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07.03.2018 |  Gunnar Landsgesell

The Green Lie

Produkte, die als nachhaltig beworben werden, sind das nicht immer. Greenwashing nennt man den Schmäh der Industrie, der Ressourcenschonung verspricht und Profit ermöglicht. Mit "The Green Lie" zeigt Filmemacher Werner Boote die Schwachstellen einer scheinbar grünen Produktion auf, lässt unsere Rolle als Konsumenten aber im Unklaren.

Umweltschutz? Wer wäre da dagegen. Eben hat der Bundeskanzler dieser Republik erklärt, dass auch der Bau einer dritten Piste am Flughafen Wien Schwechat keinen Widerspruch zum Naturschutz darstellt. „Ganz im Gegenteil“, wie er sagt. Widersprüche wie diese unter einen Hut zu kriegen, das ist eine Kunst, auf die sich auch Konzerne bestens verstehen. Greenwashing nennt man das. Bei Fluglinien kann man Ökopunkte kaufen und das Palmöl, das mittlerweile in fast jedem Lebensmittel verarbeitet ist, findet ebenso im ökologischen Bereich seine Verwendung. Hier allerdings mit dem Produkthinweis der Nachhaltigkeit. Der Filmemacher Werner Boote, der vor Jahren mit „Plastic Planet“ einem in der Natur nahezu unverrottbarem Material nachgespürt hat, möchte in „The Green Lie“ jene Lügen aufdecken, mit denen man es als ökologisch bewusster Konsument zu tun hat. Gemeinsam mit der Autorin Kathrin Hartmann („Aus kontrolliertem Raubbau“, 2015) führt er in einer Art Doppelconference durch den Film: Boote spielt den bemühten, aber naiven Bürger, der im Supermarkt verzweifelt, weil Hartmann ihn darüber aufklärt, dass es gar kein nachhaltiges Palmöl gibt, da für dieses immer Regenwald gerodet werden müsse. Während Boote schon mutlos über dem Einkaufswagen hängt, klärt Hartmann ihn auf, dass auch den vielen Öko-Labels, die einen fairen und schonenden Produktionsprozess versprechen, immer nur bedingt zu vertrauen sei. Um der Sache auf den Grund zu gehen, reist das Duo also an jene Orte, an denen Shrimps, Chips, Fleisch oder Getreide für unseren Markt produziert werden. In Indonesien führt der bekannte Aktivist Feri Irawan auf einen verkohlten Acker, dessen Torferde immer noch gefährlich glost. Der Primärwald, der hier kürzlich noch stand, wurde illegal abgeholzt – entgegen den Beteuerungen der Industrie, die in dem Gebiet nachhaltig produziert. In Deutschland steigt Boote in einen schnittigen Tesla, der verspricht, Umweltgedanken und Fahrvergnügen zu vereinen. Auch hier wird die Öko-Expertin Hartmann zur Spielverderberin: Der Strom für das Auto könne auch von kalorischen Kraftwerken kommen, im Auto selbst seien seltene Erden verbaut. Und auf Grande Isle in Louisiana verstopfen Shrimps am Meeresgrund ihre Kiemen mit Teer und einer Chemikalie, mit der der Ölkonzern BP nach der Explosion der Ölplattform „Deepwater Horizon“ das Problem rasch und billig lösen wollte. Es wurde aber nur unsichtbar gemacht, das ganze Gift ist nun auf dem Meeresboden im Golf von Mexiko verteilt. Mit jeder neuen Station auf dieser Reise schwindet das Vertrauen, unsere Welt könne entgegen aller Bemühungen doch noch gerettet werden. Gerät „The Green Lie“ damit in Gefahr, selbst zum Spielverderber zu werden, der bewussten Konsumenten den Glauben an ihr Handeln nimmt?

Lamento oder mehr?

Nein, dann hätte man Hartmanns und Bootes Ansatz in diesem Film nicht verstanden. Es gibt eine witzige Szene, in der die beiden jeweils auf der Spitze eines Schrottberges stehen, Teil einer großen stählernen Skulptur, der Cathedral of Junk, die in Austin, Texas, zum Touristenmagnet wurde. Unter sich den Industriemüll von Jahrzehnten, argumentieren die beiden, wer nun für den ganzen Abfall verantwortlich sei. Die Pointe ist aufgelegt, natürlich kann niemand sich ausnehmen, wir alle sind Teil dieses Wirtschaftssystems. Folgt man der Idee von „The Green Lie“, dann verbraucht auch ökologische Landwirtschaft Ressourcen, allerdings weniger und auf schonendere Weise als konventionelle Landwirtschaft. Die Botschaft des Films lautet deshalb klar und einfach: „Systemwechsel“. Dass das utopisch klingt, wissen auch Boote und Hartmann. Wohl deshalb konsultieren sie gegen Ende den Parade-Intellektuellen der Vereinigten Staaten, Noam Chomsky, der eine Einschätzung dazu geben soll. Chomsky enttäuscht nicht, wenn er mit recht trockenen Worten fordert, dass die Politik nicht länger von Konzernen bestimmt werden dürfe und diese zudem unter öffentliche Kontrolle gestellt werden müssten. Der Weg dorthin sei weit, gibt auch Chomsky zu, doch wer hätte im 16. Jahrhundert gedacht, dass es einmal eine parlamentarische Demokratie geben würde? Bestandsanalyse und Prophetie fügen sich in „The Green Lie“ zu einer Erzählung, die gleichermaßen widersprüchlich und aufschlussreich ist. Die Rolle des kritischen Konsumenten bleibt jedoch ungeklärt. Wie sollen wir uns denken, als Menschen, die durch ihr Verhalten Veränderung schaffen können oder letztlich doch nur als Teil eines „Systems“, in dem man über Lamento nicht hinauskommt? Da es bis zu Chomsky's Wende noch etwas dauern wird, bleibt die Last bis dahin wohl doch noch an der individuellen Entscheidung hängen.

Der verunsicherte Konsument: Boote und Hartmann im Supermarkt, aber was darf hier guten Gewissens gekauft werden?

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Düstere Ausblicke: Der indonesische Aktivist Feri Irawan auf einer verkohlten Fläche, die kurz zuvor noch Primärwald war. Die Conclusio: nachhaltiges Palmöl gibt es nicht.

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Mit dem Tesla in die Kohlengrube: Auch für ökofreundliche Technologien kann der Strom noch aus schmutzigen Quellen stammen.

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Beim Kongress indigener Völker in Lateinamerika: sie treten gegen Landnahme durch Konzerne auf.

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