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18.11.2022 |  Gunnar Landsgesell

The Menu

„The Menu“ ist eine Horrorsatire, die einer Gruppe elitärer Gastro-Kritiker in einen Gourmet-Tempel folgt, in dem der Chef (Ralph Fiennes) mit einem gewagten Programm aufwartet. Die Kreationen selbst sind dabei noch das harmloseste.

Zuerst denkt man an einen Fall von Distinktion, wenn der Foodie Tyler (Nicholas Hoult) seine Begleiterin Margot (Anya Taylor-Joy) bittet, nein, nötigt, ihre Zigarette auszumachen. Das ungleiche Paar wartet auf die Überfahrt auf eine Insel, auf der der ultimative Gourmet-Tempel steht. Das Qualmen würde nur ihre Geschmacksnerven trüben, meint Tyler. Die kleine Runde, mit der die beiden im Nobelrestaurant empfangen werden, kennt sich offenbar. Die Elite der Gastro-Kritiker ist unter sich, auf einem winzigen Eiland ohne Fährbetrieb, empfangen von einem Chef namens Slowik (Ralph Fiennes), der eine unangenehme Strenge ausstrahlt. Seine Willkommensworte klingen wie eine Warnung (Ich möchte nicht, dass Sie hier „essen“), seine Sous-Chefs stehen zwar an den Pfannen, aber mit militärischem Drill. Wenn der Chef in die Hände klatscht, um einen neuen Gang anzukündigen, dann weiß man nie, ob seine Gäste noch bedient oder schon bestraft werden. Bei einem Gang fehlt das Brot, weshalb man die Saucen pur löffeln muss, bei einem anderen liegen Fundstücke vom Strand und aus dem Meer am Teller. – Wir essen ein ganzes Ökosystem, heißt es hier. Das an sich klingt schon bedrohlich.

Zwischen Affirmation und Schockstarre

„The Menu“ entwickelt sich von Anfang an sinister, klaustrophobisch, mit einem gehörigen Schuss Sarkasmus, bei dem man nie sicher ist, ob hier die Grenzen dieser kulinarischen Zusammenkunft nicht bereits überschritten sind. Es scheint, als hätte Regisseur Mark Mylod diese exquisite Gourmet-Szene gar nicht dafür versammelt, um sie satirisch in ihrer Mischung aus Elitismus und Anbiederung aufs Korn zu nehmen, sondern vielmehr, um sie selbst zum Teil der Speisekarte, des titelgebenden „Menu“, zu machen. So treibt Mylod mit dem nicht ganz friktionsfreien Verhältnis zwischen Slowik und seinen Gästen ein munteres Spiel, in dem der Horror darin besteht, zu beobachten, wie lange die Elite bereit ist, ihre offensichtlich missliche Situation zu verdrängen und sich hinter der Huldigung an den Chef zu verschanzen. Mylod macht einen dabei zum Zeugen, ob man es will oder nicht. Allerdings hat er in dieser erlesenen Runde wenig sympathischer Figuren mit Margot (die mit der Zigarette) auch jemanden platziert, den vielmehr der Zufall angespült hat. In ihrer Figur bündeln sich am ehesten die Emotionen, die beim Publikum geschürt werden. „The Menu“ ist ein Film, der ein gewieftes Spiel mit seinem Publikum verfolgt und dessen Erwartungen hintertreibt. Eine Horrorsatire, die das macht, was die Eltern verboten haben: mit dem Essen zu spielen. Die Bestrafung folgt auf den Fuss.

Düsteres Ambiente, erlesene Gäste. "The Menu" ist kein Film über die Kochkunst, sondern über die Emotion, die mitunter dahinter entstehen kann.

Düsteres Ambiente, erlesene Gäste. "The Menu" ist kein Film über die Kochkunst, sondern über die Emotion, die mitunter dahinter entstehen kann.

Der Chef (R. Fiennes) als schillerndes Abziehbild: als Sektenguru und Drill-Sergeant.

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Margot (Anya Taylor Joy) gerät eher zufällig in die Szenerie. Was unterscheidet sie von der Haltung der Kritiker?

Margot (Anya Taylor Joy) gerät eher zufällig in die Szenerie. Was unterscheidet sie von der Haltung der Kritiker?

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  • Düsteres Ambiente, erlesene Gäste. "The Menu" ist kein Film über die Kochkunst, sondern über die Emotion, die mitunter dahinter entstehen kann. Düsteres Ambiente, erlesene Gäste. "The Menu" ist kein Film über die Kochkunst, sondern über die Emotion, die mitunter dahinter entstehen kann.
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