Plausibilität und Gedankensprünge betrifft. Vielleicht ist das ein Grund, warum seine Filme bei der Kritik gerne „durchfallen“. In „Old“ stellt sich einmal mehr die Frage, aus welcher Perspektive man dieser Handlung eigentlich folgt. Ist sie durch eine größere Idee gerahmt? Wofür wurde diese Kulisse von Felsen, Strand und Meer aufgebaut, in der ein Hotel seine Gäste sich selbst überlässt? Der Film folgt jedenfalls keiner klassischen Dramaturgie, sondern bebt in vielen kleinen Zyklen. Solange man noch in der Gruppe steckt, scheint es das Wichtigste zu sein, dass niemand zur Ruhe kommt. Shyamalan narrt sein Publikum gerne, aber nicht selbstzweckhaft. Auch in „Old“ hat jede Figur ihre spezifischen Handlungsräume. Die paradiesische Kulisse wird dabei zum erratischen Rätsel, das ihr eingeschriebene Unbehagen grassiert unerbittlich. Der Titel der Graphic Novel, „Sandburg“, hat dabei eine fast schönere Tonalität als „Old“. „Is it because we were kids yesterday?“, fragt eines der Kinder einmal im Film. Doch da hat das Meer die Sandburg schon längst wieder weggespült.

Was man sieht und was man zu sehen glaubt, ist bei Shyamalan so eine Sache.

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Rasante Alterung, Hysterie und mit sich ins Reine kommen. "Old" spielt mit vielen Motiven.

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Ein Rap-Star und die Sündenbockfrage, auch Rassismus wird in "Old" gestreift.

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  • Was man sieht und was man zu sehen glaubt, ist bei Shyamalan so eine Sache. Was man sieht und was man zu sehen glaubt, ist bei Shyamalan so eine Sache.
  • Rasante Alterung, Hysterie und mit sich ins Reine kommen. "Old" spielt mit vielen Motiven. Rasante Alterung, Hysterie und mit sich ins Reine kommen. "Old" spielt mit vielen Motiven.
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